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Erfolge der Rebellen Vier Wege in Syriens Zukunft

Im Kampf gegen Diktator Assad machen Syriens Rebellen Fortschritte. Die Nato hofft bereits auf einen baldigen Kollaps des Regimes in Damaskus. Doch kommt der wirklich? Wie geht es im Bürgerkriegsland weiter? Vier Szenarien sind möglich.

Steht das Regime von Syriens Präsident Baschar al-Assad schon bald vor dem Zusammenbruch? Im ganzen Land haben die Rebellen in den vergangenen Monaten ihren Einfluss ausgeweitet, der Druck auf die Regierung steigt von Tag zu Tag, und Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen hält den Zerfall des Regimes nur für eine Frage der Zeit.

Sogar Russland scheint sich auf den Sturz Assads vorzubereiten - auch wenn Moskau die Aufsehen erregenden Äußerungen von Vizeaußenminister Michail Bogdanow am Freitag relativierte, dass ein Sieg der Aufständischen nicht auszuschließen sei. "Russland hat seine Position zu Syrien nicht verändert und wird sie nicht verändern", schob Ministeriumssprecher Alexander Lukaschewitsch hinterher.

Doch das Blatt hat sich offenbar zu Gunsten der Rebellen gewandelt. Denn Assad gehen die Unterstützer aus. Es fehlt an willigen Fußsoldaten. Schätzungsweise über 10.000 syrische Soldaten und Milizionäre sind inzwischen gestorben. Syrer in Wehrdienst-Alter fliehen in Massen. Das Regime muss auf immer weitere Altersgruppen unter den Alawiten zurückgreifen - der Minderheitskonfession, der auch Assad angehört.

Selbst die Lufthoheit der Assad-Kampfjets gibt es nicht mehr uneingeschränkt, seit die Rebellen in einem syrischen Militärstützpunkt bei Aleppo Abwehrraketen erbeuteten. Das Regime zieht derzeit in Damaskus Mauern hoch, um sich in Sympathisanten-Stadtteilen einzubunkern.

Syriens Wirtschaft ist größtenteils zusammengebrochen unter den Sanktionen und den Folgen des Krieges. Erst in diesen Tagen hat das Handelsministerium die Ausfuhr von Fleisch und Gemüse verboten. Einen an Normalität grenzenden Alltag gibt es nur noch in wenigen Teilen des Landes. In Homs oder Damaskus gehen die Menschen nur dann zur Arbeit, wenn gerade die Waffen schweigen. Staatsangestellte beziehen dort noch immer ihr Gehalt, in Aleppo im Norden nicht mehr.

Wie geht es in Zukunft in Syrien weiter? Folgende Szenarien kommen in Frage:

  • Sieg der Rebellen
    Den Aufständischen gelingt es, große Teile des Landes zu erobern. Überlebende Regimekämpfer flüchten und tauchen ab. Triumphierend rücken die Rebellen in Damaskus ein und finden Assad. Das Regime ist am Ende, die Aufständischen sind die Sieger. Zusammen mit der inzwischen von rund 130 Staaten anerkannten syrischen Übergangsregierung organisieren sie die Zeit danach. Dieses Szenario ist eher unwahrscheinlich. Denn die Rebellen sind keine homogene, landesweite Gruppe. Wahrscheinlicher ist eher eine Abwandlung dieser möglichen Entwicklung:

  • Warlordisierung
    Dieses Szenario ist längst eingetreten und könnte sich weiter fortsetzen - unabhängig davon, ob Assad noch frei und am Leben ist oder nicht. Demnach würde es keiner Miliz gelingen, das ganze Land zu kontrollieren. Die Macht wäre verteilt auf verschiedene Gruppen je nach Region und Ortschaft. Die Milizen würden sich wohl entlang von konfessionellen und ethnischen Linien orientieren - zum Beispiel dschihadistische Gruppen, moderat islamistische, verschiedene kurdische, christliche, drusische, alawitische und schiitische. Einer dieser Verbände könnte auch weiterhin Assad mit seinen Anhängern sein. Zwischen diesen Organisationen käme es immer wieder zu Konflikten - es ist wohl das wahrscheinlichste Szenario.
  • Verhandlungen
    Teile des inneren Machtkreises um Assad entscheiden, dass sie nichts mehr zu gewinnen haben. Sie nehmen Verhandlungen mit den Rebellen auf, die ihnen einen Platz im zukünftigen Syrien garantieren. Assad wird abserviert und entweder in Haft genommen oder ins Exil geschickt. Das ist ein durchaus mögliches Szenario. Denn viele Syrer sehnen sich nach Frieden. Voraussetzungen dafür sind: Russland müsste einer solchen Variante zustimmen und sich darauf mit den USA verständigen. Es müsste im inneren Machtkreis um Assad Personen geben, die tatsächlich in der Lage sind, einen Putsch gegen ihn durchzuführen. Ob dies möglich ist, ist unklar. Bisher war es das offenbar nicht. Die Rebellen müssten sich konsolidieren, damit sie in der Lage sind, Sicherheitsgarantien für Syriens Minderheiten abzugeben - damit diese nicht Übergriffe durch einzelne Milizen befürchten müssen.
  • Intervention
    Eine Intervention würde das Ende von Assad wohl besiegeln. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass der Westen oder seine Verbündeten Soldaten nach Syrien schicken. Die USA haben wiederholt angekündigt, dass sie nur einmarschieren würden, wenn Assad seine Chemiewaffen einsetzt. Vorstellbar ist ein zeitlich begrenzter Eingriff nach dem Zusammenbruch des Regimes, um die Chemiewaffen zu sichern. Dafür müssten allerdings über 75.000 Soldaten mobilisiert werden.

Wie es mit Syrien weitergeht, ist also nur sehr bedingt vorherzusagen . Das Regime hat schon manches überlebt, was anderen Diktatoren das Genick gebrochen hätte - die Flucht von über drei Dutzend Generälen oder den Tod fast der gesamten Riege der führenden Sicherheitsberater im Juli 2012. Es kann noch immer auf wichtige Unterstützer in der Region zählen - allen voran Iran, die libanesische Hisbollah und Russland. Dass es jedoch jemals wieder ganz Syrien beherrschen könnte, gilt als ausgeschlossen.

Aktuell ist das wahrscheinlichste Szenario ein jahrelanger Bürgerkrieg mit oder ohne Assad. Überraschungen, die alles verändern könnten, wie erfolgreiche Verhandlungen mit hochrangigen Regimevertretern für einen schnellen Abgang Assads, sind jedoch nicht auszuschließen.

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