Syrische Herrscherfamilie Assad Der Killer-Clan

Der Diktator nur durch einen Unfall ins Amt gelangt, die Schwester intrigant, der Bruder schießt in Rage auch auf Verwandte: Die Assads erinnern an eine mittelalterliche Sippe. Syriens Herrscherfamilie bekämpft ihr eigenes Volk - weil sie bei einem Machtwechsel alles verlieren würde.
Familie Assad (undatiertes Archivbild): Vorne Hafis (starb 2000) und seine Frau Anissa, hinten von links ihre Kinder Mahir, dann der heutige Staatschef Baschar al-Assad, Bassil (kam 1994 bei einem Autounfall ums Leben), Madschid (starb 2009) und Buschra

Familie Assad (undatiertes Archivbild): Vorne Hafis (starb 2000) und seine Frau
Anissa, hinten von links ihre Kinder Mahir, dann der heutige Staatschef Baschar al-Assad, Bassil (kam 1994 bei einem Autounfall ums Leben), Madschid (starb 2009) und Buschra

Foto: AP / Syrian Ministry of Information

Jeden Tag Kämpfe, Tote, Verletzte: Der Machtkampf zwischen Aufständischen und der Regierung in Syrien eskaliert zum Bürgerkrieg. Mehr als 40 Jahre lang unterdrückte die Herrschersippe Assad mit Polizisten, Soldaten und Geheimdiensten jede Opposition - bis vor einem Jahr der Arabische Frühling ausbrach. Indem sie die zunächst friedlichen Proteste mit Angriffen auf Zivilisten, Massakern und Folter niederzuschlagen versuchten, haben Präsident Baschar al-Assad und seine Getreuen den Aufstand nur noch angefacht - und sich damit nicht nur in der arabischen Welt, sondern auch international weitgehend isoliert. An diesem Montag haben die USA ihre Botschaft in Damaskus komplett geschlossen, Großbritannien rief seinen Botschafter zurück.

Wie auch immer der Konflikt sich entwickeln wird, schon jetzt steht fest: Hinterher wird Syrien ein anderes Land sein. Dass sich der zur religiösen Minderheit der Alawiten gehörende Assad-Clan noch lange an der Macht halten kann, scheint immer unwahrscheinlicher.

Baschar al-Assad, der nach dem Tod seines Vaters im Jahr 2000 das Präsidentenamt erbte, betreibt seine Diktatur bisher als eine Art Familienbetrieb. Er stützt sich bei der Machtausübung auf ein engmaschiges Netz aus Verwandten: Sein Cousin regelt die Finanzen, sein Bruder bekämpft den Widerstand, sein Schwager lässt als Geheimdienstchef die Opposition ausspionieren - und auch die Frauen des Clans mischen mit.

Ein Überblick über die Herrscherfamilie von Damaskus:

Baschar al-Assad, der Präsident

Baschar al-Assad: Schnelles Ende des "Damaszener Frühlings"

Baschar al-Assad: Schnelles Ende des "Damaszener Frühlings"

Foto: Anonymous/ AP

Baschar al-Assad wurde 1965 als zweiter Sohn von Präsident Hafis al-Assad und dessen Frau Anisa Makhluf geboren. Er besuchte in Damaskus die französisch-arabische höhere Schule, studierte danach Medizin. 1991 ging er nach London, um Augenarzt zu werden. Nachdem sein älterer Bruder und Thronerbe Basil 1994 bei einem Autounfall gestorben war, wurde er nach Damaskus zurückgerufen und zum Nachfolger seines Vaters erzogen. Nach dessen Tod im Jahr 2000 wurde Baschar al-Assad Präsident. Viele hofften damals, er würde sich als Erneuerer profilieren. Immerhin schob er ein wirtschaftliches Reformprogramm an, öffnete Syrien für ausländische Investoren und entließ einige politische Häftlinge. Der Fokus seiner Reformen lag nicht auf politischer Freiheit, sondern auf wirtschaftlicher Liberalisierung.

Doch spätestens 2005 endete der "Damaszener Frühling": Angeblich waren Mitglieder der alten Garde des Regimes wegen der zunehmenden Modernität des neuen Herrschers nervös geworden, weil sie um ihre Pfründe und die Stabilität des Regimes fürchteten. Dieselben Weggefährten des alten Assad sollen auch die Niederschlagung des jetzigen Aufstands gegen das Regime vorantreiben. Doch auch der Präsident wettert in Reden gegen die Opposition und verunglimpft sie als "Räuberbanden und Terroristen". Menschenrechtsverletzungen seiner Soldaten und der paramilitärischen Schabiha-Milizen leugnet er.

