Syrien Russland verspricht Eingeschlossenen in Aleppo freies Geleit

Die syrische und die russische Armee haben Aleppo über Monate sturmreif gebombt, jetzt bietet Moskau den 250.000 Eingeschlossenen freies Geleit. Doch die wenigsten trauen dem Versprechen.

Männer tragen getötetes Kind durch die Straßen von Aleppo
REUTERS

Männer tragen getötetes Kind durch die Straßen von Aleppo


Syrische Regierungstruppen haben Aleppo komplett eingekreist. Im Osten der Stadt, der noch von Aufständischen kontrolliert wird, sitzen rund 250.000 Zivilisten fest - abgeschnitten von Hilfslieferungen.

Glaubt man den Mitteilungen aus Moskau, soll das Leid der Eingeschlossenen nun beendet werden. Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu hat die Einrichtung von Fluchtkorridoren angekündigt, durch die Bewohner Aleppo verlassen könnten. Dieser "groß angelegte humanitäre Einsatz" werde noch im Laufe des Donnerstags zusammen mit der syrischen Regierung eingeleitet.

SPIEGEL ONLINE

Schoigu sagte, russische und syrische Soldaten würden drei Korridore einrichten, durch die Zivilisten sicher aus der Stadt gelangen könnten. Einen vierten Korridor werde es zudem im Norden Aleppos geben. Dieser sei für Bewaffnete gedacht. Russland habe die syrische Regierung dazu gedrängt, auch diese zu begnadigen, sofern sie keine ernsten Verbrechen begangen hätten, sagte Schoigu.

Aus Hubschraubern wurden Flugblätter über den abgeriegelten Stadtteilen abgeworfen, auf denen die angeblichen Fluchtkorridore aufgezeichnet sind.

Parallel dazu garantierte Syriens Präsident Baschar al-Assad in einem Dekret allen Rebellen eine Amnestie, "die sich selbst den Behörden stellen und ihre Waffen niederlegen".

Die Aufständischen sollen nun also dem Regime und seinen Verbündeten vertrauen, die in den vergangenen Jahren rücksichtslos Wohngebiete bombardiert und ausgehungert haben.

Ähnliche Versprechen hat Assad seit Beginn des Aufstands in Syrien wiederholt gegeben - sie wurden aber niemals eingelöst. Schon im Juni 2011, wenige Monate nach den ersten Demonstrationen gegen den Diktator, hatte er eine Generalamnestie für alle politischen Gefangenen versprochen. Diese wurde nie umgesetzt, im Gegenteil: Seither sind Zehntausende Syrer in den Folterkellern des Regimes verschwunden.

Auch freies Geleit für bewaffnete Regimegegner hatte Assad schon einmal versprochen. Unter Vermittlung der Uno hatten im Februar 2014 Aufständische eingewilligt, die eingeschlossene Altstadt von Homs zu verlassen. Hunderte Männer wurden nach ihrem Abzug gegen die Abmachung von den Regierungstruppen festgesetzt. Rund 200 von ihnen sind bis heute verschwunden.

Wie groß das Misstrauen der Menschen in Aleppo gegenüber dem Assad-Regime ist, zeigt sich an ihrem Umgang mit Lebensmittelpaketen, die seit Mittwoch von der Armee über der Stadt abgeworfen wurden. Anstatt sie zu öffnen, bringen sie die Pakete mit den russischen Nahrungsmitteln in die letzten noch existierenden Untergrundkrankenhäuser. Dort sollen sie auf Gift untersucht werden.

syd/Reuters/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.