Hilfe für Syrien "Manche Kinder sind seelisch zerstört"

Die SOS-Kinderdörfer in Syrien versuchen, die Not der Jungen und Mädchen im Bürgerkrieg ein bisschen zu lindern. Nothilfe-Koordinatorin Katharina Ebel spricht im Interview über ihre Arbeit und die Folgen des Kriegs für die Kinder.
Kinder in Syrien

Kinder in Syrien

Foto: ABD DOUMANY/ AFP

SPIEGEL ONLINE: Täglich erreichen uns Bilder von syrischen Kindern, die Opfer des Kriegs in Syrien geworden sind, die verletzt wurden, deren Häuser zerstört wurden. Wie können die SOS-Kinderdörfer da überhaupt noch helfen?

Ebel: Wir betreuen derzeit in Damaskus 156 Waisenkinder und 230 Kinder und Jugendliche, deren Eltern und Familienangehörige tot oder verschollen sind. Darüber hinaus bauen wir trotz des Krieges unser Nothilfeprogramm östlich von Aleppo aus. Dort versorgen wir insgesamt 2500 Familien. Die meisten von ihnen sind Binnenflüchtlinge, die vor den Kämpfen aus Aleppo geflüchtet sind

Katharina Ebel, 37, arbeitete als Forografin und Journalistin für die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" und die katholische Nachrichtenagentur. Seit 2014 ist sie für die SOS-Kinderdörfer tätig. In diesem Jahr übernahm sie den Posten als Leiterin der SOS-Nothilfeprogramme in Syrien.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht die Hilfe genau aus?

Ebel: Im Moment bereiten wir die Menschen auf den Winter vor. Wir versorgen sie mit warmer Kleidung und Dämmmaterial für ihre Wohnungen. Außerdem bauen wir dort eine Interimsschule für 600 Kinder auf. Zudem haben wir für die Jungen und Mädchen einen sicheren Raum geschaffen, in dem sie unter Aufsicht von Sozialpädagogen spielen und musizieren können - eben alles, was Kinder in Friedenszeiten auch machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen die Kinder mit den Folgen des Krieges um?

Ebel: Die Kinder, die wir betreuen, haben alles Schlimme erlebt, was man sich nur vorstellen kann: Sie haben gesehen, wie ihre Eltern getötet wurden, haben Massaker überlebt, haben zugesehen, wie ihre Häuser zerstört wurden. Das hat sie in ihrem Grundvertrauen erschüttert. Sie haben schwere seelische Verletzungen davongetragen und sind deshalb erfüllt von tiefer Traurigkeit. Das kann dazu führen, dass die Kinder schwere Depressionen entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen hat das?

Ebel: Manche Kinder sind seelisch so zerstört, dass sie versuchen, Suizid zu begehen. In den vergangenen Wochen haben ein Junge und ein Mädchen versucht, sich das Leben zu nehmen. Sie waren gerade einmal 12 und 13 Jahre alt. Glücklicherweise konnten wir das Schlimmste verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht das Leben der Kinder in einem syrischen SOS-Kinderdorf  zurzeit überhaupt aus?

Ebel: Im Moment ist es sehr schwierig. Bis 2012 hatten wir noch ein SOS-Kinderdorf in Aleppo. Das haben wir wegen der Gefechte dort schon damals evakuiert und die Kinder nach Damaskus gebracht. Ende September brachen dann auch Kämpfe in der Nähe unseres SOS-Kinderdorfs in Damaskus aus und wir mussten auch hier räumen. Kurz darauf positionierte eine Kriegspartei dann einen Panzer auf dem Gelände, um von dort aus Geschosse abzufeuern.

SPIEGEL ONLINE: Wo leben die Kinder jetzt?

Ebel: Wir haben die 156 Jungen und Mädchen vorübergehend in einem Hotel untergebracht und suchen jetzt nach einem dauerhaften Ausweichquartier. Für die Kinder aber war die erneute Vertreibung extrem schlimm. Sie haben noch einmal erleben müssen, dass ihre Welt erschüttert wird, und das hat ihre Verlustängste wieder extrem verstärkt. Wir hoffen, dass wir irgendwann wieder in das SOS-Kinderdorf zurückkehren können, aber vorher müssen wir ausschließen, dass die Kinder zwischen die Fronten geraten.

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