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Rebellen in Syrien: Der Henker von Bab Amr

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Rebellen in Syrien Der Henker von Bab Amr

In der syrischen Protesthochburg Homs machen sich die Aufständischen ihr eigenes Gesetz. Es gibt ein Standgericht - und eine Brigade von Henkern. Einer davon ist Hussein, er schneidet gefangenen Soldaten des Regimes die Kehle durch. Geschichte einer Rebellion, die ihre Unschuld verloren hat.

An sein erstes Mal kann sich Hussein kaum noch erinnern. Auf dem Friedhof war es wohl, abends oder nachts, er weiß es nicht mehr genau. Jedenfalls war es Mitte Oktober vergangenen Jahres, und der Mann war Schiit, sicher. Er hatte gestanden, Frauen getötet zu haben. Anständige Frauen, Frauen, deren Männer und Söhne gegen das Regime Baschar al-Assads protestiert hatten. Also sollte der Soldat der regulären syrischen Armee sterben.

Ob das Geständnis durch Schläge erzwungen worden war, war Hussein gleich, ebenso, dass sein Opfer Todesangst hatte, Gebete stammelte. Sein Pech, dass die Rebellen ihn geschnappt hatten. Hussein setzte sein Armeemesser an und schnitt dem knienden Mann die Kehle durch. Seine Kameraden von der sogenannten Begräbnis-Brigade verscharrten die blutverschmierte Leiche eilig im Sand des Gräberfeldes westlich des damals von den Rebellen kontrollierten Stadtteils Bab Amr in Syriens Protesthochburg Homs.

Mit der Exekution des Soldaten hatte Hussein seine Feuertaufe bestanden: Von nun an war er Teil der "Begräbnis-Brigade" von Homs. Die Männer, nur eine Hand voll, töten im Namen der syrischen Revolution. Das Foltern überlassen sie anderen: "Dafür gibt es die Verhör-Brigade, die macht den hässlichen Teil der Arbeit", sagt Hussein, der derzeit in einem Krankenhaus im libanesischen Tripoli behandelt wird: Bei der Bodeninvasion der Armee in Bab Amr hat er Schrapnellverletzungen am Rücken erlitten.

Im sicheren Nachbarland Syriens kuriert er sich nun aus, bis er wieder zurück nach Syrien und "an die Arbeit" kann, die er für vergleichsweise sauber hält. "Die meisten Männer können foltern, aber nicht aus nächster Nähe töten", erzählt er. "Ich weiß auch nicht, warum, aber mir macht das nichts aus. Deshalb haben sie mir den Job als Henker gegeben. Das ist was für Verrückte wie mich."

Bevor er sich im August vergangenen Jahres der Farouk-Brigade, der Bürgerwehr von Bab Amr, anschloss, jobbte der 24-Jährige als Verkäufer: "Ich kann alles verkaufen, von Porzellan bis Joghurt."

Wie die Rebellen ihre Unschuld verloren

Seit einem Jahr währt der blutige Aufstand gegen das Assad-Regime. Und Husseins Geschichte zeigt, dass auch die Rebellen in dieser Zeit ihre Unschuld verloren haben.

Gründe gibt es dafür sicher viele. Hussein kann etliche dieser Gründe herunterbeten:

"Es gibt kein Gesetz mehr in Syrien. Soldaten oder Schläger im Auftrag des Regimes töten Männer, verstümmeln Kinder, vergewaltigen unsere Frauen. Wenn wir es nicht tun, wird keiner die Täter zur Rechenschaft ziehen", sagt er.

Und:

"Ich wurde zweimal verhaftet. Ich wurde 72 Stunden lang gefoltert. Sie haben mich an den Händen aufgehängt, bis mir die Schultern aus den Gelenken gesprungen sind. Sie haben mich mit glühenden Eisen verbrannt. Natürlich will ich Rache."

Oder:

"Ich habe drei Onkel verloren, sie wurden vom Regime umgebracht. Einer starb mit seinen fünf Kindern. Ihre Mörder haben keine Gnade verdient."

Und schließlich:

"Wenn Kinder in Frankreich aufwachsen, werden sie mit Französisch groß, sprechen es perfekt. Wir Syrer sind mit der Sprache der Gewalt erzogen worden, wir sprechen nichts anderes."

