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18. September 2016, 09:48 Uhr

Mehr als 60 Tote

USA und Russland streiten nach Angriff auf syrische Truppen

Der Vorfall schürt das Misstrauen in der Waffenruhe: Bei einem US-Luftangriff sind mehr als 60 syrische Soldaten getötet worden. Washington spricht von einem Irrtum, Moskau vermutet Absicht.

Der Zeitpunkt könnte kaum ungünstiger sein: Ein vermutlich irrtümlicher Luftangriff der von den USA geführten Koalition auf syrische Regierungssoldaten hat ein schweres Zerwürfnis zwischen den Regierungen in Washington und Moskau ausgelöst.

Bei dem Angriff waren am Samstag mindestens 60 Regierungssoldaten getötet worden, weitere 100 wurden verletzt. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte geht von mindestens 83 Toten und mehr als 120 Verletzten aus. Die Angaben der Organisation können nicht unabhängig überprüft werden, haben sich aber in der Vergangenheit als zuverlässig erwiesen.

Russland berief am Samstagabend eine Dringlichkeitssitzung des Uno-Sicherheitsrats ein. Der russische Uno-Botschafter Witali Tschurkin verließ das Treffen jedoch, als seine US-Kollegin Samantha Power eintraf. Tschurkin bezeichnete den Angriff als möglicherweise gewollt.

Die US-Regierung hatte zuvor ihr Bedauern über den "Irrtum" geäußert. Sie habe dieses Bedauern auch Syrien übermittelt, zitierte der US-Sender CNN einen Regierungsbeamten. Man sei davon ausgegangen, dass es sich um Stellungen der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) gehandelt habe, teilte das US-Zentralkommando mit. Die USA würden sich weiterhin an die Bedingungen der Waffenruhe halten und zugleich - gemäß der Vereinbarung - den IS nach wie vor bekämpfen.

"Ein Stunt voller Moralismus und Effekthascherei"

Die abendliche Uno-Sitzung am New Yorker East River hat jedoch verdeutlicht, wie zerbrechlich das ohnehin gespannte Verhältnis zwischen Washington und Moskau im Syrien-Konflikt ist. Am Montagabend war eine Waffenruhe in Syrien in Kraft getreten, die die USA und Russland verhandelt hatten. Angriffe gegen islamistische Gruppen sind von der Feuerpause ausgenommen. Während die Gewalt in Syrien zunächst auch deutlich zurückgegangen war, waren die Kämpfe in den vergangenen Tagen immer häufiger aufgeflammt, es kam zu zahlreichen Brüchen der Waffenruhe.

Der russische Uno-Botschafter Tschurkin erklärte, es sei möglich, dass der "rücksichtslose" Luftangriff ausgeführt wurde, um die Umsetzung der mühsam ausgehandelten Syrien-Vereinbarung zu behindern. Zur aus seiner Sicht von den USA verletzten Einhaltung der Waffenruhe sagte er: "Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was der nächste Schritt sein wird." Als endgültig gescheitert bezeichnete er die Vereinbarung aber nicht.

Power, die wegen ihres Statements vor Journalisten laut Tschurkin einen Teil von dessen Kommentaren im höchsten Uno-Gremium verpasste, bezichtigte Russland der Effekthascherei. "Selbst nach russischen Standards ist der Stunt von heute Abend - ein Stunt voller Moralismus und Effekthascherei - auf einzigartige Weise zynisch und scheinheilig", sagte Power. Sie zeigte sich empört, dass Russland eine Dringlichkeitssitzung einberief, unzählige Angriffe auf die Bevölkerung durch das syrische Regime aber unbeantwortet gelassen hatte.

Nach Angaben des US-Zentralkommandos hatte die Koalition den Angriff sofort abgebrochen, als russische Vertreter darauf aufmerksam gemacht hätten, dass das Ziel möglicherweise syrische Regierungssoldaten waren.

Russisches Verteidigungsministerium hält Versehen für möglich

Wie die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana berichtete, seien Stellungen der Armee in der Nähe eines Militärflughafens in der Provinz Dair as-Saur angegriffen worden. Es ist das Kernland der Islamisten, syrische Regierungstruppen kontrollieren hier nur kleine Gebiete. Direkt nach dem Luftangriff seien Kämpfer des IS am Boden in die Offensive gegen den Stützpunkt gegangen. Auch das IS-Sprachrohr Amak berichtete vom Vorrücken der Dschihadisten.

Den Moskauer Angaben zufolge kamen die Flugzeuge der Koalition aus dem Irak in den syrischen Luftraum und flogen vier Angriffe. Auch Kampfhubschrauber waren nach Berichten der Beobachtungsstelle für Menschenrechte an dem Angriff beteiligt.

Igor Konaschenkow, Sprecher des Verteidigungsministeriums in Moskau, schloss nicht aus, dass die Attacke ein Versehen war. Er führte den Fehler auf die Weigerung der USA zurück, ihr militärisches Vorgehen gegen terroristische Gruppen in Syrien mit Russland abzustimmen.

Das US-Zentralkommando verwies auf die "komplexe" Situation in Syrien mit verschiedenen militärischen Kräften und Milizen in nächster Nähe zueinander. "Aber Koalitionskräfte würden keine syrische Einheit wissentlich und absichtlich angreifen."

yes/dpa/Reuters

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