Kampf gegen den IS Wettlauf um die Wüste

Sturm auf Tal Afar, Häuserkampf in Rakka: Das "Kalifat" des IS bröckelt. Die Terrormiliz hält nur noch einen Teil der Wüste zwischen Irak und Syrien. Doch die Einöde hat es in sich.

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"Bereitet euch vor, die Schlacht kommt und der Sieg ist nah" stand auf den Flugblättern, die das irakische Militär vergangene Woche über Tal Afar, 70 Kilometer westlich von Mossul, abwarf. Die alte Garnisonsstadt in der Ebene von Ninive war eine der letzten Hochburgen des "Islamischen Staats" (IS) im Irak.

Nur acht Tage nach Beginn der von den USA und Frankreich unterstützten Offensive haben die Truppen von Ministerpräsident Haider al-Abadi, kurdische Peschmergakämpfer und die schiitischen Volksmobilisierungseinheiten nach einigen Angaben alle 29 Stadtteile von Tal Afar größtenteils eingenommen.

Der IS hatte den mehrheitlich von schiitischen Turkmenen bewohnten Ort 2014 erobert - nachdem sich dort bereits zu Beginn des Jahrtausends al-Qaida eingenistet und die Stadt als Durchgangsstation für Kämpfer von Damaskus nach Bagdad genutzt hatte.

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Nach Tal Afar will die irakische Armee nun die letzten vom IS gehaltenen Orte erobern. Das Vorgehen ist das Gleiche: Über der westlich von Kirkuk gelegenen Stadt Hawidscha und der Region Rawa in der Wüstenprovinz Anbar warfen die Streitkräfte bereits Flugblätter ab. Die Einwohner wurden auch darin aufgefordert, "sich vorzubereiten".

"Faludscha auf Steroiden"

Die Ende Juli verkündete vollständige Eroberung Mossuls hat die irakischen Truppen offenkundig gestärkt.

Der für den Kampf gegen den IS zuständige US-General Stephen J. Townsend sagte der "New York Times", es sei der härteste Kampf gewesen, den er in seiner 35-jährigen Laufbahn erlebt habe.

"Es war wie Faludscha auf Steroiden", sagte er - ein Verweis auf die im Winter 2004 gegen Dschihadisten durchgeführte Operation "Phantom Fury", die als erbittertste Schlacht gilt, die US-Marines seit dem Vietnamkrieg geschlagen haben.

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Ein Blick ins Nachbarland: Auch in Syrien ist der Kampf gegen den IS brutal und blutig. Das sogenannte Kalifat bröckelt - an der Grenze zum Libanon, vor allem aber rund um Rakka.

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Seit Beginn der Anti-IS-Offensive im Juni sollen rund 270.000 Menschen aus der IS-Hochburg geflohen sein. Wie viele noch in der nordsyrischen Stadt gefangen sind, ist nicht bekannt. Die Vereinten Nationen gehen von bis zu 50.000 Zivilisten aus. Sie sitzen zwischen den Fronten fest, der IS missbraucht sie als menschliche Schutzschilde.

Hinzu kommen schwere Luftangriffe und Artilleriebeschuss der US-geführten Militärkoalition der "Demokratischen Kräfte Syriens", zu denen neben kurdischen Einheiten auch einige sunnitisch-arabische gehören.

Die von Russland unterstützten Truppen des Assad-Regimes sollen Amnesty International zufolge außerdem Zivilisten im Umland von Rakka bombardiert und dafür auch Streubomben eingesetzt haben. "Ich kann mir derzeit keinen schlimmeren Ort auf der Erde vorstellen", sagte der Uno-Nothilfekoordinator für Syrien vor wenigen Tagen.

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Rückzug des IS: Kesselschlachten in der Wüste

Wenn Rakka fällt, beginnt der Wettlauf um die Wüste und die am Euphrat gelegene Stadt Deir al-Sor endgültig. Deren Umgebung und einige Stadtteile werden vom IS noch gehalten. Seit Mai versuchen die von Iran und Russland unterstützten Truppen des syrischen Machthabers Baschar al-Assad die Wüstengebiete zu erobern.

Entscheidung an der Ostfront

Vor Kurzem sind sie bereits bis an die Stadt Ma'adan vorgerückt, die an die ölreiche Provinz Deir al-Sor grenzt. Die Dschihadisten schlugen zurück. Nach Angaben der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte kam es außerdem zu Gefechten bei al-Suchna, eine der wenigen Städte in der Wüste.

Auch das von den USA unterstützte kurdisch-arabische Bündnis will Richtung Deir al-Sor vorstoßen. Das Euphrat-Tal gilt als Heimstätte vieler IS-Kämpfer. Wer an der Ostfront siegt, der entscheidet auch das geopolitische Ringen in der Region.

Iran versucht seit Jahren, über den Irak und Syrien einen sogenannten "schiitischen Halbmond" zu etablieren, der bis in den Libanon reicht - und damit an Erzfeind Israel grenzt.

