Verschleppte Uno-Soldaten Syrische Entführer prahlen mit Exekutionsvideo

Die von syrischen Rebellen verschleppten Uno-Blauhelme sind offenbar in Lebensgefahr: Bei ihren Entführern handelt es sich wohl um Fanatiker - ein von ihnen ins Internet gestelltes Video soll zeigen, wie sie Soldaten des Assad-Regimes exekutieren.

Von , Beirut


Die im Niemandsland zwischen Israel und Syrien entführten Uno-Blauhelmsoldaten scheinen einer äußerst gefährlichen islamistischen Splittergruppe der Freien Syrischen Armee (FSA) in die Hände gefallen zu sein. Auf YouTube-Videos, die die Geiselnahme zeigen, brüsten sich die Entführer damit, einer sogenannten Märtyrer-Brigade Jarmuk anzugehören. Diese Brigade ist keine Unbekannte: Zwei am Dienstag online gestellte Videos zeigen allem Anschein nach, wie Mitglieder eben jener Brigade etwa ein Dutzend syrische Soldaten exekutieren.

Die Rebellen hatten am Mittwoch 21 philippinische Uno-Soldaten auf den Golanhöhen gefangen genommen. Das Gebiet wird seit 1974 von Friedenstruppen der Vereinten Nationen überwacht. Nach eigenen Angaben wollen die Entführer durch die Geiselnahme einen Rückzug der syrischen Regierungstruppen aus dem Dorf Dschamla in der Nähe der Golanhöhen erzwingen. Wenn die Soldaten des Regimes sich nicht innerhalb von 24 Stunden aus Dschamla zurückzögen, würden sie die Blauhelme als Gefangene behandeln, sagt ein Rebell in dem Video.

Laut der oppositionellen Beobachtungsstelle für Menschenrechte haben die Entführer die Unversehrtheit und Freilassung ihrer Geiseln für den Fall in Aussicht gestellt, sollten sich die syrischen Soldaten und Panzer aus der Region zurückziehen.

Fotostrecke

5  Bilder
Entführung von Uno-Soldaten: Empörung über syrische Rebellen
Wie die Jarmuk-Brigade mit Gefangenen umgeht, zeigen die Filmsequenzen, mit denen die Bartträger am Wochenanfang auf sich aufmerksam machten: Die Kamera filmt, wie die Freischärler gefangene Regimevertreter zusammenpferchen. Die Rebellen brüllen die Männer an, preisen Gott und nennen den Namen ihrer Brigade. Den sichtlich verängstigten Gefangenen befehlen sie, sich auf den Boden zu legen. Dann verwackelt das Bild, Schreie und Schüsse sind zu hören. Ein Mann - es muss ein Brigadier sein - scheint einen Kameraden beruhigen zu wollen. "Es reicht, es reicht", sagt er mehrmals, dann bricht der Clip ab.

Entführung kommt für Rebellen zur Unzeit

Das zweite Video zeigt einen Mann, der eine Flasche Anisschnaps in die Kamera hält: Anscheinend hatten die Soldaten sie dabei, als sie von den Rebellen gefangen genommen wurden. Der Jarmuk-Brigadist wettert gegen den Alkohol, zerschmettert die Falsche, nimmt den Kameramann dann mit auf eine Tour über den Vorhof des Hauses. Die Echtheit und Herkunft der Bilder sind nicht zu überprüfen, aber es sieht ganz so aus, als lägen hier dieselben Männer, die im ersten Video noch lebten - nur sind sie nun alle tot, sie liegen in Blutlachen.

Die Jarmuk-Brigade gab bei ihrer Gründung im vergangenen Spätsommer an, Teil der FSA zu sein. Auch der Gründungsakt wurde auf YouTube dokumentiert. Seitdem scheint sich die Truppe sehr schnell radikalisiert zu haben - so sehr, dass sie sich offenbar von den Dachverbänden der Rebellenkämpfer losgesagt hat und sich keinen Regeln der Kriegsführung mehr verpflichtet fühlt.

