Flüchtlinge in Nordsyrien "Wir dachten, die Welt werde uns diesmal helfen"

Die türkische Offensive zwingt in Nordsyrien Zehntausende in die Flucht. Andere sind fest entschlossen zu bleiben. Drei Betroffene erzählen hier von ihrem Schicksal.

Syrische Familie auf der Flucht (Symbolfoto): "Und nachmittags kamen die türkischen Bomber"
Hussein Malla/ DPA

Syrische Familie auf der Flucht (Symbolfoto): "Und nachmittags kamen die türkischen Bomber"

Aus Nordsyrien berichtet


In der Nizar Qabbani-Grundschule in Hassake, benannt nach dem syrischen Verfasser legendärer Liebesgedichte, sind keine Schüler mehr. In jedem Raum kauern seit Tagen verzweifelte, ratlose Menschen, die peinlich darauf achten, ihre Kleidung sauber zu halten. Denn was sie am Leib tragen, ist alles, was sie mitnehmen konnten aus ihren Dörfern und der Stadt Ras al-Ain, als ohne jede Vorwarnung am Mittwochnachmittag vergangener Woche erst der Mörserbeschuss, dann die Angriffe der türkischen Jets einsetzten. Manche brechen immer wieder in Tränen aus, vermissen Angehörige, Nachbarn, Freunde, sind immer noch schockstarr von der Erfahrung, in rasender Flucht ihre Häuser, ihre Heimat verlassen zu müssen.

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Heft 43/2019
Wie der Sieg der Despoten in Syrien ein Volk zerstört, den IS stärkt und Europa bedroht

Nur ein Mann steht völlig gelassen in der Mitte eines kahlen Klassenraums (Bänke und Stühle türmen sich im Innenhof) und nickt freundlich lächelnd, als wir eintreten. Er hat auch nichts retten können außer seiner Familie, aber wirkt, als mache ihm das nicht viel aus. Er kommt aus Homs, der Wiege der syrischen Revolution. Und ist auf der Flucht seit dem mörderischen Sommer 2012, als die 4. Division der syrischen Armee die widerständischen Viertel der Stadt so wahllos zusammenbombten, dass es völlig egal war, ob jemand mit Waffen sein Haus verteidigte oder nur Gemüse verkaufen wollte wie Mohammed al-Nabhan. "Ich war nie ein politischer Mensch", sagt der 59-Jährige gelassen, aber braucht dann die Finger beider Hände, um aufzuzählen, wohin er mit seiner Familie in den vergangenen sieben Jahren geflohen ist.

Aus Chalidiya, seinem bis heute verwüsteten, fast menschenleeren Viertel im Zentrum von Homs, ging es von Dorf zu Dorf Richtung Norden, immer ein paar Wochen, Monate, bis irgendeine Frontlinie näher rückte. Schließlich landeten sie in Jarablus, einer Kleinstadt an der türkischen Grenze. Dort waren sie zwar sicher vor den Truppen des Regimes, aber 2014 rollten hier die Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" auf Pick-ups ein und erklärten die Stadt zum Teil ihres "Kalifats". Nabhan war da schon fort, zog weiter gen Osten von Ort zu Ort, bis sie vor knapp zwei Jahren in Ras al-Ain landeten. Wo vor eineinhalb Wochen mit monströser Wucht der Angriff der türkischen Armee begann.

"Wir haben nie Probleme mit einer Gegend", beteuert er mit ironischem Unterton, "aber offensichtlich hat jede Gegend ein Problem mit uns." Dass sie nun abermals um ihr Leben rennen mussten und vorläufig nichts mehr haben außer ihrer Kleidung und ein paar Dokumenten, nun, "das kennen wir ja schon".

Mohammed al-Nahban: "Wir haben nie Probleme mit einer Gegend, aber offensichtlich hat jede Gegend ein Problem mit uns"
Christoph Reuter/ DER SPIEGEL

Mohammed al-Nahban: "Wir haben nie Probleme mit einer Gegend, aber offensichtlich hat jede Gegend ein Problem mit uns"

Mohammed al-Nabhan, der lieber stehen und ungern sitzen mag, weil seine Diabetes ihm eine schlecht heilende Wunde am linken Fuß beschert hat, wirkt wie eine vollbärtige Inkarnation dieses Volkes. Denn immer wieder begegnet man Syrern, die seit Jahren durch die Hölle gehen und nicht wahnsinnig geworden sind. Keine fanatischen Dschihadisten, keine jubelnden Jünger von Diktator Assad, sondern die sich mit unglaublicher Resilienz durchs Leben schubsen lassen von den todbringenden Attacken der verschiedenen Heere.