Doch trotzdem all seiner Begründungen für die Selbstjustiz der Rebellen: Husseins Aktivitäten in Homs fallen unter das, was die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch am Dienstag als "schwere Menschenrechtsverletzungen seitens der syrischen Rebellen" angeprangert hat. Davon, dass sie ebenso wie die Truppen des Regimes töten und misshandeln, reden Hussein und seine ebenfalls verletzten Kameraden auf den Fluren des Städtischen Krankhauses Tripolis ganz offen. Die Kritik der Menschenrechtler finden sie unfair: "Wir Rebellen versuchen, das Volk zu verteidigen. Wir kämpfen gegen Schlächter. Wo wir sie erwischen, müssen wir hart zuschlagen", sagt ein Kämpfer mit dem Decknamen Abu Rami.

"Dann geht es den Hunden an den Kragen"

Homs hatte sich im Laufe des Jahres zur heimlichen Hauptstadt der Revolution entwickelt. Bis vor wenigen Wochen kontrollierten die Rebellen dort ganze Stadtteile, allen voran das Viertel Bab Amr, das dann Anfang März von Regierungstruppen überrannt wurde. Inzwischen hat sich der Kampf Aufständische gegen Staatsmacht in den Nachbarstadtteil Chalidija verlagert.

Laut Abu Rami und Hussein ist der alternative Justizapparat, den die Rebellen im Herbst vergangenen Jahres in Homs einrichteten, nach wie vor intakt. "Wenn wir Regimeanhänger schnappen, werden sie vor ein Standgericht gestellt. Der Kommandeur der Rebellen in Homs, Abu Mohammed, sitzt ihm vor. Abu Hussein, der Kopf des Koordinationskomitees, macht den Beisitzer. "Manchmal fungieren auch noch mehr Männer als Jury", berichtet Hussein. Die "Verhör-Brigade" berichtete von den Geständnissen der Angeklagten. Oft hätten diese sogar selbst Videos auf ihren Handys, auf denen zu sehen sei, wie sie Gräueltaten gegen Aufständische verübten. "Da steht die Schuld dann schnell fest." Sind die Gefangenen abgeurteilt, werden sie Husseins "Begräbnis-Brigade" übergeben, die sie in Gärten oder auf den Friedhof führt. Und dann kommt Hussein mit seinem Messer.

Viermal hat Hussein bisher Männern die Kehle durchgeschnitten. In der Gruppe der Scharfrichter von Homs ist er damit der Unerfahrenste - was ihm beinahe unangenehm zu sein scheint. "Ich bin in den letzten sieben Monaten viermal verwundet worden. Ich war lange außer Gefecht", entschuldigt er sich. Außerdem habe er noch andere Verpflichtungen. "Ich bediene unser schweres Maschinengewehr, eine russische BKC. Damit habe ich natürlich noch viel mehr Männer getötet. Aber mit der Klinge nur vier." Er sagt, dass sich das bald ändern soll: "Ich hoffe, dass ich nächste Woche aus dem Krankenhaus entlassen werde und zurück nach Homs kann. Dann geht es den Hunden an den Kragen."

Ob sie alle schuldig waren? Gerechter Prozess? Zweifel gibt es nicht

Mit den regelmäßigen Exekutionen hätten die Rebellen in Homs im August vergangenen Jahres begonnen, kurz nachdem der Konflikt im Land zu eskalieren begann, berichtet Husseins Kamerad Abu Rami. In seinem Adidas-Jogginganzug sieht er aus wie ein gewöhnlicher Rekonvaleszent im Hospital. Doch Abu Rami ist ein hochrangiges Mitglied der Bürgerwehr von Homs. Die anderen Syrer auf der Station grüßen ihn ehrfürchtig, lauschen seinen Worten.

"Seit vorigem Sommer haben wir nicht ganz 150 Mann hingerichtet, das sind etwa 20 Prozent unserer Gefangenen", sagt Abu Rami. Diejenigen, die nicht für schuldig befunden und zum Tode verurteilt würden, würden gegen gefangene Rebellen oder inhaftierte Demonstranten ausgetauscht. Mehr Arbeit als die Kriegsgefangenen machten den Scharfrichtern von Homs jedoch die Rebellen aus den eigenen Reihen. "Wenn wir einen Sunniten beim Spionieren erwischen oder wenn ein Bürger die Revolution verrät, machen wir kurzen Prozess", sagt der Kämpfer. 200 bis 250 Verräter habe Husseins "Begräbnis-Brigade" seit Beginn des Aufstands hingerichtet, so Abu Rami.

Zweifel daran, ob diese Menschen wirklich alle schuldig waren, ob ihnen ein gerechter Prozess gemacht wurde, wischt er weg. "Wir bemühen uns darum, genau zu recherchieren. Manchmal sprechen wir auch Leute frei." Im Übrigen sei jede Revolution blutig, das liege in der Natur der Sache. "Syrien ist kein Land für Empfindliche", sagt Abu Rami.

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