Syrien Uno-Chefbeobachter fordert mehr Taten statt netter Treffen

Seit Monaten ringt die internationale Gemeinschaft um eine Lösung im syrischen Bürgerkrieg. Dabei gebe es zu viele angenehme Runden in schönen Hotels und zu wenig Taten, prangert der Leiter der unterbrochenen Uno-Beobachtermission an. Regierungsgegner veröffentlichten offenbar grausame Videos.

Chef der Uno-Beobachter, Robert Mood, in Damaskus: "Zu viele Diskussionen"
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Chef der Uno-Beobachter, Robert Mood, in Damaskus: "Zu viele Diskussionen"


Beirut - Die Gewalt in Syrien geht weiter, Tag für Tag. Jetzt kritisierte der Leiter der ausgesetzten Uno-Beobachtermission in Syrien, Robert Mood, die internationale Gemeinschaft für ihre "angenehmen Treffen" und fordert mehr Engagement vor Ort. "Ich habe das Gefühl, dass es zu viele Diskussionen in schönen Hotels und angenehmen Runden gibt und zu wenig dafür getan wird, um voranzukommen und die Gewalt zu stoppen", sagte der norwegische General am Mittwoch in Damaskus.

Für die in den Konflikt involvierten Parteien sei es noch immer "das Wichtigste, dass die Gewalt endlich aufhört", sagte Mood. Die 300-köpfige Uno-Beobachtermission war Mitte Juni wegen der eskalierenden Gewalt in Syrien unterbrochen worden. Teils wurden die Beobachter selbst beschossen, weshalb Mood den Einsatz schließlich auf Eis legte.

In Genf war am Samstag ein internationaler Plan erarbeitet worden, der eine Übergangsregierung in Syrien vorsieht. Am Freitag findet in Paris die Konferenz der Freunde Syriens statt, zu der auch Außenminister Guido Westerwelle (FDP) reist. Der Gruppe gehören neben führenden europäischen Staaten und den USA auch mehrere arabische Länder an.

Während die internationalen Vermittler von Verhandlung zu Verhandlung fahren, geht in Syrien das Blutvergießen weiter. Nach Angaben der in Großbritannien ansässigen Syrischen Beobachterstelle für Menschenrechte kam es auch in der Stadt Dscharamana zu Kämpfen. Dort unterhält einer der berüchtigsten Polizeigeheimdienste des Landes eine wichtige Basis. Auch aus der südlichen Provinz Deraa und dem nördlichen Idlib wurden erneut Gefechte und Tote gemeldet.

Staatliche Milizen sollen Kinderleichen in den Müll geworfen haben

Gegner der Regierung von Machthaber Baschar al-Assad haben am Mittwoch offenbar eine Reihe von Videoaufnahmen veröffentlicht, die Gräueltaten staatlicher Milizen nahe der Hauptstadt Damaskus belegen sollen. Die Aufnahmen aus der Stadt Duma zeigen verstümmelte Leichen und abgetrennte Körperteile - offenbar auch von Kindern. "Das sind Teile unserer Kinder, die wir aus dem Müll geholt haben", sagte ein Mann in einer der Filmaufnahmen, während er eine Mülltonne umstülpte und ihren Inhalt durchsuchte. "Wir haben diese Körperteile gefunden und suchen immer noch nach weiteren. Das sind verbrannte Körperteile von Menschen." Darunter seien auch männliche Geschlechtsorgane, die Mitglieder der berüchtigten Schabbia-Miliz ihren Opfern abgetrennt hätten.

In den Videoaufnahmen der Regierungsgegner waren laut Nachrichtenagentur Reuters verwesende Leichen in getrockneten Blutlachen zu sehen, auf deren Gesichtern Fliegen wimmelten. In einer anderen Szene war eine Frau mit ihren Kindern in einem Wohnzimmer zu sehen. Aus dem Hintergrund erläuterte eine Stimme, dass die Familie erstochen worden sei. Eine dritte Aufnahme zeigte Fetzen von verbranntem Fleisch, nach Angaben der Aktivisten handelte es sich um menschliche Genitalien. "Hier lagen gestern noch mehr", sagte ein Mann mit Plastikhandschuhen. "Doch die Hunde habe es sich geholt."

Die staatliche Nachrichtenagentur Sana zeichnete unterdessen in einem Korrespondentenbericht aus Duma ein vollkommen anderes Bild aus dem Ort, der als Hochburg der Regierungsgegner gilt. So hätten die meisten Bewohner die Stadt rund 15 Kilometer nördlich von Damaskus verlassen, um vor "den Terroristen" zu fliehen. Die Behörden würden mit Hochdruck daran arbeiten, dass das Krankenhaus nach den Angriffen wieder wie gewohnt seine Notfalldienste ausüben könne. Von Gräueltaten oder Toten war in dem Sana-Bericht keine Rede.

Granate aus Schweizer Produktion offenbar in Syrien eingesetzt

Die widersprüchlichen Angaben konnten nicht überprüft werden, da die Regierung eine freie Berichterstattung unterbindet. Seit Beginn des Aufstands gegen Präsident Assad vor mehr als 16 Monaten sind nach Uno-Schätzungen mehr als 10.000 Zivilisten getötet worden. Westliche Regierungen gehen sogar von über 15.000 Toten aus. Ein Ende der Kämpfe ist wegen der unterschiedlichen Positionen der Veto-Mächte im Uno-Sicherheitsrat und auch wegen der Zersplitterung der Oppositionskräfte in Syrien nicht in Sicht. Die syrische Führung spricht dagegen von einem Kampf gegen Terroristen, dem Tausende Polizisten und Soldaten zum Opfer gefallen seien.

