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06. März 2012, 12:17 Uhr

Syrische Bürgerkriegsopfer im Libanon

"Wer kann, der flieht"

Syrische Flüchtlinge schildern dramatische Zustände in ihren Heimatorten. Panzer schießen auf Wohngebiete, junge Männer werden wahllos festgenommen, gefoltert oder gar getötet. Doch die Regierung im Nachbarland Libanon hilft den Menschen nur zögerlich.

Beirut/Hamburg - Sie sind aus ihrer Heimat geflohen und schildern grausame Erlebnisse. Etwa 2000 Syrer sind nach Angaben des Uno-Flüchtlingshilfswerks seit dem Wochenende über die grüne Grenze in den Libanon gekommen und suchen in der Gegend um die Kleinstadt Kaa im nördlichen Bekaa-Tal Zuflucht vor der Verfolgung des Assad-Regimes. Die Mehrzahl von ihnen ist aus den grenznahen Orten Kusair und Sarraa geflohen, die in den vergangenen Tagen von syrischen Regierungstruppen beschossen wurden.

Die Flüchtlinge schildern verheerende Zustände aus ihren Heimatorten: "Die Leute sitzen in ihren Häusern und werden von Panzern beschossen", berichtet ein Augenzeuge gegenüber der Nachrichtenagentur AP. "Wer kann, der flieht."

Die libanesische Regierung versucht, den Flüchtlingsstrom aus Syrien herunterzuspielen. Die meisten seien mittlerweile in ihr Heimatland zurückgekehrt, erklärte Sozialminister Wael Abu Faour am Montagabend. Nur 15 Familien sollen im Libanon geblieben sein. Insgesamt halten sich nach inoffiziellen Angaben aus Beiruter Regierungskreisen etwa 10.000 syrische Flüchtlinge im Zedernstaat auf. Offiziell sind beim Uno-Flüchtlingshilfswerk im Libanon derzeit etwas mehr als 7000 Syrer registriert.

Anders als die Türkei zögert der Libanon bislang, Flüchtlingslager nahe der Grenze zu Syrien zu errichten. Die Regierung in Beirut wird von der Hisbollah und anderen Parteien getragen, die dem Regime in Damaskus nahestehen. Mit dem Aufbau von Zeltstädten für syrische Flüchtlinge müssten die Assad-treuen Kräfte im Libanon eingestehen, dass ihr Nachbarland in einer politischen und humanitären Krise steckt. Bislang stellen die Hisbollah und ihre Verbündeten den Aufstand in Syrien als eine internationale Verschwörung gegen Baschar al-Assad dar, die von "terroristischen Banden" getragen werde.

"Schießt auf alles, was sich bewegt!"

Viele syrische Oppositionelle fürchten auch im Libanon den langen Arm des Assad-Regimes. Bis zum Abzug der syrischen Armee im Jahr 2005 wurden Regierung, Armee und Geheimdienste in Beirut weitgehend vom Baath-Regime kontrolliert. Diese Seilschaften funktionieren bis heute. Syriens Botschafter im Libanon, Ali Abdel Karim Ali, erklärte am Montag: "Die libanesische Regierung muss die Grenzen kontrollieren und seine Abkommen mit Syrien einhalten."

In den vergangenen Monaten sollen zahlreiche syrische Oppositionelle nach ihrer Flucht von libanesischen und syrischen Geheimdienstlern aufgegriffen und dem syrischen Regime übergeben worden sein. Augenzeugen berichten, dass besonders junge Männer direkt an der Grenze festgenommen würden, weil sie pauschal unter dem Verdacht stünden, Rebellen zu sein. Allein am Sonntag wurden laut der libanesischen Tageszeitung "al-Nahar" 35 Syrer an der Grenze festgenommen. 28 von ihnen habe die libanesische Armee am Dienstag wieder auf freien Fuß gesetzt, sieben weitere wegen illegalen Waffenbesitzes der Justiz übergeben.

Die meisten syrischen Zivilisten aus Homs schaffen es gar nicht erst bis zur weniger als 30 Kilometer entfernten Grenze. Ein BBC-Reporter berichtet aus Vororten der Protesthochburg, in die sich Einwohner des umkämpften Stadtteils Bab Amr geflüchtet hätten. Diese berichten von Racheakten der syrischen Armee an der Bevölkerung. Dutzende Jungen und Männer seien von Sicherheitskräften festgenommen oder getötet worden. Jeder männliche Bewohner über 14 sei im Visier von Assads Schergen, so Augenzeugen. Desertierte Soldaten, die für die Regierungsarmee in Homs zum Einsatz kommen sollten, erklärten, dass ihnen der Befehl gegeben worden sei, "auf alles zu schießen, was sich bewegt". Von unabhängiger Seite lassen sich diese Berichte nicht belegen.

Verwundeten Syrern droht derweil in Krankenhäusern Folter. Der britische Sender Channel 4 strahlte am Montagabend ein Video aus, das in einem Militärhospital in Homs aufgenommen worden sein soll. Es zeigt zahlreiche Männer, die mit verbundenen Augen an ihre Betten gekettet sind. Viele von ihnen tragen deutliche Spuren von Misshandlungen. Auch die Folterwerkzeuge - Peitschen und Elektrokabel - sind in dem geheim aufgenommenen Video deutlich zu erkennen. Nach einer Anordnung des syrischen Regimes, muss jeder, der bei Protesten in Homs verletzt wird, ins Militärkrankenhaus der Stadt gebracht werden.

Der einflussreiche US-Senator John McCain hat inzwischen eine Unterstützung der syrischen Oppositionsbewegung mit Luftangriffen gegen die Truppen von Staatschef Baschar al-Assad gefordert. Der republikanische Präsidentschaftskandidat von 2008 sagte am Montag in Washington, Luftangriffe seien "der einzige realistische Weg", um das "Gemetzel" zu stoppen.

syd/AP/AFP

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