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Als Fotograf im syrischen Bürgerkrieg: Eine Reise um Leben und Tod

Foto: Tim Alsiofi

Als Fotograf im syrischen Bürgerkrieg Eine Reise um Leben und Tod

Tim Alsiofi hat acht Jahre lang den Bürgerkrieg in Syrien fotografiert. Seine Bilder sind Zeugnisse einer untergegangenen Welt - erzählen aber nicht nur vom Tod.

Eigentlich war er Musiker. Aber dann brach der Aufstand los gegen Syriens Diktatur, und Tim Alsiofi begann zu fotografieren, die Geschichten hinter den Bildern zu sammeln.

Acht Jahre lang hat er das Grauen, aber auch den heiteren, manchmal surrealen Überlebenswillen der Belagerten in seiner Heimatstadt Douma, später in Idlib festgehalten.


Idlib, sagte er schon vor einem Jahr am Telefon, sei ein wundervoller, ja paradiesischer Ort. Meinte er wirklich Idlib, diese Chiffre des Grauens, Syriens letzte Aufstandsprovinz, die seit sieben Jahren von syrischen, russischen Kampfjets und Hubschraubern bombardiert wird?

Tim Alsiofi - ein Musiker, der im Krieg zum Fotografen wurde

Tim Alsiofi - ein Musiker, der im Krieg zum Fotografen wurde

Foto: Tim Alsiofi

"Ja", antwortete er, durchaus. Denn dort, wo er ursprünglich herkam, aus den jahrelang belagerten, im Frühjahr 2018 erstürmten Vorstädten von Damaskus, sei es noch viel schlimmer gewesen: "Aber in Idlib, da gab es Weite, Licht, Bäume!" Da sei niemand verhungert. Und manchmal, zwischen den Angriffen, habe es dort ein wenig Normalität gegeben.

Tim Alsiofi, 25, hatte gerade begonnen, Musik und Tontechnik zu studieren, als im Frühjahr 2011 Menschen voller Hoffnung und friedlich in seiner Heimatstadt Douma und anderswo in Syrien auf die Straße gingen. Er hielt fest, was geschah, erst mit seinem Smartphone, später, als die Armee Douma und die Nachbarstädte längst belagerte, mit Artillerie beschoss und aus der Luft bombardierte, mit einer Kamera, die Helfer vom Roten Halbmond eingeschmuggelt hatten. Und er sammelte die Geschichten zu diesen Momentaufnahmen, wurde zum Chronisten des Sterbens und Überlebens in diesem Inferno, was einmal Heimat war.

Alsiofi floh nicht, als 2013 der erste Chemiewaffenangriff über Douma und den anderen aufständischen Vororten niederging. Er blieb bis zum letzten Moment in Douma, als Anfang April 2018 die letzten Oppositionellen und Rebellen vor der Rückeroberung nach Idlib in den Norden deportiert wurden, er mit ihnen. Im Herbst 2019 kam Alsiofi schließlich in die Türkei. Er könne nicht mehr, schrieb er. Jede Nacht habe er Albträume, sehe wieder die Toten vor sich, rieche das Blut.

Doch seine Bilder und Geschichten erzählen von viel mehr als dem Tod. So, wie er in aller Unschuld die Schönheit Idlibs empfunden hat, spiegelt sich in seinen Episoden auch der stoische, manchmal sogar witzige Überlebenswillen seiner Nachbarn und Freunde wider: Wenn der Bräutigam einer jäh wegen Luftangriffen unterbrochenen Hochzeit wenigstens einmal in seinem Anzug fotografiert werden will, vor Trümmern. Wenn ein Vater in Douma seinen Töchtern aus riesigen Blindgängern, nicht explodierten Granaten, eine Schaukel baut.

Vieles ging nicht gut aus. Die allermeisten von Alsiofis Protagonisten sind mittlerweile tot oder geflohen. Den nach Idlib Geflüchteten droht dasselbe Schicksal, nur dass es keine Evakuierungsbusse mehr geben wird. Seine Aufnahmen und Erzählungen sind Zeugnisse einer untergegangenen Welt, die kaum jemand so nah, so berührend eingefangen hat wie er.


Der Hunger war noch jung im Winter 2014, als die Belagerung der Ghouta, der nordöstlichen Vororte von Damaskus, erst seit anderthalb Jahren anhielt. Noch gab es Vorräte, hielten Rebellen einen Teil der Felder des fruchtbaren Areals. Noch flog allein die Luftwaffe von Syriens Diktator Baschar al-Assad mit alten Maschinen ihre oft ungenauen Angriffe. Was wiederum die Märkte zu Todesfallen werden ließ: Denn hier, wo viele Menschen zusammenkamen, war die Chance am größten, auch viele zu töten.

