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Entführte Iraner Syriens Rebellen führen ihre Geiseln im Video vor

Von den in Syrien verschleppten Iranern gibt es ein Lebenszeichen: Der TV-Sender al-Arabija strahlte ein Video aus, das die Geiseln zeigen soll. Laut den Kidnappern sind unter den 48 Entführten auch iranische Elitesoldaten. In Aleppo lässt Assad Stadtviertel mit Artillerie beschießen.

Damaskus - Das Video ist nur gut eine Minute lang, die Bilder sind unscharf und dunkel: Der Sender al-Arabija hat am Sonntag einen Film ausgestrahlt, der die Entführung von 48 Iranern belegen soll. Die Gruppe wurde am Samstag in Damaskus verschleppt, sie soll sich dort nach Angaben aus Teheran auf einer Pilgerfahrt befunden haben. Unter den Entführten sollen sich laut einem Vertreter der Geiselnehmer auch Angehörige der iranischen Revolutionswächter befinden.

Die Entführer gehören demnach der sogenannten Al-Baraa-Märtyrerbrigade an. In dem Video ist eine große Gruppe von Menschen zu sehen, offenbar ein Teil der verschleppten Iraner. Sie sitzen vor einer grün-weiß-schwarzen Fahne mit drei roten Sternen. Diese alte Flagge Syriens nutzen die Aufständischen als Symbol. Neben der Fahne halten bewaffnete Männer Wache.

Vor der Gruppe steht ein Mann in Uniform, es soll sich um Nasser al-Schumeir, den Kommandeur der Brigade handeln. Er winkt einen Mann aus der Gruppe heran und hält ausweisartige Dokumente aus dessen Brieftasche in die Kamera. Diese Dokumente sollen die Zugehörigkeit ihrer Inhaber zu den iranischen Revolutionswächtern beweisen, einer Elitetruppe der iranischen Führung. Die Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden.

Die Entführer unterstellen den Iranern, Agenten der Revolutionswächter zu sein. "Wir observieren die Iraner seit Monaten, seitdem wir von ihnen Kenntnis erlangt haben", sagt al-Schumeir.

Echtheit und Inhalt des Videos konnten nicht unabhängig überprüft werden. Der Sender al-Arabija gehört einem saudischen Geschäftsmann mit enger Bindung an das saudische Herrscherhaus. Saudi-Arabien unterstützt die FSA mit Geld und Waffen. Mit Iran, das mit dem Assad-Regime in Damaskus verbündet ist, rivalisiert Saudi-Arabien um die Vorherrschaft am Golf.

Die Al-Baraa-Brigade - benannt nach einem Gefährten des Propheten Mohammed - wurde im Februar in Homs gegründet und hat sich zum Ziel gesetzt, Einrichtungen des Assad-Regimes mit Selbstmordanschlägen anzugreifen.

Iran fordert Türkei zu Vermittlung auf

Die Regierung in Teheran hatte am Samstag bestätigt, dass 48 Iraner auf dem Weg zum internationalen Flughafen von Damaskus entführt wurden. Laut der iranischen Botschaft in Damaskus handelt es sich um muslimische Pilger, die sich aus religiösen Gründen nach Syrien begeben hätten. Demnach wurden sie von einer "bewaffneten terroristischen Gruppe" verschleppt. Das Schicksal der Entführten sei ungewiss. Syrische und iranische Stellen bemühten sich um nähere Aufklärung, hieß es. Die Regierung in Teheran forderte die Türkei und Katar auf, sich für die Freilassung der Entführten einzusetzen.

In den vergangenen Monaten hatten bewaffnete Gruppen in Syrien 32 Iraner verschleppt, darunter 22 Pilger, sieben Ingenieure und drei Lastwagenfahrer. 27 von ihnen kamen wieder frei, oft mit Hilfe der Türkei. Vor dem Krieg in Syrien reisten jährlich etwa 700.000 Iraner in die syrische Hauptstadt, um dort eine den Schiiten heilige Stätte zu besuchen - das Grab von Sainab, der Tochter des Imams Ali.

