Syrischer Schriftsteller al-Haj Saleh "Man lebt im Schoß des Todes"

Der Schriftsteller al-Haj Saleh saß wegen seiner Kritik am Assad-Regime 16 Jahre im Gefängnis. Jetzt hat er das Land verlassen - weil ihn Dschihadisten bedrohten. Im Interview schildert er seine Erlebnisse im Aufstand.
Syrischer Rebell (in Aleppo): "Das Leben findet direkt neben dem Tod statt"

Syrischer Rebell (in Aleppo): "Das Leben findet direkt neben dem Tod statt"

Foto: STRINGER/ REUTERS

Yassin al-Haj Saleh saß wegen seiner Kritik am syrischen Regime 16 Jahre in Haft. Mit Beginn des Aufstandes musste der Regimekritiker schnell in den Untergrund abtauchen, um nicht wieder verhaftet zu werden. Er setzte sich in seine Geburtstadt Rakka im Nordosten ab, doch jetzt hat er Syrien verlassen - unter anderem aus Furcht vor den Dschihadisten.

SPIEGEL ONLINE: Das vergangene Jahr haben Sie in Ghuta gelebt, einem Vorort östlich von Damaskus, über die das Regime längst die Kontrolle verloren hat. Wie ist dort der Alltag?

Al-Haj Saleh: Besonders hart war der Mangel an Strom und Kommunikationsmöglichkeiten. Man ist abhängig von teuren Generatoren, um Strom zu haben, die noch teureres Benzin brauchen. Als ich aus Ghuta weg bin, hat der Liter Benzin ungefähr 300 syrische Pfund gekostet und wir haben etwa 3000 Pfund pro Tag (damals rund 15 Dollar) allein für Strom ausgegeben. Jetzt kostet der Liter 1000 Pfund. Auch das Wasser war knapp, und um es zu pumpen, braucht man wiederum teuren Strom.

SPIEGEL ONLINE: Mussten Sie in Ghuta um Ihr Leben fürchten?

Al-Haj Saleh: Manchmal schlugen die Geschosse (des Assad-Militärs - d. Red.) nur ein paar Dutzend Meter von uns ein. Ich habe nahezu täglich tödlich Verletzte gesehen. In Ghuta findet das Leben direkt neben dem Tod statt. Man lebt im Schoß des Todes.

SPIEGEL ONLINE: Gab es noch etwas zu essen?

Al-Haj Saleh: Wir hatten kaum Brot. Die Fleischpreise dagegen waren noch moderat: Durch die Bombardierungen hat Ghuta drei Viertel seiner Kühe verloren, da sie verletzt wurden. Inzwischen kann es allerdings sein, dass die Menschen gezwungen sind, das Fleisch von Hunden und Katzen zu essen wegen der erstickenden Belagerung. (Er spielt damit auf Erklärungen muslimischer Prediger an, dass es angesichts der schwierigen humanitären Situation in Syrien ausnahmsweise gestattet sei, Hunde- und Katzenfleisch zu essen. - d. Red.)

SPIEGEL ONLINE: Diesen Sommer haben Sie Ghuta verlassen und sich heimlich zu ihrer Geburtsstadt Rakka durchgeschlagen, über die das Regime die Kontrolle verloren hat. Warum?

Al-Haj Saleh: Ich habe in Rakka Brüder, Freunde und Bekannte. Auch wollte ich so gut wie möglich helfen. Der Einfluss von "Islamischer Staat in Irak und Syrien" (ISIS, die irakische al-Qaida - d. Red.) hat dort zugenommen, dennoch zog mich die Stadt an. Die meisten Syrer mussten während der Revolution den Ort wechseln, flohen in ihre Heimatregionen zurück oder flüchteten aus diesen.

SPIEGEL ONLINE: Mussten sie Rakka wegen der Dschihadisten verlassen?

Al-Haj Saleh: Ich habe keine Drohungen von ISIS bekommen. Ich glaube, sie wussten nicht, dass ich in der Stadt war. Ich habe es bevorzugt, unauffällig zu bleiben. Ich bin Schriftsteller, der über aktuelle Ereignisse und Politik schreibt. Deshalb hätte ich auch über die Situation in der Stadt geschrieben, wenn ich dort geblieben wäre. Aber das hätte mich in Gefahr gebracht. Mein Bruder Ahmad war in der Hand von ISIS, als ich in der Stadt ankam, und wurde nach knapp fünf Wochen Haft entlassen. Auch mein Bruder Firas wurde von ihnen verhaftet. Letztendlich musste ich die Stadt auch aus persönlichen Gründen verlassen, nicht nur wegen dieser Bedrohung.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es nun für Sie weiter?

Al-Haj Saleh: Außerhalb des Landes zu sein, ist ein Neuanfang für mich. Ich möchte mich damit ernsthaft auseinandersetzen. Ich weiß noch nicht genau, was ich tun werde, aber ich bin ein Schriftsteller und ich werde wohl in den kommenden Jahren mein Werk auf die Wechselwirkungen zwischen Religion und Politik konzentrieren sowie auf kulturelle und intellektuelle Debatten. Es ist unmöglich, Syrien und die Ereignisse in Syrien hinter sich zu lassen, aber möglicherweise verändert sich die Art und Weise sowie der Schauplatz meines Interesse dafür.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von den Reaktionen der internationalen Gemeinschaft zu Syrien?

Al-Haj Saleh: Schrecklich und gemein. Ich glaube, das spiegelt den Zustand der oberen Teile der Mittelschicht wider, insbesondere im Westen. Sie verspüren eine Verwandtschaft mit dem sogenannten westlichen Teil unserer Länder, obwohl dieser faschistisch ist und brutal. Der Westen scheint Veränderungen abzulehnen, die nicht wie seine eigenen sind. Der Westen hat es abgelehnt, den Syrern zu helfen, die mit der Luftwaffe, Raketen und Chemiewaffen angegriffen werden, sich selbst zu verteidigen. Das verdient Verachtung. Seine Arme zu verschränken und zu sagen: "Wir sind außen vor, wir haben mit all dem nichts zu tun", das ist unverantwortlich und falsch.

Das Interview führte Raniah Salloum
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.