Syriens geheimes Atomprogramm Die Spur führt nach Hanau

Ein Ermittlungsverfahren Stockholmer Behörden sowie Recherchen der CIA erregen einen schweren Verdacht. Syriens Diktator Baschar al-Assad betreibt womöglich ein geheimes Nuklearprogramm - mit schwedischer und deutscher Hilfe. Das Know-how zum Umgang mit dem Spaltmaterial soll aus der Atomfabrik Hanau stammen.

Hamburg/Stockholm - Der freundliche Amerikaner im Business-Anzug kam ziemlich schnell zur Sache. In den Räumen der US-Botschaft in Stockholm an der prachtvollen Dag Hammarskjölds Väg 31 stellte er sich als Mitarbeiter der CIA vor. "Sie können uns vielleicht helfen?", sagte er dem zuvor telefonisch kontaktierten schwedischen Kernkraftexperten.

Der konnte helfen. Er berichtet dem bärtigen Amerikaner im vergangenen November von seinen internen Kenntnissen der Nuklearanlage "Randstad Mineral" im mittelschwedischen Skövde, eine knappe Flugstunde südwestlich von Stockholm. In der Anlage, die mit dem US-Konzern Westinghouse kooperiert, arbeiteten zwischen 1999 und 2002 syrische Techniker an einer so genannten "Extraktionsanlage" zur Gewinnung von Uran.

Der dazu notwendige Rohstoff kam aus Deutschland: Nach den Transportgenehmigungen des Bundesamtes für Strahlenschutz waren es "unbestr. kontaminierte Reststoffe" mit "5 Prozent angereichertem Uran (Uranoxid)" aus der stillgelegten hessischen Nuklearfabrik in Hanau. "Der Ami wurde ganz wach, als er das hörte", erinnert sich der schwedische Kernkraftexperte.

Hilfslieferungen für Syriens Bombe?

Damit bahnt sich für die hessische Nuklearfabrik möglicherweise ein neuer internationaler Atomskandal an. Während der bündnisgrüne Bundesaußenminister Joschka Fischer noch verzweifelt Wege sucht, den von Kanzler Gerhard Schröder zugesagten Export der Hanauer Neu-Anlage nach China zu verhindern oder wenigstens zu verzögern, entpuppt sich die alte Brennelementefabrik immer mehr als politische Zeitbombe. Mehr als 40 Tonnen uranhaltige Abfälle aus Brennelementen der Firma Siemens für deutsche Atomreaktoren wurden seit 1996 bis 2000 offiziell nach Schweden verkauft.

"Wir liefern keine radioaktiven Abfälle, sondern werthaltige Reststoffe ins Ausland", sagt Helmut Rupar, Chef der Hanauer Nuklearanlage. Doch die "kontaminierten Reststoffe", so die offiziellen Transportpapiere des Bundesamtes für Strahlenschutz in Salzgitter, verhelfen möglicherweise heute dem arabischen Syrien zur Bombe.

Denn in der syrischen Stadt Homs nördlich der Hauptstadt Damaskus steht auf dem Gelände des syrischen Atomforschungszentrums ein kastenförmiges Gebäude aus blau-grauen Metallwänden. Geliefert hat das offiziell als "Reinigungsanlage für Phosphorsäure" deklarierte Innenleben die schwedischen Firma Meab mit Sitz bei Göteborg und einer Zweigniederlassung im nordrhein-westfälischen Aachen. Schwedische Kernkraft-Insider berichten, dass die Fabrik baugleich mit der inzwischen still gelegten "Ranstad Mineral" ist, mit der Uran gewonnen wurde.

Inhaber und Gesellschafter der 1970 gegründeten Meab ist jeweils Hans Reinhardt, 68, einer der führenden Nuklearchemiker Schwedens. Er hat diverse Patente für chemisch-physikalische Verfahren zur Abtrennung von Stoffen aus Mineralien entwickelt. "Unsere Anlage in Schweden dient der Produktion von lebensmittelreiner Säure, sagt Reinhardt, "die für die Herstellung von Düngemitteln gebraucht wird".

