Syrische Bürgerkriegsopfer im Libanon "Wer kann, der flieht"

Syrische Flüchtlinge schildern dramatische Zustände in ihren Heimatorten. Panzer schießen auf Wohngebiete, junge Männer werden wahllos festgenommen, gefoltert oder gar getötet. Doch die Regierung im Nachbarland Libanon hilft den Menschen nur zögerlich.

AP

Beirut/Hamburg - Sie sind aus ihrer Heimat geflohen und schildern grausame Erlebnisse. Etwa 2000 Syrer sind nach Angaben des Uno-Flüchtlingshilfswerks seit dem Wochenende über die grüne Grenze in den Libanon gekommen und suchen in der Gegend um die Kleinstadt Kaa im nördlichen Bekaa-Tal Zuflucht vor der Verfolgung des Assad-Regimes. Die Mehrzahl von ihnen ist aus den grenznahen Orten Kusair und Sarraa geflohen, die in den vergangenen Tagen von syrischen Regierungstruppen beschossen wurden.

Die Flüchtlinge schildern verheerende Zustände aus ihren Heimatorten: "Die Leute sitzen in ihren Häusern und werden von Panzern beschossen", berichtet ein Augenzeuge gegenüber der Nachrichtenagentur AP. "Wer kann, der flieht."

Die libanesische Regierung versucht, den Flüchtlingsstrom aus Syrien herunterzuspielen. Die meisten seien mittlerweile in ihr Heimatland zurückgekehrt, erklärte Sozialminister Wael Abu Faour am Montagabend. Nur 15 Familien sollen im Libanon geblieben sein. Insgesamt halten sich nach inoffiziellen Angaben aus Beiruter Regierungskreisen etwa 10.000 syrische Flüchtlinge im Zedernstaat auf. Offiziell sind beim Uno-Flüchtlingshilfswerk im Libanon derzeit etwas mehr als 7000 Syrer registriert.

Anders als die Türkei zögert der Libanon bislang, Flüchtlingslager nahe der Grenze zu Syrien zu errichten. Die Regierung in Beirut wird von der Hisbollah und anderen Parteien getragen, die dem Regime in Damaskus nahestehen. Mit dem Aufbau von Zeltstädten für syrische Flüchtlinge müssten die Assad-treuen Kräfte im Libanon eingestehen, dass ihr Nachbarland in einer politischen und humanitären Krise steckt. Bislang stellen die Hisbollah und ihre Verbündeten den Aufstand in Syrien als eine internationale Verschwörung gegen Baschar al-Assad dar, die von "terroristischen Banden" getragen werde.

"Schießt auf alles, was sich bewegt!"

Viele syrische Oppositionelle fürchten auch im Libanon den langen Arm des Assad-Regimes. Bis zum Abzug der syrischen Armee im Jahr 2005 wurden Regierung, Armee und Geheimdienste in Beirut weitgehend vom Baath-Regime kontrolliert. Diese Seilschaften funktionieren bis heute. Syriens Botschafter im Libanon, Ali Abdel Karim Ali, erklärte am Montag: "Die libanesische Regierung muss die Grenzen kontrollieren und seine Abkommen mit Syrien einhalten."

In den vergangenen Monaten sollen zahlreiche syrische Oppositionelle nach ihrer Flucht von libanesischen und syrischen Geheimdienstlern aufgegriffen und dem syrischen Regime übergeben worden sein. Augenzeugen berichten, dass besonders junge Männer direkt an der Grenze festgenommen würden, weil sie pauschal unter dem Verdacht stünden, Rebellen zu sein. Allein am Sonntag wurden laut der libanesischen Tageszeitung "al-Nahar" 35 Syrer an der Grenze festgenommen. 28 von ihnen habe die libanesische Armee am Dienstag wieder auf freien Fuß gesetzt, sieben weitere wegen illegalen Waffenbesitzes der Justiz übergeben.

Die meisten syrischen Zivilisten aus Homs schaffen es gar nicht erst bis zur weniger als 30 Kilometer entfernten Grenze. Ein BBC-Reporter berichtet aus Vororten der Protesthochburg, in die sich Einwohner des umkämpften Stadtteils Bab Amr geflüchtet hätten. Diese berichten von Racheakten der syrischen Armee an der Bevölkerung. Dutzende Jungen und Männer seien von Sicherheitskräften festgenommen oder getötet worden. Jeder männliche Bewohner über 14 sei im Visier von Assads Schergen, so Augenzeugen. Desertierte Soldaten, die für die Regierungsarmee in Homs zum Einsatz kommen sollten, erklärten, dass ihnen der Befehl gegeben worden sei, "auf alles zu schießen, was sich bewegt". Von unabhängiger Seite lassen sich diese Berichte nicht belegen.

Verwundeten Syrern droht derweil in Krankenhäusern Folter. Der britische Sender Channel 4 strahlte am Montagabend ein Video aus, das in einem Militärhospital in Homs aufgenommen worden sein soll. Es zeigt zahlreiche Männer, die mit verbundenen Augen an ihre Betten gekettet sind. Viele von ihnen tragen deutliche Spuren von Misshandlungen. Auch die Folterwerkzeuge - Peitschen und Elektrokabel - sind in dem geheim aufgenommenen Video deutlich zu erkennen. Nach einer Anordnung des syrischen Regimes, muss jeder, der bei Protesten in Homs verletzt wird, ins Militärkrankenhaus der Stadt gebracht werden.

