Syrische Flüchtlinge in Deutschland Vertrieben aus Homs, verloren in Fuldatal

Sie hat fünf Kinder, ihr Mann ist gelähmt, sie muss die Familie durchbringen: Umm Taufik gehört zu den schutzbedürftigen Syrern, die Deutschland eingeflogen hat. Seit sechs Monaten wartet sie darauf, endlich Deutsch lernen zu dürfen.
Sprachlos: Die Aljaboulis warten seit einem halben Jahr darauf, dass ihr Deutschkurs anfängt

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Foto: SPIEGEL ONLINE

Nur kurz hat Umm Taufik gezögert, als das Uno-Flüchtlingswerk in Beirut sie fragte, ob sie nach Deutschland wolle. Sie sei einer der härtesten Fälle - ausgebombt, Mutter von fünf Kindern, der Ehemann nach einem Unfall querschnittsgelähmt. 5000 besonders schutzbedürftige Syrer hatte Deutschland versprochen aufzunehmen.

Umm Taufik wusste über Deutschland nicht viel. Drei Dinge fragte die 40-Jährige: Können wir eines Tages nach Syrien zurückkehren? Können die Deutschen meinem Mann helfen? Werden meine Kinder eine bessere Zukunft haben? Dreimal antwortete die Uno mit Ja. Also flogen die Aljaboulis im Dezember 2013 nach Kassel.

Sechs Monate später weiß Umm Taufik, dass es in Deutschland kaum kleine Zucchinis und Auberginen gibt, die sie braucht, um "Machschi" zu machen, gefülltes Gemüse, ohne das kaum ein syrisches Essen auskommt. Dafür gibt es Schokolade, die so gut schmeckt, dass Umm Taufik sie vor den Kindern verstecken muss.

Die fünf deutschen Worte, die Umm Taufik aufgeschnappt hat, probiert sie fragend aus. "Zum Abschied sagt man 'Dschiss'? Und 'Dankeschehn' ist eine stärkere Form von Danke?" Seit sechs Monaten ist Umm Taufik mit ihren Kindern in Deutschland. Doch bisher hatten sie noch keine Unterrichtsstunde Deutsch.

"Die Sprache ist das größte Hindernis"

"Mein Mann kann schon besser Deutsch als wir", sagt Umm Taufik. Der Gelähmte liegt nach einer Operation im Reha- und Pflegeheim. Die Krankenschwestern haben ihm "Wasser", "Tasse" und "Teller" beigebracht, damit er sich ein wenig verständlich machen kann. Umm Taufik braucht mit dem Bus mehr als eine Stunde zu ihm, sie schafft es höchstens zwei-, dreimal im Monat.

Die Landkreisverwaltung Kassel, der die Familie zugewiesen wurde, hat Umm Taufik mit ihren fünf Kindern in einer Zweizimmerwohnung in Fuldatal untergebracht, am Rand der Stadt. Viel Platz haben sie in der Wohnung nicht, doch einen großen Hof gemeinsam mit den deutschen Nachbarn. Dort flitzen der siebenjährige Taufik und die neunjährige Nur einem bunten Ball hinterher. Die zwei ältesten Schwestern helfen der Mutter beim Gemüseschneiden.

"Ich weiß, wie ein Haus funktioniert. Ich weiß, wie man Essen kocht. Das ist nicht das Problem", sagt Umm Taufik. "Aber ich brauche die Sprache", klagt sie, "das ist das größte Hindernis."

Sie versteht nicht, warum ihre Kinder nicht eingeschult werden

Umm Taufik versteht nicht die Ärzte, die ihren Mann behandeln, und nicht die Briefe, die ihr die Landkreisverwaltung schreibt. Ihre Adresse trägt sie abfotografiert bei sich, denn lateinische Buchstaben hat sie nie gelernt. Sie weiß, dass ihre deutschen Nachbarn nett sind, sie winken immer.

Wie soll sie sagen, dass sie zum Arzt muss, aber bisher keine Krankenkassenkarte hat? Wie soll sie sich erkundigen, warum ihre Kinder noch nicht zur Schule gehen können? Diese Frage quält sie am meisten. Das letzte Mal waren die fünf - Dua, 15, Alaa, 13, Marwa, 11, Nur, 9, und Taufik, 7 - vor dem Krieg im Unterricht, im Frühjahr 2011 in Homs.

Viele syrische Flüchtlinge beschreiben Ähnliches: von Deutschland eingeflogen, untergebracht und dann weitgehend auf sich gestellt.

Eine staatlich organisierte Übergangshilfe, bis die Flüchtlinge etwas Deutsch können, gibt es nicht. Manche haben Glück und lernen Arabischsprachige kennen, die ihnen freiwillig dolmetschen. Wer einem Landkreis zugeteilt wird, in dem wenige deutsche Araber leben, hat Pech.

Ihre Entscheidung nach Deutschland zu kommen, bereut sie nicht

Für das zweite Kontingent  von 5000 Syrern, das Deutschland aufnimmt, ist das Zurechtkommen etwas leichter: Bevorzugt wurde eingeflogen, wer Verwandte in Deutschland hatte, die bereit waren zu unterstützen. Gleiches gilt für die rund 4500 syrischen Familienangehörigen, die über Länderkontingente einreisen konnten und deren Unterhalt von den Verwandten in Deutschland bezahlt wird.

Doch darüber hinaus gibt es syrische Flüchtlinge außerhalb der Kontingente - rund 36.000 Menschen. Sie müssen in Deutschland vor allem erst einmal Asylverfahren durchlaufen.

Umm Taufik sagt von sich, dass sie eine starke Frau sei und wer ihre Geschichte hört, zweifelt nicht daran: der Militärangriff auf ihren Vorort von Homs, die Leichen vor der Haustür, die Angst und die Wut. Die mühevolle Flucht mit ihrem Mann im Rollstuhl über Damaskus in den Libanon. Deutschland.

"Meine Entscheidung herzukommen, habe ich nicht bereut und werde es nie", sagt Umm Taufik. Sie hat Träume für das neue Leben: eine größere Wohnung - ihren Mann will sie zu Hause pflegen, ein Auto - sie will den Führerschein machen, Arbeit - sie hofft auf eine Ausbildung zur Krankenschwester. "Doch ohne die Sprache geht das alles nicht", weiß sie.