Syrienkrieg 100.000 Kinder in Ost-Aleppo eingeschlossen

Das syrische Regime fliegt weiter schwere Angriffe auf Ost-Aleppo. Laut Unicef sind unter den dort eingeschlossenen Menschen 100.000 Kinder. Berlin fordert von Assad und Russland ein Ende der "Barbarei".

Kinder im zerstörten Aleppo
AFP

Kinder im zerstörten Aleppo


Im Osten der syrischen Stadt Aleppo, gehalten von Rebellen und umzingelt von den Truppen des Machthabers Baschar al-Assad, erduldet die Bevölkerung ein Jahr nach dem russischen Kriegseintritt kaum vorstellbares Leid.

Unter den 250.000 eingekesselten Menschen im Ostteil Aleppos befänden sich schätzungsweise 100.000 Kinder, meldet das Kinderhilfswerk Unicef. Sie seien in akuter Gefahr. "Die Intensität und die Rücksichtslosigkeit sind vergleichbar mit den Gräueltaten, die im Zweiten Weltkrieg verübt wurden", sagte Rudi Tarneden, Sprecher von Unicef-Deutschland, über die Lage im Ostteil der Stadt.

Es fehlt am Nötigsten, und humanitäre Hilfe ist nicht in Sicht, Konvois kommen nicht in den Ostteil der Stadt. Stattdessen intensiviert die Pro-Assad-Koalition ihre Luftangriffe seit dem Bruch der Waffenruhe Tag für Tag: In der Nacht hat es offenbar erneut schwerste Bombardements auf die nordsyrische Stadt gegeben. Flugzeuge hätten Dutzende Angriffe geflogen, meldete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Mindestens zwei Zivilisten seien getötet worden.

"Die Angriffe haben am Montag jedes einzelne Viertel im Osten Aleppos getroffen", sagte der Aktivist Bahaa al-Halabi der Nachrichtenagentur dpa. "Die Situation ist katastrophal." Kampfjets hatten in den vergangenen Tagen die bislang schwersten Angriffe auf Aleppos Rebellengebiete geflogen. In der Stadt und ihrem Umland sollen mehr als 230 Zivilisten getötet worden sein.

Seit der Bombardierung eines Hilfskonvois mit 31 Lastwagen vor einer Woche, für den bislang Russland verantwortlich gemacht wird, sind alle Hilfslieferungen in den abgeriegelten Osten der Stadt eingestellt.

Stattdessen fallen aus der Luft beinahe pausenlos Bomben, immer wieder gibt es auch Berichte über Angriffe mit international geächteten Fassbomben und Geschossen mit Streumunition. Zuletzt soll das Assad-Regime außerdem bunkerbrechende Sprengkörper und Brandbomben eingesetzt haben, teilte der Uno-Sondervermittler für Syrien, Staffan de Mistura, mit. Sollte sich der Einsatz bestätigen, handele es sich um Kriegsverbrechen.

Bundesregierung appelliert an Russland

Die Bundesregierung verurteilte erneut das "barbarische Vorgehen" der Assad-Regierung. Regierungssprecher Steffen Seibert appellierte an Russland, man erwarte "mit Blick auf eine Einstellung der Kampfhandlungen endlich Bewegung". Ohne Russlands Hilfe wäre "dieses Regime nicht in der Lage, seinen menschenverachtenden Krieg gegen die eigene Zivilbevölkerung in dem Maß fortzusetzen", so Seibert.

Bereits am Sonntag hatten die USA und mehrere EU-Staaten Russland in solcher Tonlage "Barbarei" und Komplizenschaft mit Assad vorgeworfen. Während des Schlagabtausches im Uno-Sicherheitsrat wies Russland alle Anschuldigungen von sich. Am Montag sagte Russlands Außenminister Sergeij Lawrow der Nachrichtenagentur Interfax, die "westlichen Länder" kämen "ihren Verpflichtungen in Syrien nicht nach", ohne Details zu nennen.

Das Dauerfeuer auf die Eingeschlossenen trifft auch immer wieder wichtige Infrastruktur: Nachdem eine Wasserpumpstation im Ostteil getroffen wurde, stellten die Rebellen auch Leitungen in den Westen Aleppos ab. Laut Unicef waren damit zwei Millionen Menschen in der ganzen Stadt ohne Wasser.

Anders als in Aleppo haben am Montag nach Angaben des Roten Kreuzes immerhin vier eingeschlossene Städte erstmals seit fast sechs Monaten Hilfslieferungen erhalten. Dabei handele es sich um Madaja und Sabdani in der Nähe der Hauptstadt Damaskus sowie um Fua und Kefraja in der nordwestlichen Provinz Idlib, teilte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (ICRC) am Sonntag mit.

Insgesamt 70 Lastwagen hätten Hilfsgüter geliefert. Madaja mit einer Bevölkerung von rund 40.000 Menschen ist seit einem halben Jahr von Verbündeten der syrischen Armee eingekesselt. In Sabdani leben noch 1000 Menschen. Kefraja und Fua mit rund 20.000 Einwohnern werden seit April 2015 von Aufständischen belagert.

SPIEGEL TV Magazin

cht/dpa/AP/Reuters

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