Exporthalle hinter meterhohen Mauern

Tatsächlich steht die Exporthalle hinter den meterhohen Mauern und mit Wachtürmen gesicherten Gelände einer "Düngemittelfabrik". Hausherr und Betreiber ist allerdings die Atom Energy Commission of Syria (AECS). Westliche Geheimdienste vermuten schon lange, dass hier Teile des ABC-Waffenprogramms von Damaskus vorangetrieben wird - Plutonium statt Blaukorn, Anthrax statt Narkosemittel, Nervengas statt Pestizide. Der tatsächliche Nutzen der Dual-Use Anlagen in Syrien, sagt der Berliner Sicherheitsexperte Oliver Thränert, "sind unklar". Wenig weist jedenfalls auf Bestände von Massenvernichtungswaffen hin, wie sie bei den von Washington erklärten "Schurkenstaaten" vorhanden seien.

Der schwedische Deal ist jedoch ein weiterer Hinweis, dass Syrien, das bereits Raketentechnologie aus China oder potenzielle Giftgas-Technik aus den USA, Frankreich oder Deutschland importierte, in den Club der Atommächte strebt. Das Land des Nachwuchs-Diktators und Staatsoberhaupts Baschir Assad verfügt selbst über keine zivil genutzten Reaktoren zur Energieerzeugung.

Kleinanlagen für den "Yellow Cake"

Immerhin kooperiert Damaskus mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien bei der Entwicklung von "Kleinanlagen", um uranhaltigen "Yellow Cake" zu gewinnen. Nach Überzeugung des Center for Nonproliferation Studies in Monterey, der "erste Schritt in einem nationalen Atomprogramm".

Auch die Beschäftigung der syrischen Experten wurde in Schweden von den Atomaufsichtsbehörden abgesegnet. Seit 1999 befand sich auch der jetzige AECS-Generaldirektor, Ibrahim Osman, mit fünf weiteren Mitarbeitern über wechselnde Zeiträume im schwedischen Skövde zum "Wissenschaftsaustausch".

Schon damals wunderten sich die schwedischen Kraftwerksingenieure über das besondere Interesse der nahöstlichen Kollegen an der Mineral Randstad-Anlage, in der ursprünglich Uran aus heimischem Schiefer gewonnen wurde. Syrien verfügt über ähnliche uranhaltige Phosphatvorkommen. "Irgendwas war da im Busch", sagt ein Beteiligter. Erst als einige Gramm Plutonium aus der Aufarbeitung der Hanau-Chargen auf einer örtlichen Müllkippe gefunden wurden, reagierte die schwedische Atomaufsicht.(SPIEGEL 18/2002, Atommüll im Birkenwald) Zudem waren aus Mineral Randstad einige sorgfältig inventarisierten Mengen des hochgiftigen Plutonium spurlos verschwunden.

"Ich sage nichts. Auf Wiedersehen"

Vergangene Woche eröffneten die schwedischen Sicherheitsbehörden ein Ermittlungsverfahren gegen den Importeur. Meab-Chef Reinhardt hatte den Nachbau der Urananlage ohne behördliche Genehmigung bereits seit 1999 ins syrische Homs verschiffen lassen. Kaufpreis: vier Millionen Euro. Im Januar 2004 soll in Damaskus Probelauf gewesen sein. Reinhardt zum SPIEGEL: "Lächerlich, ich sage dazu nichts. Auf Wiedersehen."

Gegenüber der schwedischen Tageszeitung "Expressen" zeigte sich Reinhardt, dessen Sohn und Diplom-Ingenieur Niclas als Gesellschafter mit einer Einlage von 25.000 Euro in Aachen fungiert, ahnungslos: "Ich weiß nicht einmal, was die Abkürzung AECS bedeutet."

Das ist nicht ganz glaubwürdig. Denn auf der Internetseite der Meab steht zur Eigenwerbung: "Schlüsselübergabe der AECS-Anlage in Homs, Syrien."

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