Angriff auf türkisches Militär in Syrien Putin führt Erdogan vor

Russland und die Türkei hatten den Menschen im syrischen Idlib Sicherheit versprochen. Tausende Tote und Hunderttausende Flüchtlinge belegen jedoch: Erdogan hat Putins Rücksichtslosigkeit nichts entgegenzusetzen.

Wladimir Putin: Russlands Präsident hat in Syrien gerade demonstriert, wie die Partnerschaft mit der Türkei funktioniert - sie kann jederzeit aufgekündigt werden, wenn eine der beiden Seiten dies für opportun hält
Gerard Julien/AFP/DPA

Wladimir Putin: Russlands Präsident hat in Syrien gerade demonstriert, wie die Partnerschaft mit der Türkei funktioniert - sie kann jederzeit aufgekündigt werden, wenn eine der beiden Seiten dies für opportun hält

Von und


Die türkische Regierung muss sich sehr sicher gewesen sein - oder sie war sehr naiv. Ohne besondere Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, schickte sie mehrere Militärkonvois einmal quer durch die nordsyrische Provinz Idlib in Richtung des Dorfes Morek.

Dort unterhält die türkische Armee seit vergangenem Jahr einen von insgesamt zwölf sogenannten Observationsposten. Der Stützpunkt liegt südlich der Kleinstadt Chan Scheichun, in der sich Truppen des Assad-Regimes und Rebellen bekämpfen.

Präsident Recep Tayyip Erdogan wollte offensichtlich ein Signal senden, dass seine Regierung dem jüngsten Vorstoß der syrischen Armee in der Rebellenhochburg Idlib nicht tatenlos zusieht. Gleichzeitig setzte er wohl darauf, dass die russische Regierung, wichtigster Verbündeter Baschar al-Assads, einen Angriff auf türkische Einheiten schon verhindern würde. Diese Sorglosigkeit hat sich nun gerächt. Die türkische Regierung gab am Montag bekannt, dass einer ihrer Konvois aus der Luft beschossen wurde - wahrscheinlich von der syrischen Luftwaffe. Drei Zivilisten starben nach Angaben Ankaras.

Türkischer Militärkonvoi in Idlib: Tödliche Sorglosigkeit
AFP

Türkischer Militärkonvoi in Idlib: Tödliche Sorglosigkeit

Der Vorfall zeigt, wie schnell der syrische Bürgerkrieg auch in seinem neunten Jahr noch immer eskalieren kann. Assad ist entschlossen, Syrien mithilfe Moskaus und des iranischen Regimes vollständig von den Rebellen zurückzuerobern - egal mit welchen Mitteln. Und während die Welt der syrischen Katastrophe inzwischen weitgehend gleichgültig zusieht, ergreift lediglich Ankara noch eindeutig Partei für die Rebellen.

Weder Erdogan noch Putin haben ihre Zusagen eingehalten

Erdogan will verhindern, dass Assad Idlib einnimmt, auch weil er weiß, dass dies eine neue Massenflucht von Syrern in die Türkei auslösen würde. Mehr als drei Millionen syrische Flüchtlinge leben bereits in der Türkei. In den vergangenen Wochen haben die Behörden mehrfach Syrer in Bussen zurück nach Idlib deportiert - ausgerechnet in das Gebiet, das Assad nun mit russischer Hilfe stürmt.

Vergangenen Herbst trotzte Erdogan Russlands Präsident Wladimir Putin eine Waffenruhe ab, die eine Offensive auf Idlib vorerst stoppte. Beide Staatschefs hatten damals zugesichert, für die Sicherheit der Zivilsten zu garantieren. Doch weder hielt Erdogan seine Zusage ein, entschieden gegen die Dschihadistenmiliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS) in Idlib vorzugehen, noch gaben Putin und Assad ihr Ziel auf, die Provinz zurück unter die Kontrolle der Regierung in Damaskus zu bringen.

Deshalb sind die Kämpfe seit April neu entfacht. Das Assad-Regime und das russische Militär nehmen gezielt auch zivile Einrichtungen wie Schulen oder Krankenhäuser unter Beschuss. Am Dienstag räumte Putins Außenminister Sergej Lawrow erstmals ein, dass auch russische Bodentruppen in Idlib im Einsatz sind.

Die humanitären Folgen der Offensive sind verheerend: Tausende Menschen wurden seit Ende April in Idlib getötet, mehr als 540.000 in die Flucht getrieben. Viele von ihnen sind Binnenflüchtlinge, die in den vergangenen Jahren aus anderen Landesteilen in die Provinz vertrieben wurden und nun erneut flüchten mussten. Tausende von ihnen leben unter freiem Himmel und suchen Schutz in Olivenhainen.

Luftangriff auf Chan Scheichun: Mehr als 540.000 Flüchtlinge seit April
Omar HAJ KADOUR / AFP

Luftangriff auf Chan Scheichun: Mehr als 540.000 Flüchtlinge seit April

Erdogan steckt nun in einem Dilemma: Um Assads Vormarsch ernsthaft Einhalt gebieten zu können, müsste er deutlich mehr Soldaten nach Idlib schicken, was innerhalb der kriegsmüden, türkischen Bevölkerung für massive Unruhen sorgen würde. Ohne Verstärkung aber ist er auf das Wohlwollen Putins angewiesen.