Auch die syrischen Rebellen, die gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad kämpfen, sind überwiegend sunnitischen Glaubens. Sie prangern Teherans Unterstützung für Assad an, der zur schiitisch-alevitischen Glaubensrichtung gehört.

Assads Truppen beschießen Aleppo

Unterdessen wurden aus der Stadt Aleppo schwere Kämpfe gemeldet. Regierungstruppen hätten am Sonntag das südwestliche Stadtviertel Salahaddin mit ihrer Artillerie massiv beschossen, teilten syrische Menschenrechtsbeobachter in London mit. Das Viertel gilt als Zugangstor in die Stadt. Es habe auch Gefechte zwischen Militär und den Aufständischen gegeben, Zu Zusammenstößen kam es auch in den Stadtteilen Hamdanija, Sukkari und Ansari.

Am Samstag hatten Rebellen versucht, das Gebäude des Staatsfernsehens zu stürmen. Am Sitz des Senders kam es offenbar wieder zu Gefechten. Die Rebellen hätten versucht, vom umkämpften Bezirk Salahaddin in die Nähe des Senders vorzurücken, berichtete die Agentur Reuters. Ein Oppositioneller sagte demnach, die Aufständischen seien von Assads Truppen gestoppt worden. Im syrischen Fernsehen wurde berichtet, eine große Zahl von Aufständischen sei getötet oder verletzt worden.

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Kampf um Aleppo: Assad lässt Stadtviertel beschießen

Foto: GORAN TOMASEVIC/ REUTERS

Das staatliche Fernsehen berichtete zudem von einem Massaker in Jalda, einem Stadtteil von Damaskus. 20 Menschen seien dabei getötet worden. Es war nicht möglich, den Bericht zu überprüfen. In der Hauptstadt Damaskus hat nach Angaben von Einwohnern bereits am Freitag eine Offensive der Regierung begonnen. Syrische Staatsmedien meldeten, die Hauptstadt sei bis Samstagabend wieder vollständig unter der Kontrolle der Regierung gewesen. Am Samstag hatten die Regierungstruppen den Stadtteil Tadamun eingekesselt, der als Bastion der Rebellen gilt.

In Aleppo versuchen die Regierungstruppen seit zwei Wochen vergeblich, die Rebellen zu verdrängen. Diese konnten das von ihnen kontrollierte Gebiet sogar ausweiten. Ein Sprecher der Rebellen sagte, man stelle sich auf eine "starke Offensive" der Regierung ein. Auch die Vereinten Nationen rechnen in den nächsten Tagen mit einem größeren Angriff auf Aleppo. Ob die Offensive schon begonnen hat, war zunächst unklar. Die Berichterstattung durch ausländische Medien ist stark beeinträchtigt, da viele Journalisten das Land verlassen mussten.

Syrischer General setzt sich in Türkei ab

Einem syrischen General ist offenbar die Flucht aus dem Land gelungen. Luftwaffen-General Mohammed Ahmed Faris hat sich laut der halbamtlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu am Sonntag in die Türkei abgesetzt. Faris war Syriens erster Kosmonaut. Er flog 1987 mit einer sowjetischen Crew zur Raumstation Mir.

Der nunmehr desertierte General habe dreimal versucht zu fliehen, bevor es ihm jetzt gelungen sei, berichtete die Agentur. Zuvor habe der in Aleppo geborene Faris seine Heimatstadt besucht und dort als Zeichen seiner Solidarität mit den Rebellen das Hauptquartier der Freien Syrischen Armee aufgesucht.

Angesichts der Eskalation in Syrien erwägt die Schweiz als eines der ersten europäischen Länder die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen. Man prüfe Möglichkeiten zur Hilfe für eine begrenzte Zahl von Syrern, sagte ein Sprecher des Bundesamts für Migration in Bern der "Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag". Auch der Schweizer Polizeichef Hans-Jürg Käser plädierte dafür - er gilt in Asylfragen sonst eher als Verfechter einer harten Linie. Nun erklärte er, es "stünde unserer humanitären Tradition gut an", wenn die Schweiz ein Kontingent syrischer Flüchtlinge aufnehme. "Sie sind in ihrem Heimatland an Leib und Leben bedroht", sagte er.

mmq/dpa/Reuters/AFP
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