Mahir al-Assad, Bruder und Soldat

Mahir al-Assad (links): Skrupellos, aggressiv, jähzornig

Mahir al-Assad (links): Skrupellos, aggressiv, jähzornig

Foto: ? Reuters Photographer / Reuters/ REUTERS

Der 1968 geborene Bruder des Präsidenten, Mahir al-Assad, ist Befehlshaber des zentralen Machtinstruments des Regimes: der Elitetruppen der Vierten Division der syrischen Armee. Auch den Republikanischen Garden, deren 12.000 Soldaten wie die Assads überwiegend der alawitischen Minderheit angehören, steht der General vor. Damit ist er - neben dem Präsidenten - der vermutlich mächtigste, vielleicht auch der gefährlichste Mann in Syrien. In ihrer Begründung der gegen Mahir al-Assad verhängten Sanktionen nannte die Europäische Union ihn im Jahr 2011 "den Oberaufseher der Gewalt gegen Demonstranten". Mahir al-Assad wird verdächtigt, in den Mord am ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafik al-Hariri 2005 in Beirut verwickelt gewesen zu sein.

Er gilt als skrupellos, aggressiv und jähzornig. 1999 schoss er bei einem Familienstreit Assif al-Schaukat, dem Ehemann seiner älteren Schwester Buschra in den Bauch. Der General soll bei blutigen Operationen gern selbst aktiv sein: So befehligte er 2008 die Niederschlagung einer Revolte im Gefängnis von Saidnaya nahe Damaskus. Auch seit Beginn des Aufstands gegen das Regime vor elf Monaten soll er mehrmals persönlich auf Oppositionelle geschossen haben. Er hat die Oberaufsicht über die Schabiha, die vom Regime unterhaltenen Mörder- und Schlägertruppen, die auf Demonstranten gehetzt werden.

Rami Makhluf, Cousin und Geldvermehrer

Rami Makhluf: "Mister fünf Prozent"

Rami Makhluf: "Mister fünf Prozent"

Foto:

Louai Beshara/ dpa

Rami Makhluf ist ein Cousin der Assad-Kinder, die Mutter des Präsidenten ist seine Tante. Dank seiner guten Beziehungen in den Palast soll er heute bis zu 60 Prozent der syrischen Wirtschaft kontrollieren. Sein Spitzname ist "Mister fünf Prozent": Es heißt, niemand könne in Syrien Handel treiben, ohne ihn entsprechend zu schmieren. Makhluf ist Hauptanteilseigner des syrischen Handy-Anbieters Syriatel und diverser Tourismuskonzerne. Er ist an Banken, Duty-free-Shops, Freihandelszonen an der Grenze zum Libanon und Kaufhausketten beteiligt. Er berät seine Verwandten. Mit seiner Hilfe sollen die Assads Reichtümer im Wert vieler Milliarden Dollar angehäuft haben.

Die USA und die EU haben Sanktionen gegen ihn verhängt. In der Begründung hieß es, Makhluf sei ein "einflussreicher syrischer Geschäftsmann, der sein Wirtschaftsimperium aufgebaut hat, indem er seine Beziehungen zu Regime-Mitgliedern ausgenutzt hat". Er "fördert die öffentliche Korruption und profitiert von ihr". Brüssel bezichtigt ihn, die Niederschlagung des Aufstands gegen das Regime zu finanzieren. Sein Bruder Hafis Makhluf ist der Chef des zivilen Geheimdiensts in Damaskus.

Assif al-Schaukat, Schwager und Geheimdienstmann

Assif al-Schaukat: Pharmazeut und führender Armeemann

Assif al-Schaukat: Pharmazeut und führender Armeemann

Foto: ? Ho New / Reuters/ REUTERS

Der 1950 geborene Assif al-Schaukat gehört wie der übrige Assad-Clan, in den er durch die Ehe mit der älteren Präsidenten-Schwester Buschra eingeheiratet hat, der alawitischen Minderheit an. Er ist studierter Pharmazeut, machte aber in der Armee Karriere. Als Generalmajor ist er seit 2009 Stellvertreter des syrischen Generalstabschefs und stellvertretender Verteidigungsminister. Zuvor hatte er jahrelang verschiedene Führungspositionen im Militärgeheimdienst inne.

Schaukat soll eine gute Beziehung zu Baschar al-Assad haben, das Verhältnis zu dessen Bruder Mahir hingegen gilt als angespannt. Mahir hatte Schaukat 1999 bei einem Familienstreit in den Bauch geschossen. Trotzdem soll er gemeinsam mit Mahir in die Ermordung des ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafik al-Hariri im Jahr 2005 in Beirut verstrickt gewesen sein. Die USA verhängten deshalb 2006 Sanktionen gegen ihn, seine Konten in den USA wurden gesperrt. Als Begründung wurde die Unterstützung von Terror und Einmischung in die Souveränität Libanons genannt.