So traf es Ende 2014 diesen Markt in der Kuwatli-Straße. Und der hungrige kleine Junge stand kurz danach vor den Trümmern des Brotstandes. Dessen Besitzer war tot, einige Laibe lagen noch auf der zertrümmerten Auslage.

Ein hungriger kleiner Junge vor den Trümmern des Brotstands

Ein hungriger kleiner Junge vor den Trümmern des Brotstands

Foto: Tim Alsiofi

Alsiofi machte ein Bild und wartete: "Der Junge stand einfach da, unschlüssig. Schließlich drehte er sich um und ging fort, ohne Brot." Am nächsten Morgen öffnete der Markt wieder. Und wurde später wieder bombardiert.


Dass es ein russischer Pilot gewesen sei, der im August 2015 seine mörderische Fracht über dem größten Markt von Douma abgeworfen hatte, sei sogar offiziell aus Damaskus bestätigt worden, erinnerte sich Tim Alsiofi: "In den Nachrichten kam es. Das Regime stellte dem Piloten eine Belohnung in Aussicht dafür, dass er 300 Terroristen vernichtet hatte. Ich war dort, kurz danach, sah eine Mutter ihren Sohn suchen, einen Mann mit seinem Sohn an der Hand nach seiner Frau suchen, einen jungen Mann, der seine Geliebte suchte. Das waren Assads Terroristen."

Tote in bunten Leichentüchern - weil die weißen ausgegangen waren

Tote in bunten Leichentüchern - weil die weißen ausgegangen waren

Foto: Tim Alsiofi

Am "Punkt 200", wo die Leichen abgeladen wurden vor der Bestattung, war früher mal ein Kindergarten gewesen. Nun lag er voll mit leblosen Körpern, "und weil uns die weißen Leichentücher ausgegangen waren, wickelten wir die Toten in bunten Stoff".


Erst machten die Blindgänger, nicht explodierte Granaten, Fliegerbomben und Raketen, den Menschen Angst. Doch mit der Zeit gewöhnten sie sich daran. Und irgendwann fing Abu Ali, der früher in einer Schlosserei gearbeitet hatte, an, Schaukeln aus ihnen zu bauen: Er entfernte vorsichtig den Sprengstoff und Zünder, schnitt die Hülle auf, bohrte Löcher für die Seile und malte sie bunt an. Dann schraubte und schweißte er ein Gestell für sie, und fertig war die Schaukel.

Blindgänger als Schaukel: Syrische Kinder spielen im Krieg

Blindgänger als Schaukel: Syrische Kinder spielen im Krieg

Foto: Tim Alsiofi

Die baute er erst nur für seine beiden Söhne, aber bald brachten ihm auch andere Blindgänger aus ihren Vierteln, damit er ihn Schaukeln daraus baue. Sonst kamen ja kaum Materialien nach Douma. Die Bomben kamen immer, und wenn sie nicht explodierten, konnte man noch Spielzeug aus ihnen herstellen. Es war gefährlich, aber zumindest bis Ende 2017 war Abu Ali nie etwas dabei passiert. Und was war nicht gefährlich daran, in Douma zu leben?


Es war die Straße nach Damaskus, Tim Alsiofi kannte sie gut von früher. Jetzt führte sie nicht mehr ins Zentrum, sondern in den Tod, wartete irgendwo unsichtbar ein paar Hundert Meter weiter der erste Scharfschütze der Armee auf Unvorsichtige, die sich zu weit vorwagten. Es gab keinen Strom mehr, und nur ein Lebensmüder hätte in einem der Häuser vor der letzten Linie in der Dunkelheit ein Licht entzündet.

Rechts, links, rechts: Eine Autofahrt im Visier der Scharfschützen

Rechts, links, rechts: Eine Autofahrt im Visier der Scharfschützen

Foto: Tim Alsiofi

Nur Motorradfahrer wagten sich ab und zu mit ihrem Scheinwerfer in den Anfangsbereich der Straße. Ohne Licht zu fahren, erhöhte das Risiko, mit einem nicht entfernten Trümmerteil, einem messerscharfen Granatsplitter irgendeines Angriffs zu kollidieren. Abwägungen in der Risikozone.

Die gefrorenen Sekunden dieser Langzeitbelichtung halten eine solche Fahrt fest: Schon im Sichtfeld der Scharfschützen, reißt der Fahrer kurz nach rechts, wieder nach links, um dann rechts abzubiegen. In Sicherheit, zumindest vor den Kugeln.


