Syrien Was man über den mutmaßlichen Giftgasangriff weiß - und was nicht

Die US-Regierung will Hinweise auf eine neue Gasattacke des Assad-Regimes in Syrien haben. Sie droht bereits mit Vergeltung, noch aber fehlen Fotos, Videos oder andere Belege.

Luftangriff auf Gebiet am Rande des Dschabal al-Akrad: Heftige Kämpfe um die Höhenzüge
Anas AL-DYAB / AFP

Luftangriff auf Gebiet am Rande des Dschabal al-Akrad: Heftige Kämpfe um die Höhenzüge

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Die US-Regierung prüft Hinweise auf einen neuen Chemiewaffenangriff in Syrien.

Am Morgen des 19. Mai habe das syrische Militär im Nordwesten des Landes möglicherweise Chlorgas eingesetzt, teilte das US-Außenministerium mit. "Wir sammeln noch immer Informationen zu diesem Vorfall, aber wir wiederholen unsere Warnung, dass die Vereinigten Staaten und unsere Verbündeten schnell und angemessen reagieren werden, wenn das Assad-Regime Chemiewaffen einsetzt", heißt es in einer Erklärung von Außenamtssprecherin Morgan Ortagus.

Washington nennt keinen genauen Ort für den Angriff und macht auch keine Angaben zu Anzahl und Identität möglicher Opfer. Ebenso bleibt offen, welche Indizien für eine Chlorgasattacke man gesammelt habe.

Ein Blick darauf, was öffentlich über den mutmaßlichen Angriff bekannt ist:

Am Sonntagvormittag meldete der dschihadistische Propagandadienst Ibaa einen Chlorgasangriff auf Tal al-Kubaina. Ibaa bezeichnet sich selbst als Nachrichtenagentur, ist aber de facto ein Sprachrohr der Terrororganisation "Hayat Tahrir al-Scham" (HTS). Für die Miliz spielt Ibaa eine ähnliche Rolle wie der Propagandadienst Amaq für die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS).

Tal al-Kubaina ist ein Ort in der Hügellandschaft Dschabal al-Akrad. Durch diese Gegend verläuft derzeit die Front zwischen syrischen Regierungstruppen im Westen und den islamistischen Milizen HTS und Islamische Turkestan Partei (TIP) im Osten. Die Dschihadisten kontrollieren das Gebiet rund um die Stadt Idlib, seit mehreren Wochen versucht das Assad-Regime an mehreren Stellen auf das Territorium vorzudringen.

Die Dschabal al-Akrad, die Kurdenberge, sind wegen ihrer strategischen Bedeutung besonders umkämpft. Von den Höhenzügen aus, deren Gipfel mehr als tausend Meter hoch sind, lässt sich die weiter östlich gelegene Ebene kontrollieren, die vom Fluss Orontes durchzogen wird und in der unter anderem die Großstadt Dschisr al-Schughur liegt.

Blick vom Dschabal al-Akrad
AFP PHOTO/STR

Blick vom Dschabal al-Akrad

In den vergangenen Tagen hat die syrische Armee mehrfach vergebens versucht, die Hügel um Tal al-Kubaina zu erobern. Um den Durchbruch zu schaffen, haben die Kämpfer des Regimes dann am Wochenende Chlorgas eingesetzt - so stellt es die Dschihadistenmiliz HTS dar. Nach ihren Angaben feuerten Regierungstruppen am Sonntagmorgen drei mit Chlorgas gefüllte Raketen auf HTS-Stellungen in Tal al-Kubaina ab. Vier Kämpfer seien dabei verletzt worden.

Keine Videos, keine Fotos, keine Belege

Die Gesundheitsbehörden in der von Rebellen kontrollierten Provinz Idlib bestätigten die Angaben. Das von Oppositionellen betriebene Chemical Violations Documentation Center of Syria (CVDCS) berichtete, die vier Verletzten seien in ein Krankenhaus in der rund 40 Kilometer entfernten Kleinstadt Darkusch gebracht und dort behandelt worden. In einer Mitteilung des CVDCS heißt es, die Kleidung der vier Männer habe nach Chlor gerochen, sie hätten zudem Symptome wie gerötete Augen, Atemprobleme und Kopfschmerzen gezeigt.

Die Gesundheitsbehörde von Idlib teilte mit, man wolle Blut- und Urinproben der mutmaßlichen Giftgasopfer sammeln und diese gemeinsam mit ihrer Kleidung an internationale Organisationen übergeben. Ob das wirklich passierte, ist bislang unklar.

Ein Sprecher der Rettungsorganisation Weißhelme teilte mit, es gebe für den Gasangriff bisher keine offizielle Bestätigung. Die Weißhelme selbst hätten in der fraglichen Region keine Kräfte im Einsatz. Auch der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte liegen nach eigenen Angaben bislang keine Belege für einen Einsatz von Chlorgas vor.

Der Vorfall unterscheidet sich in mehreren Punkten von den bisher bekanntesten Giftgasangriffen des Assad-Regimes. Die Attacken auf Vororte von Damaskus im August 2013, auf Chan Scheichun im April 2017 und Duma im April 2018 richteten sich gegen Zivilisten. Diesmal attackierte das Militär, wenn die Angaben stimmen sollten, offenbar gezielt feindliche Kämpfer. Gemäß der Chemiewaffenkonvention macht das allerdings keinen Unterschied: Völkerrechtlich ist der Einsatz von Giftgas gegen feindliche Kämpfer wie Zivilisten gleichermaßen geächtet.

Die Angriffe mit konventionellen Waffen gehen unvermindert weiter

Anders als bei den genannten Angriffen der vergangenen Jahre gibt es diesmal weder Fotos noch Videos der Opfer, die den Vorwurf gegen das Regime stützen würden.

Was hingegen vorliegt, sind gesicherte Berichte über Angriffe auf zivile Ziele rund um Idlib. Am Dienstagabend bombardierte die russische Luftwaffe einen Markt in der Stadt Maarat al-Numan. Dabei wurden nach Angaben von Medizinern mindestens elf Zivilisten getötet. Offenbar wurde der Markt gezielt in den Abendstunden nach Sonnenuntergang angegriffen. Zum Fastenbrechen im Ramadan war der Platz besonders belebt.

Das US-Außenministerium erklärte zwar in seiner Mitteilung, dass diese Angriffe auf Ortschaften in Nordwestsyrien enden müssten. Mit ernsthaften Konsequenzen droht Washington aber weiterhin nur für den Fall, dass Assad Giftgas einsetzt. So lange die Armee Zivilisten mit konventionellen Waffen tötet, muss das Regime in Damaskus keine Vergeltungsschläge fürchten.

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