Syrien "Wenn nötig, können wir den ganzen Libanon aufnehmen"

Der Krieg zwischen der Hisbollah und Israel hat bereits über 150.000 Menschen nach Syrien getrieben. Sie füllen Schulen, Sporthallen und Moscheen. Die Regierung in Damaskus bekundet ihre Solidarität mit den Flüchtlingen - tatkräftige Hilfe leisten bisher jedoch vor allem die einfachen Leute.

Von Gabriela Keller, Damaskus


Vier Busse voller Flüchtlinge sind vor einer knappen Stunde von der Grenze gekommen. Vor der Zweigstelle des Roten Halbmondes im eleganten Damaszener Viertel Abu Rumaneh wartet noch ein knappes Dutzend Menschen auf den Transport zu ihrer Bleibe. Ein olivgrünes Zeltdach schirmt sie vor den weiß glühenden Strahlen der Nachmittagssonne ab, doch drückend heiß ist es auch im Schatten. Kinder, seltsam still trotz des langwierigen Wartens, klammern sich an Mütter, die vor Erschöpfung wie gelähmt auf Plastikstühlen sitzen.

Ein neuer Ansturm kann jeden Augenblick eintreffen. Die Helfer, die seit Tagen in Schichten von 14 Stunden oder länger arbeiten, lehnen sich zurück. Als eine blasse Frau mit wimmerndem Kleinkind an der Hand eintritt, schreckt einer der Helfer aus seiner kurzen Entspannung und bringt sie in das schmale Zimmer, wo die Ärzte Patienten empfangen.

Sama Azou braucht Medizin für ihren vierjährigen Sohn. "Wir kamen vor vier Tagen aus Beirut", sagt sie. Mit 23 Flüchtlingen teilt sie sich jetzt eine Vier-Zimmer-Wohnung, die Fremde zur Verfügung gestellt haben. "Ich bin Pharmazeutin, meine Familie ist sehr gebildet", betont sie, wie um ein Stück einstigen Wohlstands ins Flüchtlingsleben hinüber zu retten. Tatsächlich ließen die Angriffe ihr nicht einmal Zeit, ein paar Kleider einzupacken.

"Wir hatten ein schönes, großes Haus", sagt die 32-Jährige. "Nun haben wir nichts mehr." Sie räuspert sich, als wolle den Schmerz aus ihrer Stimme schütteln, und erklärt dann ganz nüchtern: "Es ist immer noch unvorstellbar, dass ich alles verlassen musste." Lieber wäre sie noch dort, bei ihrem Mann, der entschlossen ist, bis zum Ende in seinem Land zu bleiben. Doch wegen ihres Sohnes hatte sie keine Wahl. "Die Flugzeuge, die Bomben Tag und Nacht, Erwachsene können das aushalten, aber für das Kind ist es schwer." Sie deutet auf den Vierjährigen. "Er sagt ja nicht, was er fühlt, aber er weint die ganze Nacht und fragt ständig nach seinem Papa. Ich sage ihm dann: Bete zu Allah, bete für Frieden."

Seitdem die Gewalt im Libanon wütet, strömen die Flüchtlinge nach Syrien, Schätzungen zufolge sind sich seit Ausbruch der Krise mehr als 150.000 über die Grenze gekommen. "Syrien zeigt sich großzügig, denn natürlich ist diese große Anzahl Flüchtlinge eine große Belastung für das Land", sagt Dietrun Günther, Senior Protection Officer beim syrischen Büro des UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen.

Entlastung für die EU

Derzeit lassen die Beamten jeden, der einen libanesischen Pass vorweist, über die Grenze. Damit könnte die syrische Solidarität auch die Europäischen Union entlasten: Nachdem bislang 30.000 Flüchtlinge auf Zypern ankamen, meldete die Mittelmeerinsel das Ende ihrer Möglichkeiten und rief die übrigen EU-Staaten auf, sich an der Hilfe zu beteiligen – Syrien macht unterdessen keine Anstalten, den Zugang zu beschränken.

An der Grenze empfängt der Rote Halbmond die Libanesen mit Wasser, Essen und medizinischer Betreuung. "Bisher konnten wir jeden unterbringen, niemand hungert und jeder Kranke und Verletzte wird versorgt", sagt Hala al-Hafez im Hauptquartier der Organisation.

Im Zweigbüro in Abu Rumaneh registrieren Helfer an sieben Tagen pro Woche 24 Stunden lang Flüchtlinge. Khaled Eaksoussi, der Vizepräsident des Damaszener Roten Halbmondes, zeigt aus dem Fenster seines Büros. "Der Platz unter dem Zeltdach ist niemals leer." Rund 200 Freiwilligen sind derzeit tätig, schätzt Eaksoussi, viele hätten sich extra Urlaub genommen. "Den meisten muss ich irgendwann sagen: 'Du warst jetzt 24 Stunden im Einsatz, du gehst mal nach Hause.'" So trägt das Volk die Last der Flüchtlinge; der gesamte Nahrungsbedarf kann mit Spenden gedeckt werden. Zudem stellen Privatbetriebe Fernseher für die Heime und Busse für den Transport. "Sie können sich nicht vorstellen, was die Leute alles spenden", sagt Eaksoussi, "vom Feuerlöscher bis zur Putzfrau ist alles dabei."

