Syrischer Regimegegner Abdulhamid "Ohne Hilfe von außen fließt noch mehr Blut"

Gezielte Militärschläge dürfen nicht mehr tabu sein: Der prominente syrische Regimegegner Ammar Abdulhamid appelliert im Interview an die internationale Gemeinschaft, die Opposition des Landes im Kampf gegen Machthaber Assad zu unterstützen - mit allen Mitteln.
Anti-Assad Proteste: "Die Menschen in Syrien haben keine Geduld mehr"

Anti-Assad Proteste: "Die Menschen in Syrien haben keine Geduld mehr"

Foto: HANDOUT/ REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Herr Abdulhamid, in der syrischen Opposition wird der Ruf nach einer militärischen Intervention aus dem Ausland immer lauter. Glauben Sie tatsächlich, dass die Nato oder eine andere Staatenkoalition Baschar al-Assad aus dem Amt bomben sollte, nach dem Vorbild Libyens?

Abdulhamid: Libyen ist kein Vorbild. Niemand will ein Flächenbombardement in Syrien. Aber die internationale Staatengemeinschaft darf nicht länger mit ansehen, wie Hunderte von Menschen abgeschlachtet werden. Wir brauchen endlich Sanktionen, die dem Assad-Regime wirklich wehtun. Wir brauchen eine Nichtflugzone, und wir dürfen auch gezielte Militärschläge nicht länger ausschließen. Leider. Das ist eine sehr schmerzhafte Erkenntnis.

SPIEGEL ONLINE: Vor wenigen Wochen gehörten Sie noch zu jenen Aktivisten, die leidenschaftlich gegen einen Nato-Einsatz plädiert haben.

Abdulhamid : Ja, ich war immer dagegen, die Revolution zu "militarisieren". Ich habe geglaubt, dass uns friedliche Proteste, Massenstreiks und ziviler Ungehorsam letztlich weiter bringen - auch wenn das ein langer und schwieriger Weg gewesen wäre. Ich war überzeugt, dass uns friedliche Proteste den moralischen Beistand des Auslands sichern und ein richtiges Signal an die Minderheiten in Syrien senden - die Christen und Alawiten, die sich davor fürchten, dass die Lage außer Kontrolle gerät.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?

Abdulhamid : Das Ausland hat sehr lange gebraucht, um die Brutalität des Assad-Regimes zu verurteilen. Eine Syrien-Resolution der Vereinten Nationen wird noch immer blockiert. Die Menschen in Syrien aber haben keine Geduld mehr. In Homs und anderen Städten haben sie selbst zu den Waffen gegriffen, um sich zu verteidigen. Das Regime hat daraufhin noch mehr Panzer rollen lassen, seither eskaliert die Gewalt. Erhalten wir keine Hilfe von außen, wird noch mehr Blut fließen.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Konsequenzen eines solchen Militärschlages könnten katastrophal sein. Syrien könnte, unterstützt von seinen Verbündeten Iran und der libanesischen Hisbollah, einen Krieg gegen Israel vom Zaun brechen. Ein unkontrollierbarer Flächenbrand wäre die Folge.

Abdulhamid : Das stimmt, das ist eine sehr reale Gefahr. Mit dem Rücken zur Wand könnte Assad alle Trümpfe ausspielen, die er noch hat: die Hisbollah, die Hamas und auch die kurdische PKK, die wieder von Syrien unterstützt wird und die Türkei in Schach halten soll. Umso wichtiger ist es, dass der Westen und die Länder in der Region klug und koordiniert gegen Assad vorgehen und ihm nicht erlauben, diesen Konflikt nach seinen Spielregeln zu gestalten.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit den Konsequenzen im Inneren Syriens? Haben Sie keine Angst vor sektiererischer Gewalt, vor Racheangriffen sunnitischer Muslime gegen Christen und Alawiten?

Abdulhamid : Ich glaube, dass das Regime diese Ängste bewusst schürt, um die Welt vor einem Machtwechsel in Syrien zu warnen. Gleichzeitig lässt es nichts unversucht, die Bevölkerungsgruppen tatsächlich gegeneinander aufzuhetzen. Dabei sind auch Christen unter den Demonstranten. Die Alawiten werden seit vielen Jahren einer Gehirnwäsche unterzogen, dass es ihnen an den Kragen gehen würde, wenn sie die Macht verlieren. Viele Alawiten gehen deshalb gegen Sunniten vor, und viele Sunniten haben ihrerseits Rache geschworen. Diese Saat hat Assad gelegt. Umso wichtiger ist, dass wir als Opposition die richtigen Botschaften haben, um die Syrer miteinander zu versöhnen.

SPIEGEL ONLINE: Als einflussreichste Oppositionsplattform gilt der in Istanbul sitzende Syrische Nationalrat, der wiederum von der Muslimbruderschaft dominiert wird. Viele befürchten eine Machtergreifung der Muslimbrüder, wenn Assad stürzt. Ist die Sorge begründet?

Abdulhamid : Nein. Das von allen Diktaturen im Nahen Osten propagierte Argument "Entweder wir oder die Islamisten" entspricht einfach nicht der Realität und beschränkt den Kreis der Partner, mit denen der Westen zusammenarbeiten könnte. Vor allem die Amerikaner haben dieses alte Argument verinnerlicht und fokussieren sich nun - notgedrungen, wie sie glauben - auf die Muslimbruderschaft, die in den USA besonders gut organisiert ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie stark ist denn der Rückhalt in der syrischen Bevölkerung für die Muslimbrüder?