"Erst haben wir meistens in einem Lager, einem Stall gewohnt", resümiert er die Erfahrungen eines Profi-Flüchtlings, "sind dann in ein leer stehendes Haus gezogen. Meistens waren ja viele andere aus dem Dorf geflohen, in dem wir Zuflucht suchten." Als Obst- und Gemüsehändler fand er wenigstens immer wieder Arbeit, bekam ab und an Geld von Verwandten aus dem Ausland geschickt. Vier seiner fünf Töchter habe er über die Jahre an den verschiedenen Orten ihrer Odyssee verheiratet, "heek", wie das Leben halt spielt.

Nur eine ist noch mit dem neunjährigen Enkel bei ihm und seiner Frau. Ihr Mann wurde in jenem Sommer 2012 von den Todesschwadronen des Regimes verschleppt, ist nie wieder aufgetaucht. Also bleiben die vier zusammen, von Ort zu Ort.

Wohin sie nun gehen werden, er weiß es nicht. "Hoffentlich zurück nach Ras al-Ain!" Einst in Homs besaßen Nabhan und seine Brüder vier Mietshäuser, waren wohlhabend. Aber die Mieter seien auch geflohen, andere Fliehende eingezogen, einiges sei zerstört, es sei egal: "Unsere Stadt ist nicht mehr. Unsere Verwandten sind tot oder in alle Welt geflohen", in den Libanon, nach Schweden, Jordanien. Alle Nachbarn, Freunde seien fort. Er sei nicht gesucht, könne die Ruinen seines Viertels besuchen: "Aber das ist tot dort, verstehen Sie?" Es sei schade, denn "Homs war für mich immer das Paradies auf Erden!" Warum? "Es war eine so ruhige Stadt."

Das Leid der Großeltern

70 Jahre lang sei es hier ruhig gewesen, sagt Georges Haido, ein Bauer aus der Gemeinde der assyrischen Christen. Die felsigen Äcker rund um sein Dorf Pirrik vier Kilometer südlich der türkischen Grenze sehen aus, als ob sich seit biblischen Zeiten nicht viel verändert habe. Doch dann genügte eine einzige türkische Granate, abgefeuert am Freitag vergangener Woche, 200 Meter neben Haidos Haus exakt dort einzuschlagen, wo zwei Schäfer mit ihrer Herde standen. Ein Granatsplitter bohrte sich in den Kopf des 28-Jährigen Salah Said, er war sofort tot. Sein Freund Dani Hana überlebte schwer verletzt. 57 ihrer Schafe starben.

Georges Haido (l.): "Wir werden nicht vor den Türken fliehen! Nicht noch einmal"
Christoph Reuter/ DER SPIEGEL

Georges Haido (l.): "Wir werden nicht vor den Türken fliehen! Nicht noch einmal"

Salah sei ein ruhiger Mensch gewesen, erzählt sein Onkel auf der Trauerfeier, wo Dutzende dem vor Trauer verstummten Vater kondolieren, Kaffee aus winzigen Becher schlürfen und immerfort rauchen: "Er mochte es, mit den Schafen draußen zu sein. Aber vor einer Woche hatten wir eine Frau für ihn gefunden, waren so froh. Und dann das. Wir wollten es nicht glauben, eine Granate aus der Türkei, die einen Schäfer tötet. Hätten sie auf ihn gezielt, sie hätten ihn doch nie getroffen."

Die beiden Alten aus Jisr saßen vor ihrem Haus, als die Granate einschlug, die Wucht noch auf ihrer Terrasse zu spüren war. "Aber wir werden nicht vor den Türken fliehen! Nicht noch einmal", sagt Haido, 61, und erzählt, wie seine Familie Anfang der Fünfzigerjahre nach Pirrik kam: geflohen aus der Türkei, wo seine Großeltern nur knapp den Massakern der Jungtürken an den assyrischen Christen während des Ersten Weltkriegs entronnen waren. Das Leid ist nicht vergessen worden, auch über Generationen nicht. So, wie das neue Leid dieser Tage nicht vergessen werden wird.

