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30. September 2017, 20:23 Uhr

Zwei Jahre Russland-Intervention

Schlachtfeld Syrien

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Neben den USA, Iran und Israel ist auch Russland seit zwei Jahren im Vielfrontenkrieg in Syrien vertreten - und hat damit das Assad-Regime vor dem Sturz gerettet. Der Kreml nutzt den Einsatz auch zum Test für Waffen und Soldaten.

Baschar al-Assad ist auf dem Vormarsch. Die Truppen des syrischen Machthabers haben den Euphrat überquert und sind weiter nach Osten vorgestoßen, in das einstige Herzland der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Möglich gemacht hat das Russland. Es waren Soldaten des Kreml, die eine Brücke über den Fluss bauten.

Moskau kämpft seit zwei Jahren an der Seite von Damaskus. Am 30. September 2015 griff Präsident Wladimir Putin in den Syrienkrieg ein - offiziell auf Bitten Assads und um die IS-Terroristen zurückzuschlagen.

Der russische Präsident nutzte den Einsatz zum einen, um sich und sein Land wieder auf die Bühne der Weltpolitik zurückzubomben. Nach Krim-Annexion und Krieg in der Ostukraine stand der Kreml zunächst weitgehend isoliert da. Zum anderen ist die Syrien-Operation auch ein Testfeld für Waffen und Soldaten: Die "Kampf- und Betriebserfahrung" sei "unbezahlbar", stellte nicht nur das kremlnahe Moskauer Zentrum CAST fest.

Der Haken: Russland wird nicht so schnell abziehen können, zu stark ist es in diesem Krieg involviert. Das ist nicht ohne Risiko. Gerade einmal 30 Prozent der Russen sprachen sich in einer Umfrage des unabhängigen Lewada-Zentrums von Anfang September für eine Fortsetzung des Militäreinsatzes aus.

Das Verteidigungsministerium hält sich deshalb mit der Veröffentlichung von Todeszahlen zurück, bisher sollen es 37 Tote sein, darunter auch der prominente General Waleri Asapow.

Beobachter halten diese Zahl für untertrieben. Verlässliche Angaben gibt es nicht, da die Armee diese als Staatsgeheimnis betrachtet.

Syrische Rebellen verlieren

Für Diktator Assad hat sich der Hilferuf in jedem Fall ausgezahlt. Der Krieg ist durch das Eingreifen des Kreml zwar noch nicht gewonnen, aber der Fortbestand seines Regimes für die nächsten Jahre gesichert. Er kontrolliert das Kernland und alle großen Städte, im Osten des Landes steht der IS kurz vor der Zerschlagung. Die Rebellen schließlich beherrschen nur noch in der Provinz Idlib ein größeres Gebiet.

Obwohl sich Russland, Iran und die Türkei pro forma auf eine Waffenruhe und die Einrichtung einer Deeskalationszone für Idlib verständigt haben, bleiben dort Luftschläge - die oft Zivilisten treffen - weiterhin an der Tagesordnung.

Größte Verlierer in diesem Vielfrontenkrieg sind zweifellos die Rebellen. Moskau hat ihre politische Zerstrittenheit ausgenutzt. Die fehlende Einigkeit war auch der Hauptgrund dafür, dass die US-Regierung in diesem Jahr ihre Unterstützung für die Aufständischen offiziell beendete.

Und doch verbreiten Donald Trump und seine Generäle gerne Optimismus, wenn es um die Lage in Syrien geht: "Wir machen große Fortschritte im Kampf gegen den IS", sagt der US-Präsident. Tatsächlich kommen die Amerikaner wohl ihrem wichtigsten Ziel, die Terrormiliz zu besiegen, näher. Sie ist vorerst der Hauptgegner Washingtons.

Gemeinsam mit kurdischen Truppen setzen US-Spezialeinheiten der Terrororganisation massiv zu. Gleichzeitig hat Trump gravierende Probleme, sein zweites wichtiges Ziel zu erreichen: den Einfluss Irans in Syrien zurückzudrängen.

Schiitischer Halbmond von Iran bis zum Mittelmeer

Auch deshalb versucht Trump nun, den Druck auf Iran zu erhöhen, indem er das Atomabkommen der Vorgängerregierung offen in Frage stellt. Bislang beeindruckt das die schiitische Autokratie jedoch wenig - vor einer Woche erst testete Iran nach eigenen Angaben eine neue Mittelstreckenrakete.

Teherans schiitische Unterstützer-Truppen für das syrische Regime breiten sich zudem immer mehr aus, ein sogenannter schiitischer Halbmond von Iran bis zum Mittelmeer wird so wahrscheinlicher.

Für Trump wäre dies ein großes Problem: Amerikas sunnitische Verbündete sehen ihre Sicherheitsinteressen bereits jetzt durch Iran massiv bedroht, ebenso Israel.

Für das Land markierte der September 2015 eine Zeitenwende. Israel verlor dadurch erstmals seit den Siebzigerjahren seine uneingeschränkte Lufthoheit in der Region - und rüstete im Folgejahr nach.

Im Winter 2016 lieferten die USA die ersten F35-Kampfflugzeuge. "In 5000 Fuß Höhe liegt der ganze Nahe Osten vor einem im Cockpit", schwärmte Amir Eschel, Israels scheidender Luftstreitkräfte-General, unlängst in einem Interview mit der Tageszeitung "Haaretz" über die neuen Jets.

Am syrischen Himmel muss Israel aber trotzdem weiterhin Rücksicht auf Russland nehmen. Moskau und Jerusalem haben sich auf eine Formel verständigt, die sich so zusammenfassen lässt: Ihr kommt uns nicht in den Quere und wir euch nicht.

Wie fragil das Verhältnis ist, zeigt ein Blick auf die letzten Wochen: Anfang September bombardierte Israel einen syrischen Militärstützpunkt in Masyaf. Wenige Tage später hielt die israelische Armee ein Militärmanöver mit und in Bulgarien ab.

Sofia steuerte zu dieser Übung Flugabwehrraketensysteme bei. Israelischen Zeitungsberichten zufolge handelte es sich dabei wohl um Flugabwehrraketen des Typs S-300. Eben die hat Russland unter anderem in Syrien im Einsatz - und unlängst an auch an Israels Erzfeind Iran geliefert.

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