In dem Konflikt wurde offenbar auch eine Granate aus Schweizer Produktion eingesetzt. Erste Ermittlungen bestätigten einen entsprechenden Bericht, teilte das Berner Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) mit. Demnach stammte eine Granate, die ein Journalist der Zeitung am 28. Juni in der syrischen Ortschaft Marea anlässlich von Recherchen für ein Reportage auf Seiten der Freien Syrischen Armee fotografiert hatte, von der Schweizer Rüstungsfirma Ruag. Den Ermittlungen zufolge gehört die Granate zu einer Lieferung von mehr als 225.000 Granaten, die im Jahr 2003 an die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) ging. Die Emirate verpflichteten sich damals, die Granaten nicht weiter zu verkaufen. Das Staatssekretariat für Wirtschaft setzte laut seiner Sprecherin Antje Baertschi vorsorglich sämtliche Genehmigungen für die Lieferung von Kriegsmaterial an die Emirate aus.

lgr/AFP/AP/Reuters

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g.raymond 04.07.2012
1. Zu den Taten gehört Druck auf die Rebellen
Nach dem internationalen Beschluss in Genf muss nun vom Westen massiver Druck auf die Rebellen ausgeübt werden, dass sie Assad als Verhandlungspartner für den anvisierten Friedenskompromis akzeptieren. Diese Kröte müssen sie schlucken, sonst geht das Blutrgemetzel auf allen Seiten weiter. Dieser Druck muss ausgeübt werden, weil die USA diesen internationalen Kompromiss mitgetragen haben. Lassen die USA dem Friedensplan keine Taten in diesem Sinne folgen, werden sie vollends unglaubwürdig.
freiheitsk 04.07.2012
2. Immerhin
Zitat von sysopAFPSeit Monaten ringt die internationale Gemeinschaft um eine Lösung im syrischen Bürgerkrieg. Dabei gebe es zu viele angenehme Runden in schönen Hotels und zu wenig Taten, prangert der Leiter der unterbrochenen Uno-Beobachtermission an. Regierungsgegner veröffentlichten offenbar grausame Videos. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,842653,00.html
Wenigstens die Schweiz hält sich an den Annan-Plan. Keine Waffen für Terroristen!
ritotschka 04.07.2012
3. Hat die Opposition gezeigt
Sie hat ein Ziel - Assad muss weg. Ansonsten sind sie lächerlich, zumal, wenn man ihr Verhalten auf dem Treffen in Ägypten gesehen hat. Es ist ein Chaotenhaufen ohne Ziel. ARMES SYRIEN.
pikeaway 04.07.2012
4. Wieder einseitige Gräuelberichte???
"Staatliche Milizen sollen Kinderleichen in den Müll geworfen haben" ""Hier lagen gestern noch mehr", sagte ein Mann mit Plastikhandschuhen. "Doch die Hunde habe es sich geholt." Fragt man sich nicht folgendes: Wer sind die leute, die gestern etwas gesehen haben, sie den Hunden überlassen und heute wieder in den Müllbehältern stochern? Klingt irgendwie seltsam. Ein Fakt kommt leider zu kurz: die neutrale Berichterstattung. Denn es liegen auch neutralere berichte vor, z.B. von Frau Pillay, UNHCR Sie spricht von Vergehen auf beiden Seiten. UN Live United Nations Webcast - Search Results for "pillay" - Navi Pillay, UN High Commissioner for Human Rights on Syria (2 July 2012) - Security Council Media Stakeout (http://webtv.un.org/search/navi-pillay-un-high-commissioner-for-human-rights-on-syria-2-july-2012-security-council-media-stakeout/1719773329001?term=pillay) Auf die Frage bezüglich der Kinder, die als Schutzschilde benutzt seien gibt sie klare Antwort: Ja, es hat solche Fälle gegeben, aber bei den Regierungsgegnern.
teutgar 05.07.2012
5. geht sowieso unter in den weiten des internets
Schön gesagt von Robert Mood, wenn auch zu höfflich, denn was anderes passiert ja nicht, außer schöne Galas. Die Unfähigkeit der Uno wird damit immer deutlicher und die Frage drängt sich auf, welchen Sinn diese überhaupt noch hat. Zu einigen Kommentaren hier im Forum... Natürlich gibt es Gewalttaten auf beiden Seiten, was auch verständlich ist, wenn man mitansehen muss, wie die Regierung foltert...wenn die Menschen erschossen werden, ganze Familien abgeschlachtet werden...wenn man auf den Strassen zerstückelte Kinderleichen findet, ob durch Millitärangriffe oder die Überreste von Folteropfern. Für mich ist das mehr als verständlich das sich bei solchen täglichen Bilder - die NIEMAND hier im Forum nachvollziehen kann, da niemand von Ihnen dort dieser Tage lebt - ein unvorstellbarer Hass im Inneren entwickelt. Wenn man dann z.B. einmal einen Scharfschützen, der Tage vorher noch den Bewohner in die Köpfe geschossen hat, dann nicht mehr mit Würde und Respekt behandelt, sondern ihn jetzt das erleiden lässt was er selbt anderen angetan hat, dann ist das für mich nachvollziehbar. Was die "chaotische" Opposition angeht, es sind nunmal mehrere Glaubensgruppen dort, das scheinen viele hier im Forum immer wieder zuvergessen, da kann man nunmal keine demokratischen Maßstäbe ansetzen. Fakt ist, umsolänger die Uno Handlungsunfähig ist, umso stärker werden nur die radikalen Einflüsse, ob nun religiöser oder politischer Herkunft.
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