"Wir stehen mit Russland in Kontakt"

Der türkische Militärposten in Morek ist inzwischen nahezu komplett von syrischen Regierungstruppen und ihren Verbündeten umzingelt. Außenminister Mevlüt Cavusoglu betonte am Mittwoch, dass Ankara dennoch nicht daran denke, den Stützpunkt aufzugeben oder zu verlegen. "Wir haben nicht die Absicht, ihn woanders aufzustellen", sagte Cavusoglu. Genau das verlangt aber offenbar Moskau. "Wir stehen auf allen Ebenen mit Russland in Kontakt", sagte der türkische Außenamtschef dazu diplomatisch.

Die Türkei und Russland standen schon einmal kurz vor einem Krieg, als das türkische Militär 2015 einen russischen Jet über syrischem Luftraum abschoss. Seit sich Erdogan für den Vorfall entschuldigt hat, haben sich beide Staaten jedoch angenähert. Erdogan und Putin stimmen ihre Syrien-Politik teilweise ab. Gerade erst hat Ankara das Raketenabwehrsystem S-400 von Russland gekauft und damit die Nato brüskiert.

Die Partnerschaft zwischen der Türkei und Russland ist jedoch rein taktisch. Sie kann, das zeigt der Angriff auf den Konvoi, jederzeit aufgekündigt werden, wenn eine der beiden Seiten das für opportun hält.

insgesamt 88 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Justitia 21.08.2019
1.
In Syrien, aber auch in der Ukraine, zeigt sich das wahre Gesicht Putins. Aus machtpolitischen Erwägungen geht er über Tote, auch über tausende und hundertausende Tote. Wir haben deshalb allen Grund die BW wieder auf Vordermann zu bringen, Putin würde auch westliche Staaten angreifen, wenn er dadurch einen Vorteil erhalten würde. Genau so würde er auch die Türkei angreifen, wenn er nicht den Bundnisfall fürchten müsste. Erdogan ist hingegen nicht das Kaliber, das Putin ist. Erdogan kann und muss man für das, was er aus der türkischen Demokratie gemacht hat kritisieren. Auch seine militärischen Aktionen gegen kurdische Zivilisten sind rücksichtlos, da er im meiner Ansicht nach an sich berechtigten Kampf gegen die militärische PKK "Kolateralschäden" unter Zivilisten hinnimmt. Ein Zyniker und Massenmörder wie Putin und Assad ist er hingegen nicht, er greift nicht Schulen, Krankenhäuser und Wohngebiete alleine deshalb an, um dort unter Zivilisten möglichst grosse Opferzahlen zu generieren.
nurEinGast 21.08.2019
2. nun ja
man darf nicht vergessen, dass es in Syrien keine "Guten" oder "Bösen" mehr gibt. Erdolfs Rebellen waren vorher Teil des IS/ Al-Kaida- und Baschars Truppen haben von Anfang an keinen Zweifel dran gelassen dass es nur ihre Seite gibt. Von daher ist das Vorgehen der Truppen Baschars nur verständlich- schliesslich sehen die Idlib als Teil ihres Landes an. Die Türkei ist da letztlich nur ein ungebetener Gast, den man gerne aus dem Land prügeln würde- aber aufgrund begrenzter Möglichkeiten (noch) nicht kann. Letztlich ist doch Idlib seit der Vertreibung der Kurden ein potentielles Kampfgebiet. Und ich denke, über kurz oder lang werden auch die Türken angegriffen werden. Es wird interessant werden, dies von aussen zu beobachten. Umso mehr, da die türkische Armee nur ein Papiertiger ohne wirklichen Kampfwert zu sein scheint.
werner-brösel 21.08.2019
3. Solange sichergestellt ist,
daß die NATO nicht durch Erdogans Eskapaden in einen militärischen Konflikt mit Russland hineingezogen wird? Vielleicht sollten die NATO-Vertreter hier zügig Position beziehen, ehe der Sultan bei seiner Unterstützung der Dschihadisten völlig außer Kontrolle gerät. Im Übrigen zeugt es von Blauäugigkeit, wie oben im Artikel geschehen, Erdogan zu attestieren, er würde Syrische Rebellen schützen wollen. Erdogan ist hier äußerst selektiv. Dschihadisten genießen seine Unterstützung, aber Kurden und andere moderate Aufständische keineswegs.
Hank the voice 21.08.2019
4. Putin ist ein Schachspieler
Er wusste, wenn er in Syrien Bombt, rennen die Syrer nach Europa. Im Laufe der Zeit werden die Flüchltlinge einen Rechtsruck in Europa verursachen. Dann wird Europa destabilisiert und gespalten. Bislang ist der Plan aufgegangen. Die Türkei hat sich von Europa und der NATO entfernt. Das einst so gastfreundliche Italien ist nach rechts gerückt, in Deutschland ist die AfD auf dem Vormarsch, Dänemark will wieder Grenzkontrollen durchführen, über die rechte Regierung in Ungarn und Polen wundert sich niemand mehr...
Mike Rüdiger 21.08.2019
5.
Viele geben dem Westen die Schuld an der Krise, weil Waffen in die Region geliefert werden. Aber nur weil man jemanden eine Waffe gibt, muss er noch lange nicht schießen. Diese Entscheidung liegt ganz bei ihm selbst. Letztlich schießen hier Syrer auf Syrer! Die Menschen in Syrien müssen ihre Einstellung ändern, nur so lässt sich dieser Krieg beenden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.