Mit der schiitischen Regierung in Bagdad, dem Assad-Regime in Damaskus und der Hisbollah-Miliz in Beirut hat es dafür auch bereits die passenden Statthalter. Nun könnte auch das riesige Wüstenterritorium rund um das Euphrattal hinzukommen.

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Die USA wollen das verhindern. Israel, mit Iran bitter verfeindet, ebenfalls. Als Ministerpräsident Benjamin Netanyahu vor wenigen Tagen zum vierten Mal in sechzehn Monaten nach Russland reiste und Präsident Wladimir Putin in Sotschi traf, war seine Warnung deutlich: Teheran werde versuchen, das Vakuum nach der Niederlage des IS zu füllen. Sollte also die Terrormiliz tatsächlich in näherer Zukunft geschlagen werden - ist in der Dauerkrisenregion trotzdem keine Ruhe zu erwarten.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben präzisiert, dass Deir al-Sor nicht vollständig vom "Islamischen Staat" kontrolliert wird. Vielmehr kontrolliert der IS die Umgebung der Stadt sowie einige Stadtteile.

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HerrPeterlein 30.08.2017
1. Der Krieg nachdem Krieg...
Die IS muss gemeinsam geschlagen werden, es sieht gut aus in dieser Richtung. Doch um einen dauerhaften Stellvertreterkrieg zu vermeiden, müssen die Truppen an den Grenzen langsam halt machen. Dauerhaften Frieden sehe ich nur wenn es am Ende 2 Staaten und ein sehr autonomes Gebiet der Türken gibt. Der Irak, Syrien unter Assad und im Norden das Gebiet der Türken über beide Staaten. Jede andere Lösung für zu einen Konflikt zwischen richtigen Militärmächten.
Richtigstellung. 30.08.2017
2. Ein Beitrag voller Fehler...
1) Die drei schiitischen Millizionäre auf Bild 3/6 sind Federal Police Einheiten - eindeutig zu erkennen am blauen Flecktarn 2) Die Karte von Syrien ist Schwachsinn. Der IS hält in Zentralsyrien noch Gebiete um Uqraibat - östlich davon hat die Syrische Armee alle Gebiete bis einschließlich der Stadt Al-Sukhnah in Ihrer Hand (selbst wikipedia bestätigt die Einnahme am 06.08.2017!!). Entlang der M20 ist man von Al-Sukhnah aus sogar bereits 30-40 km weiter Richtung Deir-Ezzor vorgerückt. 3) Der Artikel betont stets die SDF als Anti-IS-Kämpfer. Davon dass die syrische Armee in 2017 dem IS das 3-4fache an Fläche abgejagt hat wie die SDF ist keine Rede 4) Die SDF will nicht - wie von ihnen behauptet - Richtung Deir-Ezzor vorrücken. Die YPG sieht es nicht ein, das Leben kurdischer Kämpfer in einer rein arabisch/armenische geprägten Stadt aufs Spiel zu setzen. Die Amerikaner versuchen gerade verzweifelt loyale arabische Stammeskämpfer für Angriffe in der PROVINZ Deir-Ezzor zu finden (nur nördlich des Euphrates - Der Euphrates wurde bis auf weiteres als Deeskalationslinie festgelegt) 5) Nebenher erwähnt: Ein nicht unerheblicher Teil der kurdisch-arabischen Syrer die in Raqqa gefallen sind, sind übrigens türkische Kurden der PKK (erkennbar an den gewählten Kampfnamen)
Strichnid 30.08.2017
3.
Was für ein parteiischer Bericht. Fassen wir zusammen: Die vom Westen unterstützten Peschmerga (an denen offenbar keine Kritik nötig ist) sind mega erfolgreich, ebenso die von den USA unterstützten Kurden in Syrien. Die von den Russen unterstützten Syrer jedoch "versuchen" nur, dem IS was abzutrotzen, und gehen dabei auch noch als vermutlich einzige Kriegspartei mit Streubomben o.ä. schlimmen vor. Schon klar. Nur kein Wort zu den tatsächlich immensen Geländegewinnen der syrischen Armee - fast die Hälfte des Landes ist von ihnen bereits vom IS zurück geholt werden. Aber nee, die "versuchen" ja nur.
HeisseLuft 30.08.2017
4. Richtigstellung der Richtigstellung...