Die Flüchtlinge sind auf Turnhallen, Klöster, Moscheen, Ferienlager und Schulen verteilt. Andere kommen in Gastfamilien unter: Viele Syrer bieten libanesischen Familien Räume in ihren Wohnungen, einzelne mieten sogar Häuser für Bedürftige an.

Zuheir Mohanna hat bis vor kurzem das Sportzentrum "Sport City Jalaa" geleitet, nun verwaltet er ein Flüchtlingslager. Am oberen Rand der Tribüne ums Spielfeld drängeln sich Familien auf Schaumstoffmatratzen. "Wir geben ihnen, was sie brauchen", sagt Mohanna. Die Sorge, dass Syrien die Flüchtlinge irgendwann nicht mehr versorgen kann, winkt er lächelnd ab: "Wenn nötig, können wir den ganzen Libanon aufnehmen."

Im improvisierten Vorratsraum stellt die Damaszenerin Hanan Ismail eine Kiste voller Brot, Milch und Käse zu den Vorräten. "Die Libanesen sind unsere Brüder", sagt sie knapp. "Es ist unfassbar, dass die ganze Welt ihre Augen vor ihrem Leid verschließt." Daher spende sie, so viel sie nur kann. "Ebenso gut könnten wir es sein, die angegriffen werden."

"Ich ertrage es kaum"

Diese Solidarität spiegelt die Rhetorik von Präsident Baschar al-Assad bis in den Wortlaut: Mehrfach gab das Regime an, die "Leiden des libanesischen Brudervolkes" lindern zu wollen. Ebenso sicherte der Präsident der Hisbollah – dem "nationalen libanesischen Widerstand" – Unterstützung zu. Assad weiß in der aufgebrachten Stimmung seine Nähe zu den Extremisten zu nutzen, sagt der Damaszener Politologe Marwan Qabalan: "Der Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah ist als Held aus der Krise gekommen", erklärt er. "Und Assad bekennt sich deutlich wie sonst kein arabischer Staatschef zur Hisbollah." So sei es ihm gelungen, sich in Nasrallahs Abglanz als Verteidiger des Libanon zu inszenieren.

Der Libanese Rafi Bilawijien will jedoch von Kämpfen nichts mehr wissen. Der 22-Jährige sitzt vor der Sporthalle sitzt und wartet mit jeder Minute darauf, dass die Krise endet. "Ich habe bis vor ein paar Tagen am Flughafen von Beirut gearbeitet", erzählt er und lacht bitter. "Ich ertrage es kaum, weg zu sein und nichts tun zu können", sagt er. "Ich hoffe, dass der Frieden schnell kommt, damit wir unser Land wieder aufbauen können."

Ein paar Kilometer weiter östlich, im Innenhof der Koranschule Schar’ya tobt eine Schar johlender Kinder einem Ball hinterher. Hier leben 160 Flüchtlinge, Familien mit bis zu zehn Mitgliedern teilen sich je einen Klassenraum. Für ein flüchtiges bisschen Privatsphäre haben die Menschen ihre Matratzen mit Laken abgetrennt. Auf der Flucht bleibt nicht viel übrig vom eigenen Leben, die Reste liegen in Taschen und Plastiktüten auf der Erde.

Dennoch suchen die Flüchtlinge die Normalität im Ausnahmezustand. Auf dem Gang sitzt eine Gruppe bei der Wasserpfeife zusammen – fast, wie im eigenen Wohnzimmer. Zwei Mädchen mit sorgfältig gesträhnten Frisuren und auffälligem Schmuck sehen aus, als hätten sie sich für die Disko zurechtgemacht. Ohne den Blick zu wenden, stöckeln sie an einer Wand vorbei, die jemand mit einem Porträt des Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah dekoriert hat.

Nur manchmal bricht die Verzweiflung durch die Duldsamkeit. "Haben Sie gesehen, was im Libanon passiert?", fragt Fatma Abdallah Jumaa mit bebender Stimme, ihre Augen verschwimmen hinter Tränen. Nach dem Tod ihres Mannes war der Mutter von drei Kindern nur eine Tankstelle geblieben. "Sie haben die Tankstelle zerbombt", schluchzt sie. "Wovon sollen wir jetzt in Zukunft leben?" Die Hisbollah, meint die 34-Jährige, werde Israel niemals zerstören. "Das einzige, was sie vernichten, ist das libanesische Volk."



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