Die Belagerung von Douma und den anderen Städten, deren Ring endgültig im April 2013 geschlossen wurde, war eine gigantische Geiselnahme: Wer hier lebte, inmitten der Gegner des Diktators, war nun ein Gefangener seiner Herkunft. Gewiss, man konnte versuchen zu entkommen, sich mit Geld oder Beziehungen freikaufen. Aber der Makel blieb. Also blieben auch viele Bewohner von Douma in ihrer Stadt, auch wenn sie anfangs gar nicht zur Opposition gehört hatten.

Abu Ali - er kämpfte mit den Waffen des Flaneurs

Abu Ali - er kämpfte mit den Waffen des Flaneurs

Foto: Tim Alsiofi

So wie Abu Ali, ein vormals reicher Händler von Damenoberbekleidung, der mehrere Läden in Damaskus besessen hatte. Er hatte keine Kinder, sondern seine ganze Lebensenergie seinem Geschäft gewidmet. Ende 2016, alle Läden waren zerstört, verloren, traf Alsiofi ihn, wie er auf seine Art das Leben verteidigte: Im traditionellen Ornat, fein gemacht wie für ein großes Fest, ging er durch die staubigen Trümmerstraßen. Die schwarzen Schuhe poliert, den Spazierstock in der Hand, kämpfte er für die Würde des Überlebens: mit den Waffen des Flaneurs.


Wann immer Assads Truppen, seine russischen und iranischen Verbündeten eine Stadt, eine Provinz zurückeroberten, vermieden sie einen letzten Kampf der Verzweifelten. Wer als Kämpfer, als Arzt oder Rettungssanitäter, als ziviler Aktivist seine Stadt verteidigt, den Belagerten geholfen hatte, wurde evakuiert - oder deportiert, je nach Sichtweise. Ausgehandelt werden die Abkommen vom russischen Militär, dem beide Seiten zumindest mehr vertrauen als ihrem Gegner.

In zumeist grünen, manchmal weißen Reisebussen verließen Tausende allein aus Douma ihre zerschossene Stadt gen Norden: nach Idlib. Einem Ort relativer Sicherheit für eine Weile, einer Falle ohne Entkommen - je nach Sichtweise.

Nächstes Ziel: Idlib - eine Buskolonne nach Idlib

Nächstes Ziel: Idlib - eine Buskolonne nach Idlib

Foto: Tim Alsiofi

Am 9. April bestieg auch Alsiofi einen der Busse, nicht wissend, worum er mehr Angst haben sollte: "Um mich? Oder um die externen Festplatten, auf denen Tausende Fotos gespeichert sind, ein ganzer Lebensabschnitt." Er hat sie mitgenommen, sorgfältig katalogisiert, das Zeugnis von sieben Jahren Grauen. Immer wieder wird die endlose Kolonne gestoppt, einmal 30 Stunden lang aufgehalten, bis die Busse schließlich Idlib erreichen.


Blauer Himmel, das bedeutet gutes Wetter, Sonnenschein, bedeutet für Kinder, draußen spielen zu können, wofür es schlimmstenfalls im Sommer zu heiß sein könnte. Nicht so in Douma ab 2012: Ein wolkenloser Himmel verhieß klare Sicht für die syrischen Jetpiloten. Blauer Himmel, das bedeutete Todesgefahr. Nur an wolkenverhangenen, am besten regnerischen Tagen ließen Familien ihre kleinen Kinder draußen spielen. Dann kamen die Flugzeuge nicht.

Der Tod kam aus der Luft: Zwei kleine Mädchen, Opfer des Krieges

Der Tod kam aus der Luft: Zwei kleine Mädchen, Opfer des Krieges

Foto: Tim Alsiofi

Ihr ganzes, kurzes Leben lang wuchsen die sechsjährige Sarah und ihre kleine Schwester mit dieser Überlebensregel auf, dass an sonnigen Tagen etwas Furchtbares aus dem Himmel drohe. So waren sie auch an diesem diesigen Wintertag Anfang 2018 ins Freie gekommen, als Tim Alsiofi sie Hand in Hand in ihren bunten Kindersandalen fotografierte. Vier Tage später gab es eine Ausnahme von der Regel, ein Jet flog trotz Wolken, seine Fracht tötete die beiden Schwestern.