Der einflussreiche US-Senator John McCain hat inzwischen eine Unterstützung der syrischen Oppositionsbewegung mit Luftangriffen gegen die Truppen von Staatschef Baschar al-Assad gefordert. Der republikanische Präsidentschaftskandidat von 2008 sagte am Montag in Washington, Luftangriffe seien "der einzige realistische Weg", um das "Gemetzel" zu stoppen.

syd/AP/AFP

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Seite 1
zakalwe. 06.03.2012
1.
Es scheint wirklich zu stimmen, das pro-Assad Milizen in den zurückeroberten Gebieten wie Homs nun alles systematisch durchkämmen und jeden männlichen Einwohner ab 12 Jahren abführen und exekutieren. Das Kommando über die Region Homs und den dort eingesetzen Truppen hat Bashar al Assads Bruder..... Um Spuren zu verwischen wird nach Handys und anderen Aufzeichnungsgeräten gesucht und diese werden wahllos beschlagnahmt, um International kein Aufsehen zu erregen. Die Leichen werden mit ganzen LKW Ladungen von der Armee abtransportiert und verschwinden.... Danke China, danke Russland für dieses neue Srebrenica. Immer wieder schön zu sehen, das trotz aller technischer und sozialer Evolution, der Mensch doch gleich grausam bleibt. Ich hätte nicht gedacht das in der neuen Hochglanzwelt des Internets und der I-phones sowas noch möglich ist.
E_SE 06.03.2012
2. Das wars dann wohl
Gibt es eigentlich noch etwas Neues von der Arabischen Liga zu diesem Thema ? Oder geht man schon mal langsam pragmatisch mit der neuen / alten Situation um ? Die Menschen werden vergessen.
Matze38 06.03.2012
3. .
Zitat von zakalwe.Es scheint wirklich zu stimmen, das pro-Assad Milizen in den zurückeroberten Gebieten wie Homs nun alles systematisch durchkämmen und jeden männlichen Einwohner ab 12 Jahren abführen und exekutieren. Das Kommando über die Region Homs und den dort eingesetzen Truppen hat Bashar al Assads Bruder..... Um Spuren zu verwischen wird nach Handys und anderen Aufzeichnungsgeräten gesucht und diese werden wahllos beschlagnahmt, um International kein Aufsehen zu erregen. Die Leichen werden mit ganzen LKW Ladungen von der Armee abtransportiert und verschwinden.... Danke China, danke Russland für dieses neue Srebrenica. Immer wieder schön zu sehen, das trotz aller technischer und sozialer Evolution, der Mensch doch gleich grausam bleibt. Ich hätte nicht gedacht das in der neuen Hochglanzwelt des Internets und der I-phones sowas noch möglich ist.
schuld hat nicht russland oder china an dem bürgerkrieg, sondern diejenigen die einseitig das assad regime verurteilten, statt beide seiten zum aufhören aufzufordern, so hat man assad weiter in die ecke gedrängt und den rebellen zu evrstehen gegeben, kämpft weiter wir stehen hinter euch.und so geht das weiter bis die nato eingreift, was anderes wollen dei rebellen nicht und nehmen auch in kauf das in den wohnvierteln menschen sterben, die sie als schutzschilde missbrauchen. wer nicht macht was die rebellen wollen, wird getötet.
amana 06.03.2012
4.
Zitat von sysopAPSyrische Flüchtlinge schildern dramatische Zustände in ihren Heimatorten. Panzer schießen auf Wohngebiete, junge Männer werden wahllos festgenommen, gefoltert oder gar getötet. Doch die Regierung im Nachbarland Libanon hilft den Menschen nur zögerlich. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819547,00.html
Hätte man mich vor Monaten gefragt ob eine militärische Lösung wünschenswert wäre so hätte ich das klar abgelehnt. Mittlerweile denke ich muss man die Bevölkerung in zahlreichen landesteilen vor der eigenen Armee, der Polizei und dem Geheimdienst schützen. Ein Freund sagte die Tage zu mir, selbst die Deutschen haben es nicht allein geschafft so eine Diktatur unblutig zu beenden. Wenn Mc Cain jetzt Luftschläge fordert so denke ich bringen die weniger, es ist ja nicht so wie in Nazideutschland wo die Allierten einfach nur die Gleise nach den KZ hätten bombardieren können um den Massenmord zu stoppen. Syrien hat ein ausgezeichnetes Strassennetz, dieses Regime hat jahrzehnte sich auf einen Krieg vorbereitet, sodass man wochenlang Brücken, und Autobahnen bombardieren müßte um die Armee und die Sicherheitskräfte am ausrücken zu hindern.
Barath 06.03.2012
5. ...
Zitat von zakalwe.Es scheint wirklich zu stimmen, das pro-Assad Milizen in den zurückeroberten Gebieten wie Homs nun alles systematisch durchkämmen und jeden männlichen Einwohner ab 12 Jahren abführen und exekutieren. Das Kommando über die Region Homs und den dort eingesetzen Truppen hat Bashar al Assads Bruder..... Um Spuren zu verwischen wird nach Handys und anderen Aufzeichnungsgeräten gesucht und diese werden wahllos beschlagnahmt, um International kein Aufsehen zu erregen. Die Leichen werden mit ganzen LKW Ladungen von der Armee abtransportiert und verschwinden.... Danke China, danke Russland für dieses neue Srebrenica. Immer wieder schön zu sehen, das trotz aller technischer und sozialer Evolution, der Mensch doch gleich grausam bleibt. Ich hätte nicht gedacht das in der neuen Hochglanzwelt des Internets und der I-phones sowas noch möglich ist.
Was genau werfen sie Russland und China vor? Das Veto gegen die UNO-Resolution? Dann erklären sie mir aber vorher bitte warum der Westen da nicht einfach den beiden entgegengekommen ist. Dann hätten sie die Resolution doch gehabt. Zum Rest ihres Beitrages hätte ich gern eine Quelle. Hier im Forum ist einfach zuviel Prpaganda als das man einfach jede Aussage glauben könnte.
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