Abdulhamid : Anders als in Ägypten haben sie in Syrien keine Basis im Volk. Es gibt Sympathisanten, aber keine organisierten Netzwerke. Darum tritt die Bruderschaft im Ausland umso lauter auf: Sie genießen es, als größte Opposition wahrgenommen zu werden und wollen sich eine entsprechende Rolle für den politischen Übergang sichern. Dabei gibt es eine andere Partei in Syrien, die erfolgreicher sein dürfte: die Baath-Partei.

SPIEGEL ONLINE: Aber das ist die autoritär gelenkte Staatspartei, die von Militärs und Bürokraten dominiert wird!

Abdulhamid : Sie würden nicht glauben, wie viele Syrer an die alten Ideale der Baath-Partei glauben: Säkularismus, Nationalismus, Arabismus. Für eine reformierte Baath-Partei gäbe es ein enormes Potential. Unter den Demonstranten sind viele Baath-Mitglieder, die sich von den Assads verraten fühlen. Sie rebellieren gegen Baschar al-Assad, treten aber für die Baath-Ideologie ein. Eine "Ent-Baathifizierung", das heißt eine Zwangsauflösung der Partei und Bestrafung ihrer Mitglieder, wie es sie im Irak gegeben hat, wäre keine gute Lösung für Syrien.

"Ich gehe von 5000 Deserteuren aus"

SPIEGEL ONLINE: Neben dem Syrischen Nationalrat operiert auch die Freie Syrische Armee von türkischem Boden, eine Gruppe desertierter Offiziere und Soldaten. Wie schätzen Sie deren Stärke ein?

Abdulhamid : Nach eigenen Angaben gibt es in der Freien Syrischen Armee zwischen 10.000 und 15.000 Kämpfer, was allerdings übertrieben sein dürfte, ich gehe von 5000 Deserteuren aus. Aber sie werden häufig von einfachen Bürgern unterstützt, die in Besitz einer Waffe sind, die selber früher gedient haben.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie glauben, dass sich Damaskus für die türkische Parteinahme rächt, in dem es die kurdische PKK unterstützt?

Abdulhamid : Auf jeden Fall. Vergessen wir nicht, dass die PKK auch eine syrische Organisation ist, etliche ihrer Mitglieder sind syrische Kurden, und unter Hafis al-Assad residierte Abdullah Öcalan bis 1999 in Syrien. Jetzt, wo die türkisch-syrische Freundschaft am Ende ist, setzt Baschar al-Assad wieder auf diese Karte. Ihren Nachschub an Waffen erhält die PKK aus Syrien, nicht aus dem Irak.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit den syrischen Kurden - spielen sie eine Rolle in der Revolution?

Abdulhamid : Die Kurden in Syrien haben viel zu verlieren. Wenn sie sich auf die Seite der Regimegegner stellen und der Aufstand scheitert, werden sie härter als alle anderen bestraft. Und wenn Assad stürzt, heißt das auch noch nicht, dass sich ihre Lage verbessert, denn bislang hat es die Opposition versäumt, den Kurden mehr Rechte zu garantieren. Wenn es etwas gibt, was arabische Linke, Nationalisten und Islamisten vereint, dann das gemeinsame Festhalten an der arabischen Identität. Kulturelle Autonomie für die Kurden? So weit sind die Syrer noch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Aber wenn jetzt auch die Kurden auf die Straße gingen...

Abdulhamid : Das würde die syrische Revolution enorm beschleunigen, vielleicht sogar entscheiden. Die Kurden wären imstande, Hunderttausende Demonstranten zu mobilisieren.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie eigentlich überrascht, dass der Funke des Arabischen Frühlings so frühzeitig auf Syrien übersprang? Viele glaubten, dass Syrien das letzte Land in der arabischen Welt sei, in dem das Volk auf die Straße geht.

Abdulhamid : Ehrlich gesagt war ich schon vor Jahren überzeugt, dass eine Revolution kommen würde. Wir haben kurz nach dem Amtsantritt Assads 2000 das Tharwa-Projekt gegründet, um zivilgesellschaftliches Engagement zu fördern, um Spannungen zwischen Sunniten, Christen und Muslimen abzubauen. Wir haben auch Bürgerjournalisten ausgebildet, die durch das Land gereist sind, um mehr über die Lebensbedingungen einfacher Menschen zu erfahren. Und wir erfuhren, dass die Leute schon damals zornig waren. Besonders in den Vororten von Damaskus und in den vernachlässigten Regionen brodelte es. Es war klar, dass sich dieser Frust irgendwann entladen würde.

SPIEGEL ONLINE: Kontrolliert von seinen Geheimdiensten und seinem Sicherheitsapparat wirkte aber kein Regime in der arabischen Welt so stabil wie das syrische.

Abdulhamid : 2008 hat mich der US-Kongress eingeladen, einen Vortrag über Syrien zu halten. Das war die Zeit, in der der Westen wieder vorsichtig auf Annäherungskurs zu Assad ging. Ich warnte, dass es nicht mehr viel brauchte, um die angestaute Unzufriedenheit der Syrer zu politisieren, und sich die Leute dann auch nicht mehr von Assads Polizeistaat einschüchtern lassen würden.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels haben wir den Namen des syrischen Menschenrechtlers Ammar Abd al-Hamid geschrieben. Korrekt muss es heißen Ammar Abdulhamid. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

Das Interview führten Daniel Steinvorth und Volkhard Windfuhr