Zitat von Richtigstellung.1) Die drei schiitischen Millizionäre auf Bild 3/6 sind Federal Police Einheiten - eindeutig zu erkennen am blauen Flecktarn 2) Die Karte von Syrien ist Schwachsinn. Der IS hält in Zentralsyrien noch Gebiete um Uqraibat - östlich davon hat die Syrische Armee alle Gebiete bis einschließlich der Stadt Al-Sukhnah in Ihrer Hand (selbst wikipedia bestätigt die Einnahme am 06.08.2017!!). Entlang der M20 ist man von Al-Sukhnah aus sogar bereits 30-40 km weiter Richtung Deir-Ezzor vorgerückt. 3) Der Artikel betont stets die SDF als Anti-IS-Kämpfer. Davon dass die syrische Armee in 2017 dem IS das 3-4fache an Fläche abgejagt hat wie die SDF ist keine Rede 4) Die SDF will nicht - wie von ihnen behauptet - Richtung Deir-Ezzor vorrücken. Die YPG sieht es nicht ein, das Leben kurdischer Kämpfer in einer rein arabisch/armenische geprägten Stadt aufs Spiel zu setzen. Die Amerikaner versuchen gerade verzweifelt loyale arabische Stammeskämpfer für Angriffe in der PROVINZ Deir-Ezzor zu finden (nur nördlich des Euphrates - Der Euphrates wurde bis auf weiteres als Deeskalationslinie festgelegt) 5) Nebenher erwähnt: Ein nicht unerheblicher Teil der kurdisch-arabischen Syrer die in Raqqa gefallen sind, sind übrigens türkische Kurden der PKK (erkennbar an den gewählten Kampfnamen)
Das Meiste stimmt so und kann ich unterschreiben. Zu 3) soweit korrekt, liegt aber - vermutlich - daran, dass zum Einen die SDF sich auf die Stadt Rakka konzentriert. Zum Anderen ist das 3 bis 4fache Gebiet zum großen Teil Wüste. Und zum letzten ist wenig klar, welchen Anteil eigentlich die reguläre Armee daran hat - in den meisten Meldungen ist von schiitischen Milizen, afghanische Fatemiyoun insbesondere und von lokalen Stammesmilizen die Rede, letztere im Euphrattal. Zu 4): was die SDF eigentlich wollen ist ziemlich unklar. Es steht ja auch nur "Richtung" Deir-Ezzor im Beitrag, und nicht unbedingt die Stadt selbst als Ziel. In Richtung Deir-Ezzor aber liegen Ölfelder, östlich des Euphrat. Die könnten schon ein Ziel sein. Und ob die USA und ihre Verbündeten das Ziel Al-Bukamal noch verfolgen weiß auch keiner. Und die Kurden? Die YPG? Ihr eigenes Ding machen? Einen kurdischen Staat anstreben? Dann aber hätten sie herzlich wenig Verbündete. Der Iran gehört selbst zu den Staaten mit "Kurdenproblem". Kein aussichtsreiches Unterfangen. Oder mit Arabern eine Art Autonomiegebiet gründen - dann aber müssen sie auf diese zugehen.
fd2fd 30.08.2017
5.
Zitat von Richtigstellung.1) Die drei schiitischen Millizionäre auf Bild 3/6 sind Federal Police Einheiten - eindeutig zu erkennen am blauen Flecktarn 2) Die Karte von Syrien ist Schwachsinn. Der IS hält in Zentralsyrien noch Gebiete um Uqraibat - östlich davon hat die Syrische Armee alle Gebiete bis einschließlich der Stadt Al-Sukhnah in Ihrer Hand (selbst wikipedia bestätigt die Einnahme am 06.08.2017!!). Entlang der M20 ist man von Al-Sukhnah aus sogar bereits 30-40 km weiter Richtung Deir-Ezzor vorgerückt. 3) Der Artikel betont stets die SDF als Anti-IS-Kämpfer. Davon dass die syrische Armee in 2017 dem IS das 3-4fache an Fläche abgejagt hat wie die SDF ist keine Rede 4) Die SDF will nicht - wie von ihnen behauptet - Richtung Deir-Ezzor vorrücken. Die YPG sieht es nicht ein, das Leben kurdischer Kämpfer in einer rein arabisch/armenische geprägten Stadt aufs Spiel zu setzen. Die Amerikaner versuchen gerade verzweifelt loyale arabische Stammeskämpfer für Angriffe in der PROVINZ Deir-Ezzor zu finden (nur nördlich des Euphrates - Der Euphrates wurde bis auf weiteres als Deeskalationslinie festgelegt) 5) Nebenher erwähnt: Ein nicht unerheblicher Teil der kurdisch-arabischen Syrer die in Raqqa gefallen sind, sind übrigens türkische Kurden der PKK (erkennbar an den gewählten Kampfnamen)
So sieht die Sache aus. Wichtig ist nun die Belagerung von Deir Ezzor zu beenden und 6) An der östlichen Grenze zum Irak stehen ebenfalls syrische Truppen, um den Marsch auf Deir Ezzor zu unterstützen oder um die Grenzstadt Abu Kamal einzunehmen. Diesem 3-Fronten-Krieg hat der IS vermutlich nichts entgegenzusetzen. 7) Die USA haben ihre hochgelobte Freie Syrische Armee im Südosten bei Al Tanf "vergessen". Hat man vor einigen Wochen noch Luftangriffe auf vorrückende syrische Truppen geflogen, bleiben diese aus und die Truppen nehmen weitere Grenzgebiete ein. Es wird wohl eine Frage der Zeit sein, bis der IS von der Bildfläche verschwunden ist (nicht zerstört). Danach werden sich die syrischen Truppen den verbliebenen Rebellennestern im Süden (Daraa), Nord-Homs (Ar Rastan), Nord-Hama und Idlib widmen. Bis dahin werden die Rebellen wohl auch Jobar, Ain Terma und Ost-Ghouta bei Damaskus verloren haben.
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