Syrische Provinz Idlib Die Dschihadisten erobern, die Türkei schaut zu

In Nordsyrien rückt die Terrormiliz HTS vor, ein fatales Signal. Die Offensive zeigt: Entweder ist die Türkei nicht in der Lage, die Macht der Dschihadisten zu brechen - oder nicht willens.
HTS-Miliz in Idlib

HTS-Miliz in Idlib

Foto: OMAR HAJ KADOUR/ AFP

"Trump hat Recht in Sachen Syrien. Die Türkei kriegt das hin": So hat Recep Tayyip Erdogan einen Gastbeitrag in der "New York Times" überschrieben, in dem er dafür wirbt, dass sein Land nach dem beschlossenen Rückzug der US-Truppen die Ordnungsmacht im Nordosten Syriens wird.

Aber kriegt die Türkei das wirklich hin? Die Ereignisse in der Region um Idlib seit Jahresbeginn lassen daran zweifeln. Dort ist die Terrororganisation Hayat Tahrir al-Scham (HTS) auf dem Vormarsch. Die Miliz ging 2016 aus der Nusra-Front hervor, dem syrischen Zweig des Terrornetzwerks al-Qaida. In den vergangenen Tagen eroberte die HTS mehrere Dörfer und zwei Kleinstädte. Diese hatten Milizen kontrolliert - von der Türkei unterstützt.

Zuerst marschierten die Dschihadisten in Darat Izza ein. Bei den Kämpfen wurden laut Augenzeugen mehr als hundert Menschen getötet. Kurz darauf nahmen sie weitgehend kampflos Atarib ein. Um ein ähnliches Blutvergießen wie in Darat Izza zu verhindern, räumte die bislang dort herrschende Miliz Nureddin Zengi die Stadt. Das einzige Zugeständnis, das sie den Eroberern abringen konnte: Die Nureddin-Zengi-Milizionäre und rund 70 Zivilisten, die wegen ihrer Kritik an den Dschihadisten auf einer Fahndungsliste der HTS standen, durften kampflos abziehen - in Richtung der von der Türkei und ihren syrischen Hilfstruppen kontrollierten Region Afrin.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Der Fall von Atarib ist aus mehreren Gründen ein fatales Signal: Die Bewohner hatten sich jahrelang der Einnahme durch die Dschihadisten widersetzt. Die Stadt stand unter einer lokalen Selbstverwaltung. Mehrfach gelang es, durch zivilen Ungehorsam und Straßenproteste eine Eroberung durch HTS zu verhindern. Die Miliz schreckte lange vor dem Einsatz öffentlicher Gewalt zurück, aus Sorge, dadurch Rückhalt zu verlieren.

Der Fall von Atarib zeigt zum anderen, dass die Türkei entweder nicht in der Lage oder nicht willens ist, die Macht der Dschihadisten in Idlib zu brechen. Im September 2018 trafen Russlands Staatschef Wladimir Putin und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan eine Vereinbarung über die Zukunft von Idlib. Das Abkommen sah zum einen die Schaffung einer entmilitarisierten Pufferzone rund um die Provinz vor. Zum anderen sollte die Macht der Terrormiliz HTS geschwächt werden.

Die Dschihadisten setzen sich fest

Das Gegenteil ist der Fall: Inzwischen kontrollieren die Dschihadisten rund zwei Drittel der Region um Idlib, in der knapp drei Millionen Menschen leben. Und sie setzen sich fest: Ähnlich wie einst ihre Rivalen der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) installieren sie eigene Gerichte, eine eigene Verwaltung und eine sogenannte "Regierung der Errettung" - obwohl das türkische Militär in dem Gebiet stationiert ist und zwölf sogenannte Beobachtungsposten eingerichtet hat.

Die Türkei hat ihre Militärstützpunkte in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt und den Eigenschutz ihrer Truppe erhöht, unternimmt ansonsten aber nichts. Damit setzt Ankara derzeit seinen Teil der im September getroffenen Abmachung mit Russland, nämlich die HTS in Schach zu halten, nicht konsequent um.

Das von der Türkei unterstützte Rebellenbündnis "Nationale Befreiungsfront" (NFL) hat für die nächsten Tage eine Gegenoffensive angekündigt, um die HTS zurückzuschlagen. Doch diese verschiedenen, teilweise untereinander verfeindeten Milizen sind kaum in der Lage, die HTS entscheidend zu schwächen.

Das könnte Russland und seinem Verbündeten, dem syrischen Diktator Baschar al-Assad, über kurz oder lang doch noch den Vorwand für eine Bodenoffensive gegen Idlib liefern. Assad hat das Ziel, diese Region wieder unter seine Kontrolle zu bringen, nie aufgegeben.

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