"Es erging uns damals wie den Armeniern", sagt er, "wir waren nur nicht so viele". Mehr als 150.000 Assyrer wurden umgebracht, "mitgemacht haben auch Kurden. Aber wir werden den Türken nie vergessen, dass sie die Befehle gegeben, was sie uns angetan haben. Die Todesmärsche, die Gemetzel an Frauen, Kindern. So, wie unsere Eltern es uns erzählt haben, geben wir es weiter an unsere Kinder."

Es ist ein friedlicher Nachmittag mitten im Krieg, nur das Zwitschern von Vögeln ist zu hören, in der Ferne kräht ein Hahn, aber Haido und sein gleichaltriger Neffe Suleyman sind die letzten Menschen im Dorf. Die Familien seien alle geflohen, weiter fort von der Grenze. Manche kämen ab und zu tagsüber, um die Schafe des Dorfes zu hüten, Gemüse zu ernten, nach den Enten zu sehen. Aber vor Sonnenuntergang gingen alle wieder zurück nach Derek. Außerdem sei dieser Krieg so verworren mit Syrern, die im Auftrag der Türken auf andere Syrer schießen, dass in der Dunkelheit im Zweifelsfall das Feuer auf jeden Fremden eröffnet werde. "Die türkische Armee kann jederzeit kommen", räumt er ein: "Weit haben sie es ja nicht. Aber wir werden bleiben. Und wenn sie uns umbringen, wir werden nicht fliehen. Nicht noch mal."

"Wir haben laut gerufen, dass sie uns nicht im Stich lassen sollten!"

"Wir dachten, die Welt werde uns diesmal helfen", beginnt Alin Ahmed ihre Erzählung: "Die Europäer würden uns Kurden verteidigen, wenn dieser Trump den Abzug seiner Soldaten befehle. Aber niemand hilft uns, wieder einmal. Was will die Türkei von uns? Haben wir sie angegriffen? Wir wollen doch einfach nur leben!"

Alin Ahmed (dunkles Kleid, M.): "Niemand hilft uns, wieder einmal"
Christoph Reuter/ DER SPIEGEL

Alin Ahmed (dunkles Kleid, M.): "Niemand hilft uns, wieder einmal"

Die Bäuerin lebte in einem Dorf nahe Ras al-Ain, wenige Hundert Meter von der türkischen Grenze entfernt. Angst hätten sie seit Tagen gehabt. Aber dann seien sie als Gruppe von Müttern hingelaufen zu den US-Soldaten in ihrer Nähe, schildert sie den letzten Tag vor dem Krieg, ihre Stimme nun bebend vor Wut: "Die Amerikaner hatten ein kleines Lager in Tell Arkam, sieben Kilometer entfernt. Wir Frauen sind da hin mit den Porträts unserer Märtyrer, die im Kampf gegen Daesh (den "Islamischen Staat") gestorben sind. Wir haben laut gerufen, dass sie uns nicht im Stich lassen sollten! Unsere Männer, Söhne, Brüder seien doch auch für sie gestorben. Wir haben so lange vor dem Tor gestanden, bis sie herauskamen. Ihren Kommandeur mussten sie erst anrufen. Aber dann schickte der eine WhatsApp-Nachricht, die uns der Übersetzer vorgelesen hat: Die Amerikaner würden nicht abziehen! Sie würden hier bleiben zu unserer Sicherheit! Am nächsten Mittag waren sie weg. Und nachmittags kamen die türkischen Bomber."

Zumindest zwei weitere Frauen aus Serekaniye bestätigen die Szene. Und es gab keine Fluchtbewegungen bis zum Moment des Angriffs, obwohl Erdogan keinen Zweifel an seinen Plänen gelassen hatte.

Sie sei nicht gut zu Fuß, fährt Alin Ahmed mit Tränen in den Augen fort, sei stundenlang durch die Steppe gelaufen, immer weiter aus Angst, doch noch getroffen zu werden. Mütter hätten ihre Kinder kaum noch tragen können, eine Hochschwangere sei im Dorf geblieben, niemand wisse, was aus ihr wurde. Durch Ras al-Ain fuhren todesmutige kurdische Kämpfer mit einem requirierten Reisebus im Slalom durch die Stadt, um alle einzusammeln, die kein Auto fanden, nicht laufen konnten, Alte, Kranke. Aber in ihr Dorf kam niemand.