Die Entführung kommt für die syrischen Rebellen zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt: Gerade hatte die Weltgemeinschaft ihnen nach langem Zögern mehr Hilfe zugesagt. Die USA versprachen jüngst, ihre Finanzhilfe an die Rebellen zu verdoppeln. Großbritannien kündigte am Mittwoch an, Hilfen für die Rebellen auszuweiten und ihnen gepanzerte Fahrzeuge zu liefern. Und die Arabische Liga lud die syrische Exilführung ein, den Platz Syriens in der Liga einzunehmen und wertete die Rebellenführung dadurch enorm auf. Zudem stellte die Liga es ihren Mitgliedern frei, den Rebellen - auch ganz offiziell - militärische Unterstützung zukommen zu lassen.

Querschläger wie die Jarmuk-Brigade könnten dem neu erworbenen Status der Regimegegner empfindlichen Schaden zufügen. Die Führung der FSA beeilte sich am Mittwoch, die Entführung der Uno-Beobachter auf das Schärfste zu verurteilen. Der Kommandeur der Rebellentruppe, General Salim Idriss, sagte der BBC, er werde alles dafür tun, um die Blauhelme frei zu bekommen.

Westliche Diplomaten sehen den Fall auch als Test dafür an, wie viel Einfluss die Führung der FSA auf extremistische Splittergruppen hat.



insgesamt 280 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
20099 07.03.2013
1.
Tja, was ich im Bezug auf Syrien scho immer vermutet habe: die USA, GB und die Arabische Liga unterstützen den islamistischen Imperialismus und Terrorismus! Ich frage mich bei den beiden erst genannten nur warum?
wahlossi_80 07.03.2013
2.
Zitat von sysopREUTERSDie von syrischen Rebellen verschleppten Uno-Blauhelme sind offenbar in Lebensgefahr: Bei ihren Entführen handelt es sich wohl um Fanatiker - ein von ihnen ins Internet gestelltes Video soll zeigen, wie sie Soldaten des Assad-Regimes exekutieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-verschleppte-blauhelme-sind-in-haenden-von-fanatikern-a-887392.html
Aha, und denen wollen wir bald Waffen geben? Die außenpolitischen Entwicklungen unserer westlichen Staaten, die so vollmundig von Menschenrechten und Denokratie reden, sollten uns beunruhigen. Insgeheim werden die "Rebellen" übrigens schon seit langem vom Westen ausgerüstet. Aber der "freie" Westen macht sowas heimlich mit seinen Geheimdiensten: Syrien: Orientexperte erhebt schwere Vorwürfe gegen den Westen | Civitas Libertatis (http://civitaslibertatis.wordpress.com/2012/02/01/syrien-orientexperte-erhebt-schwere-vorwurfe-gegen-den-westen/)
Tostan 07.03.2013
3.
sind "Querschläger wie die Jarmuk-Brigade" wirklich mengenmäßig unbedeutende Randgruppen der Rebellen, oder ist die Masse der Rebellen mittlerweile so? Dazu gibt es leider keine belegbaren Aussagen....
Obi-Wan-Kenobi 07.03.2013
4.
Zitat von sysopREUTERSDie von syrischen Rebellen verschleppten Uno-Blauhelme sind offenbar in Lebensgefahr: Bei ihren Entführen handelt es sich wohl um Fanatiker - ein von ihnen ins Internet gestelltes Video soll zeigen, wie sie Soldaten des Assad-Regimes exekutieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-verschleppte-blauhelme-sind-in-haenden-von-fanatikern-a-887392.html
Sollte einer der Blauhelme durch die Terroristen zu Tode kommen klebt das Blut auch an unseren Händen und sollten die Islamisten die Kontrolle über Syrien übernehmen wird auch Israel wenig zu lachen haben. Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt für den Westen seine Syrien-Politik nochmals zu überdenken.
stopfiatmoney 07.03.2013
5.
Die Eskalation in Syrien ist doch das erklärte Ziel einer Politiker und Medien, seit über einem Jahr. Und die Gewaltspirale soll sich nach den Wünschen von EU, Westerwelle und Co. doch noch schneller drehen. Flüchtlinge und Kriegsverbrechen oder diese Geiselnahme- "Kollateralschäden" im Sinne von Politik, die Krieg für legitim hält.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.