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Szenarien für Syrien: Der zerstörte Staat

Foto: Dusan Vranic/ AP/dpa

Friedenschancen für Syrien Land ohne Hoffnung

Hunderttausende Syrer sind auf der Flucht nach Europa. In ihre Heimat zurück könnten sie nur, wenn dort Frieden herrscht. Doch gibt es dafür überhaupt noch eine Chance? Vier Szenarien.

In mehr als viereinhalb Jahren hat es die internationale Gemeinschaft nicht geschafft, im syrischen Bürgerkrieg zu vermitteln. Russland, die USA, Iran und Saudi-Arabien sind - wie Deutschland - jeweils ihren eigenen Illusionen gefolgt - und haben sich so gegenseitig blockiert. Sie sind alle gescheitert. Auch das Beharren auf einer Verhandlungslösung hat der Verwüstung des Landes und dem Töten nicht Einhalt geboten.

Dass aus einer anfangs friedlichen Protestbewegung gegen die jahrzehntelange Diktatur des Assad-Clans ein solcher Vernichtungskrieg mit bislang einer Viertelmillion Toten werden konnte, liegt an einer eigentümlichen Patt-Situation: Das zumindest demografisch schwache Regime der Assads, das sich auf die zehnprozentige Minderheit der Alawiten stützt und von Anfang an allein auf einen militärischen Sieg setzte, hat mit Russland und Iran zwei Verbündete, die seit 2012 Zehntausende Kämpfer und Waffen im Wert von Milliarden geschickt haben.

Die Opposition, die sich vor allem aus den drei Vierteln der sunnitischen Bevölkerung speist, hat mit Saudi-Arabien, Katar und der Türkei Unterstützer, die untereinander lange Zeit zerstritten waren. Ihre Hilfe fiel außerdem überwiegend magerer aus - auch auf Druck der USA, die weder einen Sieg Assads, noch einen Sieg der Rebellen wollten. Stattdessen sollte Druck auf beide Seiten selbige an den Verhandlungstisch bringen.

Verhandlungen und eine echte Machtteilung aber würden den herrschenden Clan dem Untergang preisgeben. Zehntausende alawitischer Soldaten sind gestorben für die Verteidigung einer Familiendiktatur, ohne dass der versprochene Sieg je eintraf. Doch ohne Assads Rücktritt werden die Rebellen nicht aufgeben.

Jede Seite ist schon totgesagt worden: das Regime, die Rebellen, auch der "Islamische Staat" (IS), der ab Herbst 2013 erst klandestin, dann mit brutaler Offenheit Teile des Landes unter seine Herrschaft brachte.

Alle drei sind noch da. Assad kämpft mit Wucht gegen die Rebellen und gelegentlich gegen den IS. Ansonsten nutzt er die Terrormiliz als perfektes Argument, sich als das kleinere Übel zu präsentieren - im Land wie international. Die Rebellen kämpfen gegen beide, wobei auch unter ihnen radikale Gruppen wie die mit al-Qaida verbündete Nusra-Front erstarkt sind. Seit etwa einem Dreivierteljahr rücken die Rebellen in winzigen Schritten vor, weil dem Regime die Bodentruppen ausgehen.

Doch welche Optionen gibt es überhaupt noch, Syrien wieder in ein Land zu verwandeln, dessen Bewohner zurückkehren und dort in Frieden leben könnten?

  • Allianz mit Russland - gegen den IS

Soll man sich mit Russland, das gerade im großen Stil Flugabwehrstationen, Panzer und Truppen nach Syrien entsendet, auf eine internationale Koalition einigen zum Kampf gegen den IS? Präsident Putin wird dies vermutlich am 28. September vor der Uno in New York vorschlagen. Doch Russland hat seit 2011 stets klargemacht, dass es sämtliche Gegner Assads als Terroristen betrachtet. Moskau wird ein internationales Mandat dafür nutzen, diesen Kurs militärisch fortzusetzen.

Je nachdem, wie weit Russland dabei gehen will, wären die Rebellen gezwungen, sich zu entscheiden: für Assad oder für den IS. In diesem Jahr haben Assads Kampfjets und Truppen etwa zehn Mal so viele Menschen umgebracht wie die Terrormiliz (die es nur offener propagiert). Ein beträchtlicher Teil könnte also in der Not zum IS wechseln.

Dann gäbe es zwei Horroroptionen zur Auswahl, die Zahl der Flüchtlinge würde steigen.

  • Eine Teilung Syriens - die iranische Option

Oder soll man auf eine Teilung des Landes setzen, wie es vor allem Iran schon länger verfolgt? Der schmale, bevölkerungsreiche Streifen zwischen der Hafenstadt Latakia und Damaskus bliebe unter Assads Kontrolle, der Rest würde sich selbst überlassen.

Etwas Besseres könnte dem IS nicht passieren: Denn die Rebellen allein können die Islamisten nicht besiegen, Assads Rumpfreich hätte kaum noch Frontberührung mit den Dschihadisten und würde den anderen beim Ausbluten zuschauen.

Überdies wäre eine Teilung das endgültige Startsignal für die de facto längst unabhängigen Kurden im Norden, ihren Staat auszurufen, was höchstwahrscheinlich die Türkei in den Krieg mit hineinziehen würde.

Auch hier: keine Option auf Rückkehr und Leben in Frieden.

  • Militärische Intervention des Westens

Wie wäre es dann mit einem Eingreifen des Westens? Um mit der Option von Assads Demissionierung ein Druckmittel zu haben, alle Seiten zu einem Kompromiss und zum Kampf gegen den IS zusammenzubringen? Dies war eine Möglichkeit - aber wurde vermutlich endgültig durch die russische Militäraufstockung zunichte gemacht. Denn durch sie würde schon die Durchsetzung einer Flugverbotszone zum Risiko einer amerikanisch-russischen Konfrontation, und einen solchen Streit wird niemand riskieren wollen.

  • Verhandlungen und Uno-Vermittlung

Weitermachen wie bisher - auf die Uno setzen, für Verhandlungen und Vernunft plädieren? Das klingt gut, wäre aber zynisch und liefe den Interessen der syrischen Machthaber zuwider. Ein Regime, das seine Untertanen auch jenseits aller Frontlinien mit Giftgas, Splitter- und Fassbomben tötet und das ebenfalls die eigenen Leute verheizt, hat keinen sicheren Rückzugsraum, um Konzessionen machen zu können.

Der Krieg würde weitergehen, dank der russischen Hilfe nun noch länger als ohne sie.

Fazit: So traurig und unfassbar es klingt, aber ein Ende des Krieges in Syrien ist nicht in Sicht. Nicht mehr. Von friedlichen, sicheren Verhältnissen, die Menschen zum Bleiben oder gar zur Rückkehr bewegen könnten, ist das Land weiter entfernt als je in den vergangenen drei Jahren.

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Foto: DVA

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