Und nun? Sie wolle die Türken nicht. Sie wolle auch Assad nicht zurück, nicht wieder als Mensch zweiter Klasse behandelt werden. "Ardna", unser Land, "wir wollen unser Land zurück, endlich in Frieden leben können, Ardna, Ardna", sie wiederholt es wie eine Beschwörungsformel, dass das Selbstverständliche ihnen doch zustehe.

insgesamt 114 Beiträge
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Seite 1
habssosatt 19.10.2019
1. Scham
Dieser orangene Präsidentendarsteller ist einfach nur abgrundtief schlecht in seinem Charakter und so dumm. Gemeinsam mit diesem furchtbaren Erdowahn. Und wir Europäer, alle die helfen könnten, sollten uns schämen, dass wir uns wiedermal wegdrehen, genau wie bei allen anderen Verbrechen gegen die Unschuldigsten und Ärmsten. Schande über die Unterstützer der sogenannten "Präsidenten".
andre_36 19.10.2019
2.
Ich möchte nicht n einem Militärbündnis eingebunden sein, dessen Mitglieder nach Lust und Laune Angriffskriege führen. Die USA hatten sich ja wenigstens vor ihren Kriegen irgendwelche Märchen zurecht konstruiert. Das hat die türkische Regierung anscheinend nicht nötig. Und ich finanziere mit meinen Steuern diesen Krieg. Das kommunistische Weltreich existiert nicht mehr. Also: Raus aus der NATO!
spontanhv 19.10.2019
3. Hilfe kommt!
Nur die Ruhe, denn Hilfe ist auf dem Weg! Einflußreiche Senatoren - wie etwa der republikanische Majoritätsführer McConnell und die einflußreiche republikanische Senatorin Marsha Blackborn aus dem Verteidigungsausschuss - haben eine gemeinsame Initiative/Gesetzenwurf mit den US-Demokraten eingebracht. Auf Grund der berichteten Grausamkeiten der Türkei sollen nun die USA eingreifen und der Truppenabzug der GI´s rückgängig gemacht werden. Bleibt also abzuwarten, wie die Türkei auf die Anschuldigungen antwortet und ob es zum Konflikt mit den USA kommt.
spontanhv 19.10.2019
4. Hilfe kommt!
Nur die Ruhe, denn Hilfe ist auf dem Weg! Einflußreiche Senatoren - wie etwa der republikanische Majoritätsführer McConnell und die einflußreiche republikanische Senatorin Marsha Blackborn aus dem Verteidigungsausschuss - haben eine gemeinsame Initiative/Gesetzentwurf mit den US-Demokraten eingebracht. Auf Grund der berichteten Grausamkeiten der Türkei sollen nun die USA eingreifen und der Truppenabzug der GI´s rückgängig gemacht werden. Bleibt also abzuwarten, wie die Türkei auf die Anschuldigungen antwortet und ob es zum Konflikt mit den USA kommt.
Bakturs 19.10.2019
5. Warum auch?
Warum sollten wir helfen? Oder die USA? Die US-Exporte machen allein 36 Prozent des weltweiten Waffenhandels aus. Das Geschäft mit Rüstung boomt: Der weltweite Waffenhandel wuchs im Zeitraum 2014 bis 2018 um 7,8 Prozent im Vergleich zu den Jahren 2009 bis 2013, wie das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri bekanntgab. Grund sind vor allem Waffenlieferungen in den Nahen Osten, aber auch nach Asien und Ozeanien. Deutschland steht am 4. Platz mit dem Geschäft am Mord. Warum also in aller Welt sollten auf Kapitalismus ausgelegte Staaten anderen helfen, wenn Krieg ist? Der Rubel muss schließlich rollen. Der Investor schreit nach seiner Dividende. Erst wenn die Waffenlobby mundtot gemacht wurde, erkannt wird, dass eine Rüstungspolitik Blödsinn ist und Spekulationen auf Hunger und Armut über Lebensmittel verboten sind, wird sich vielleicht was ändern.
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