Anissa al-Assad, Mutter und Ratgeberin

Die Assads: Vorne Hafis und seine Frau Anissa. Dahinter von links ihre Kinder: Mahir, Baschar, Bassil (der 1994 bei einem Autounfall ums Leben kam), Madschid (starb 2009) und Buschra.

Die Assads: Vorne Hafis und seine Frau Anissa. Dahinter von links ihre Kinder: Mahir, Baschar, Bassil (der 1994 bei einem Autounfall ums Leben kam), Madschid (starb 2009) und Buschra.

Foto: AP / Syrian Ministry of Information

Geboren als Anissa Makhluf, tritt die Witwe des Dynastiegründers Hafis al-Assad seit dem Tod ihres Mannes kaum in der Öffentlichkeit auf. Sie soll aber hinter den Palastmauern starken Einfluss auf ihre Söhne haben. Probleme würden oft im Familienkreis besprochen, heißt es. Anissa habe dabei oft das letzte Wort, berichten syrische Oppositionelle. Als Baschar im Jahr 2000 seine Jugendfreundin Asma al-Akhras heiraten wollte, soll seine Wahl von seiner Mutter mit Stirnrunzeln kommentiert worden sein. Angeblich gab es auch Streit, wer fortan den Titel der First Lady Syriens führen darf: die Mutter oder Gattin des Präsidenten.

Buschra al-Assad, Schwester und starke Frau des Regimes

Assad-Schwester Buschra (rechts): Großer Einfluss auf die Brüder

Assad-Schwester Buschra (rechts): Großer Einfluss auf die Brüder

Foto: AP / Syrian Ministry of Information

Die 1960 geborene, ältere Schwester Baschars ist studierte Pharmazeutin und gilt als starke Frau der Familie, die großen Einfluss auf ihre Brüder ausübt. Dass sie sehr willenstark ist, unterstreicht die Legende ihrer Bräutigamschau: Demnach soll sich Buschra mit Ende zwanzig in Assif al-Schaukat verliebt haben, damals verheirateter Vater von fünf Kindern. Sie soll die Heirat nur gegen größten Widerstand ihrer Familie durchgesetzt haben und es sich fortan zur Aufgabe gemacht haben, ihren Mann in einflussreiche Positionen innerhalb des Regimes zu manövrieren. Bei nicht wenigen Familienmitgliedern - etwa ihrem Bruder Mahir - erregte die von Buschra geförderte steile Karriere Schaukats Unmut. Syrische Oppositionelle beschreiben Buschra als eine Hardlinerin innerhalb des Regimes.

Asma al-Assad, Ehefrau und Refomerin?

Asma al-Assad: Luxusweibchen oder reformorientierte First Lady?

Asma al-Assad: Luxusweibchen oder reformorientierte First Lady?

Foto: MIGUEL MEDINA/ AFP

Asma al-Akhras wurde 1975 als Kind ausgewanderter Oberklasse-Syrer in London geboren. Sie gilt als hochintelligent, schloss ihre Studien am renommierten King's College mit Abschlüssen in Informatik und Französischer Literatur ab. In den neunziger Jahren arbeitete sie als Investmentbankerin, bis eine geheimgehaltene Beziehung zu ihrem Jugendfreund Baschar al-Assad bekannt wurde. Im Jahr 2000 kündigte sie, zog nach Damaskus und heiratete den gerade zum Präsidenten gekürten Baschar. Das Paar hat drei Söhne, Hafis, Zein und Karim.

Die Heirat in die Präsidentenfamilie soll Asma einige Schwierigkeiten bereitet haben: Weder ihre Schwägerin Buschra noch ihre Schwiegermutter Anissa sollen ihr gewogen sein. Amsa sei ihnen zu modern und weltoffen, stehe zu gern im Rampenlicht, statt sich bescheiden im Hintergrund zu halten, lautet der damaszener Klatsch über das schlechte Verhältnis der Frauen. Auch sei Asma als Sunnitin Außenseiterin im alawitischen Klüngel im Palast. Trotz des Gegenwinds der Assad-Frauen sah es zunächst so aus, als wolle Asma sich für politische Reformen in Syrien einsetzen. Sie gründete diverse Hilfsorganisationen, die vor allem syrische Jugendliche unterstützen. Seit Ausbruch der Revolte gegen ihren Mann hat sich die First Lady kaum mehr in der Öffentlichkeit blicken lassen, was Gerüchten Vorschub leistet, sie sei mit den Kindern schon außer Landes geflohen. Beobachter sagen, es sei unmöglich zu klären, ob Asma das gewaltsame Vorgehen gegen die Aufständischen unterstütze oder ob sie das Vorgehen missbilligt, aber quasi eine Gefangene des Regimes ist.