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Widerstandshochburg Homs: Tote, Hunger, Angst

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Syrische Protesthochburg Homs Eine Stadt wird ausgelöscht

Die Bewohner der syrischen Stadt Homs kämpfen um ihr Leben. Seit sechs Tagen steht das Zentrum des Widerstands gegen Assad unter Dauerbeschuss der Armee. Fliehen können die Menschen nicht, alle Zugangsstraßen sind abgesperrt, Lebensmittel werden knapp, Ärzte fehlen. Beobachter sprechen von einer humanitären Katastrophe.

Damaskus/Berlin - Seit sechs Tagen steht die syrische Protesthochburg Homs unter Dauerbeschuss der Armee, die Stadt ist laut Amnesty International Schauplatz einer humanitären Katastrophe. Der Nachrichtensender Al-Arabija meldete unter Berufung auf Regimegegner, landesweit seien am Donnerstag mindestens 126 Menschen von den Regierungstruppen getötet worden, allein 107 in Homs. Auch andere Quellen berichten von vielen Dutzend Toten. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte starben am Donnerstag mehr als 50 Zivilisten, über 30 allein im Viertel Baba Amr.

Der Aktivist Omar Schaker sagte der Nachrichtenagentur AFP, "Raketen regnen heute ununterbrochen auf Baba Amr". In den Häusern, die unter Beschuss genommen worden seien, lägen verkohlte Leichen. Ein weiterer Aktivist sagte, Homs sei inzwischen eine "Geisterstadt". Die Aufständischen seien mit ihren Handfeuerwaffen den "Raketen des Regimes" unterlegen.

Die Menschen in Homs leben in ständiger Angst - und sie kommen nur noch schwer an Essen. Die Stadt ist umzingelt; Armeeposten kontrollieren alle Zugangsstraßen. Seit zehn Tagen konnten keine Lebensmittel mehr in die Stadt geliefert werden. Essen und Medikamente werden knapp. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt gehen auch die Heizölvorräte zur Neige. In ganz Homs gibt es nach Angaben von Aktivisten nur noch drei Ärzte, einer wurde durch Granatenbeschuss verletzt.

Patienten werden in Untergrund-Kliniken behandelt

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) bezeichnet die Lage von Verletzten und Kranken in Syrien als katastrophal. Ärzte und Patienten mit Schussverletzungen müssten damit rechnen, in der Klinik verhaftet zu werden, sagte die MSF-Präsidentin Marie-Pierre Allié. "Weil die Leute aus Angst nicht mehr in Krankenhäuser gehen, haben die Mediziner und Pfleger ein Parallelsystem aufgebaut." Patienten würden nun in Untergrund-Kliniken behandelt - allerdings unter prekären Umständen. Seit Beginn der Offensive auf die Protest-Hochburg am 4. Februar wurden laut der Beobachtungsstelle hunderte Zivilisten getötet. Amnesty International bestätigte den Tod von etwa 250 mehrheitlich unbewaffneten Zivilisten.

Die Uno-Sondergesandte für Kinder in bewaffneten Konflikten hat Syrien zu einem sofortigen Ende der Angriffe auf Kinder aufgerufen. Dem seit Monaten anhaltenden Blutvergießen seien bereits Hunderte Kinder zum Opfer gefallen, sagte Radhika Coomaraswamy am Donnerstag.

Die syrische Führung unter Staatschef Baschar al-Assad räumte eine Militäraktion in Homs ein, die sich aber gegen "terroristische Banden" richtete. Diese seien für die Gewalt gegen Zivilisten verantwortlich. Auch in anderen Landesteilen gingen die Truppen am Donnerstag massiv gegen Demonstranten vor. Zugleich wurden mindestens sieben Sicherheitskräfte nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten nahe der südlichen Stadt Daraa in einem Hinterhalt getötet.

EU wirbt für härtere Sanktionen

Trotz der brutalen Niederschlagung der Proteste riefen Aktivisten für Freitag zu neuen Massendemonstrationen auf, die sich diesmal gegen das russische Veto gegen eine Uno-Resolution zur Verurteilung der Gewalt richten sollen.

Der Führungsstab des Syrischen Nationalrats beriet im Golfemirat Katar, wie das Blutvergießen gestoppt werden könnte. Der Rat setzt inzwischen stärker auf militärische Optionen. Unter anderem wird über Waffenlieferungen an Deserteure diskutiert. Unter arabischen Diplomaten wird erwogen, den von mehreren Oppositionsgruppen gegründeten Nationalrat als legitime Vertretung des syrischen Volkes anzuerkennen.

Die Vereinten Nationen prüfen derweil nach fast elf Monaten der Gewalt mit mehr als 6000 Toten die Entsendung von Beobachtern und eines Sondergesandten nach Syrien. "Wir erwägen eine gemeinsame Mission mit der Arabischen Liga", sagte Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon nach einer Tagung des Sicherheitsrates in New York. Die EU warb für härtere Sanktionen gegen die Führung in Syrien. Ziel ist es, die Konten der syrischen Zentralbank einzufrieren und den Handel mit Diamanten, Gold und anderen Edelmetallen zu unterbinden.

Merkel: "Die Bilder und Berichte wühlen mich auf"

Zahlreiche Regierungschefs brachten erneut ihre Verachtung gegenüber dem brutalen Vorgehen des syrischen Regimes zum Ausdruck: US-Präsident Barack Obama bezeichnete die Gewalt in dem Land als "schockierend". Nach einem Treffen mit dem italienischen Regierungschef Mario Monti in Washington sagte Obama, Italien und die USA seien sich darin einig, dass die syrische Regierung, die "ihr Volk angreift", ersetzt werden müsse. Beide Länder hätten großes Interesse daran, das "abscheuliche Blutvergießen" in Syrien zu beenden. Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu sagte, die internationale Gemeinschaft dürfe nicht zusehen, wie in Syrien täglich "Massaker" angerichtet würden. Sein Land werde mit Nachdruck die Organisation einer internationalen Konferenz vorantreiben.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich zutiefst betroffen über Syriens Präsident Baschar al-Assad. "Die Bilder und Berichte aus Syrien wühlen mich genauso auf wie wahrscheinlich die meisten Bürger", sagte Merkel der "Passauer Neuen Presse". Um das Blutvergießen in Syrien zu stoppen, macht sich Merkel gemeinsam mit Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy für die Gründung einer Kontaktgruppe stark.

Die Bundesregierung hatte am Donnerstag vier Mitarbeiter der syrischen Botschaft in Berlin ausgewiesen, nachdem zuvor zwei mutmaßliche syrische Spione festgenommen worden waren. Die vier syrischen Diplomaten - drei Männer und eine Frau - wurden vom Auswärtigen Amt (AA) zu "unerwünschten Personen" erklärt. Sie haben drei Tage Zeit, mit ihren Familien Deutschland zu verlassen. Solche Ausweisungen sind im diplomatischen Umgang äußerst selten.

Exilsyrer berichten auch in Deutschland, wo mehr als 32.000 Menschen mit syrischem Pass leben, von Einschüchterungsversuchen. Außenminister Guido Westerwelle sagte, die Bundesregierung könne "in keiner Weise tolerieren, wenn für den syrischen Staat Tätige in Deutschland einen direkten oder indirekten Beitrag dazu leisten, die syrische Opposition unter Druck zu setzen".

anr/AFP/dpa/dapd/Reuters
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