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US-Verteidigungsminister zu Syrien "Assads Regime neigt sich dem Ende zu"

Die Regierung in Washington sieht das syrische Regime am Ende. Die Schlacht um Aleppo sei der "Sargnagel für Machthaber Assad", sagte US-Verteidigungsminister Panetta. Wegen der Kämpfe in der Wirtschaftsmetropole sind Hunderttausende auf der Flucht.

Tunis - Regime und Rebellen kämpfen erbittert um die größte Stadt Syriens, die Wirtschaftsmetropole Aleppo. Nach Einschätzung von US-Verteidigungsminister Leon Panetta wird die Offensive für Machthaber Assad das Ende seiner Macht besiegeln. Aleppo sei ein neues "tragisches Beispiel" für die "blinde Gewalt", die das Regime gegen das eigene Volk richte, sagte Panetta an Bord einer Militärmaschine mit Ziel Tunesien. Je mehr Gewalt Assad anwende, desto mehr stelle er sicher, dass "sich das Regime seinem Ende zuneigt". Die Frage sei nicht mehr, ob der syrische Machthaber stürze, sondern wann, sagte Panetta. Aleppo werde "letztlich Assads Sargnagel sein".

Panetta machte keine neuen Aussagen bezüglich der Zukunft Syriens, sondern erklärte lediglich, Washington würde die syrische Opposition unterstützen. Die USA und die internationale Gemeinschaft übten diplomatischen und wirtschaftlichen Druck aus, um die Gewalt zu beenden, Assad zum Rücktritt zu zwingen und den Übergang zu einer demokratischen Regierungsform zu ermöglichen. Besonderes Augenmerk liege auf der Sicherheit der syrischen Lager mit chemischen und biologischen Waffen, sagte der US-Verteidigungsminister. Dabei arbeite Washington "eng mit den Ländern der Region" zusammen. Panetta wollte nach dem Besuch in Tunesien nach Ägypten, Israel und Jordanien weiterreisen.

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Fotostrecke: Entscheidungsschlacht um Aleppo

Foto: Stringer/ dpa

In Aleppo wird weiter gekämpft - unabhängige Nachrichten aus der Stadt sind jedoch kaum zu bekommen. Einwohner sprachen am Telefon von unerträglichen Bedingungen mit pausenlosem Beschuss und knapp werdenden Lebensmitteln.

Verwirrung gab es um angebliche Verletzungen eines Journalisten. Ein spanischer Reporter hatte der Nachrichtenagentur AFP gesagt, dass der 28-jährige Franzose Pierre Torres von einer Kugel an der Schulter getroffen und zur Behandlung in die Türkei gebracht wurde. Torres meldete sich daraufhin per Mail bei der AFP. "Ich bin nicht verletzt". Ihm gehe es gut. Torres gab an, weiter in der Region um Aleppo zu sein.

Jordanien eröffnet erstes Zeltlager für Flüchtlinge

Hunderttausende sind bereits aus Aleppo geflohen - die Uno hat die syrischen Konfliktparteien eindringlich aufgerufen, Zivilisten zu schonen. Zugleich forderte Uno-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos freien Zugang für Hilfsorganisationen in die Kampfgebiete. In einer am Sonntag in New York verbreiteten Erklärung verwies sie auf Schätzungen des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) und des Syrischen Roten Halbmondes, wonach in den vergangenen Tagen 200.000 Menschen allein aus Aleppo geflohen sind. "Niemand weiß, wie viele Menschen an Orten gefangen sind, an denen die Kämpfe heute weitergehen", erklärte Amos. Sie forderte die Konfliktparteien auf, "Hilfsorganisationen sicheren Zugang zu erlauben, um dringend benötigte und lebensrettende Hilfe zu den Menschen zu bringen, die von den Kämpfen eingeschlossen sind".

Viele Flüchtlinge hätten Zuflucht in Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden in sichereren Gegenden gesucht. "Sie brauchen dringend Lebensmittel, Matratzen, Decken, Hygieneartikel und Trinkwasser", so Amos weiter.

Im Nachbarland Jordanien eröffnete am Sonntag das erste Zeltlager für syrische Flüchtlinge - der große Zustrom habe sie dazu gezwungen, erklärte der jordanische Außenminister Nassir Dschuda. 142.000 Flüchtlinge seien bisher aufgenommen worden. Täglich kämen an die 2000 hinzu.

Die Schlacht in Aleppo, das wirtschaftliche Zentrum Syriens, gilt als wichtige Machtprobe für die Regierung, die große militärische Ressourcen in die Kämpfe um Aleppo und die Hauptstadt Damaskus gesteckt hat. Die den Rebellen nahestehende Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London bezeichnete die jüngste Schlacht als bisher schwerste militärische Konfrontation in Syrien seit dem Beginn der Revolte gegen Machthaber Assad im März 2011. Den Angaben zufolge wurden allein am Samstag landesweit 168 Menschen getötet, darunter 94 Zivilisten, 41 Soldaten und 33 Rebellen.

anr/dpa/Reuters/AFP