Auch in Douma wurde weiter geheiratet, trotz oder manchmal auch wegen des Krieges: Um ein Zeichen zu setzen gegen die Angst, die Mutlosigkeit, die viele beschlich nach den ersten Monaten, Jahren der Belagerung. Auch Alsiofis Freund Raed heiratete, im Februar 2017. Das kleine Fest fand abends statt, seine Freunde hatten zuvor penibel überprüft, dass der Raum mit Pappe so isoliert war, dass kein Licht nach außen dringen würde.

Hochzeit in Ruinen: Bräutigam Raed in Douma

Hochzeit in Ruinen: Bräutigam Raed in Douma

Foto: Tim Alsiofi

Doch dann kam in jener Nacht ein Luftalarm, über die improvisierte Kette der Funkabhörer nahender Jets und die Einsatzzentrale, die ihn via Walkie-Talkie verbreitete. Noch bevor die Party wirklich begonnen hatte und vor allem bevor Tim Alsiofi den Bräutigam in seinem mühsam beschafften Anzug fotografieren konnte. Alle flüchteten in die Keller. Raed war wütend, wollte am nächsten Tag wenigstens einmal als fein gemachter Bräutigam verewigt werden. Nur wo? In ganz Douma gab es keine schöne Kulisse mehr. Also entstand das Bild von ihm im Anzug vor einer mehrstöckigen Ruine.


"Er wollte ein Foto", erinnert sich Alsiofi, "wir kannten uns zufällig, und er hatte mich gefragt, ob ich ihn fotografieren könne, für seine Mutter, damit er das Bild auf Facebook einstellen könne, um ihr zu zeigen, dass er noch 'in einem Stück' war. Ich schlug vor, das Porträt vor der Großen Moschee aufzunehmen. Wir gingen hin, ich suchte eine Stelle für ihn und ging ins Haus gegenüber, um ihn durch ein Fenster aufzunehmen. 'Bist du bereit, Mahmud?', rief ich noch, als es eine ohrenbetäubende Explosion gab. Ich hörte, sah nichts mehr.

Rettungssanitäter der "Weißhelme" bei der Bergung

Rettungssanitäter der "Weißhelme" bei der Bergung

Foto: Tim Alsiofi

Als der Staub sich gelegt hatte, sah ich ihn: leblos, ein paar Meter entfernt von der Stelle, wo ich ihn gebeten hatte, stehen zu bleiben. Das Foto von ihm habe ich gemacht, als die 'Weißhelme', die Rettungssanitäter, seine Leiche forttragen. Es war das traurigste Bild, das ich je gemacht habe. Ich habe so viel verloren, was ich geliebt habe. Bekommen habe ich dafür lediglich viele Bilder. War ich schuld an seinem Tod? Warum hatte ich ihn hier posieren lassen? Seiner Mutter wäre es doch völlig egal gewesen, wo ich ihn aufnehme."


Welch seltsame Erleichterung war das: Der Krieg ging weiter, Bomben fielen auch auf Idlib und den Norden der Provinz Aleppo, wohin die Armee des Regimes noch nicht gekommen und Alsiofi vorläufig in Sicherheit war. Aber er brach morgens auf ohne Schutzweste und Helm, ohne einen Abschiedsbrief auf dem Bett liegen zu lassen, falls er nicht zurückkäme. Vorher, in Douma, "warteten wir jeden Morgen auf den Tod und beglückwünschten uns am Abend, wenn wir noch lebten, schwiegen für jene, die gestorben sind".

Manchmal gab es Tage, an denen Tim Alsiofi dem Krieg im Norden nicht begegnete

Manchmal gab es Tage, an denen Tim Alsiofi dem Krieg im Norden nicht begegnete

Foto: Tim Alsiofi

Im Norden gab es Stille, Normalität, einen See, in dem Menschen fischten, badeten. Manchmal gab es Tage, an denen der Krieg ihm nicht begegnete. Und Bäume, unversehrt! "In Douma hatte ich ein Jahr zuvor mein Bett zerhackt, damit wir mit dem Holz kochen und heizen konnten!" Fast alle Bäume in seiner belagerten Stadt waren gefällt, bis zum letzten Zweig verfeuert worden. Bis auf eine mächtige, hundertjährige Pinie. Die hatte niemand anzutasten gewagt, weil sie die Anwohner vor den Scharfschützen des Regimes am Ende der Straße geschützt hatte. Bis auch sie von einer Bombe russischer Jets getroffen wurde.

Eine Auswahl von Tim Alsiofis Bildern und Texten wurden von der Heinrich-Böll-Stiftung als Katalog "Von Herzen, aus Idlib" herausgegeben und in einer Ausstellung Ende 2019 in Berlin gezeigt.