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Tabubruch am Steuer Saudische Frauen wehren sich gegen das Auto-Verbot

Der arabische Frühling hat sie inspiriert: Via Internet haben sich Saudi-Araberinnen verabredet, um das strenge Fahrverbot für Frauen im Königreich gemeinsam zu brechen. Einige setzten sich tatsächlich hinters Steuer. Anfangs ließ man sie fahren, später griffen die Behörden offenbar vereinzelt ein.
Von Yassin Musharbash

Berlin - Eigentlich klingt es wie eine ganz gewöhnliche Twitter-Botschaft: "Meine Ehefrau Maha und ich sind gerade von einer 45-minütigen Fahrt zurückgekehrt, sie ist durch Riads Straßen gefahren." Doch was überall sonst auf der Welt eine belanglose Mitteilung wäre, ist in Saudi-Arabien ein Politikum: eine Frau am Steuer - was für eine Provokation!

Es ist nicht ohne weiteres möglich zu überprüfen, ob die zitierte Twitter-Mitteilung von "MFQahtani" authentisch ist und der Wahrheit entspricht. Aber sie ist eine von vielen in ähnlichem Wortlaut, die am Freitag abgesetzt wurden. Für diesen Tag hatten Aktivisten und Aktivistinnen innerhalb und außerhalb des Wüstenkönigreichs Frauen dazu aufgefordert, das faktische Fahrverbot auf den saudi-arabischen Straßen zu brechen.

Der Regelverstoß wurde weltweit aufmerksam beobachtet: Der US-Sender National Public Radio verbreitete einige dieser Mitteilungen in einem Blog auf seiner Homepage , die englische Ausgabe von al-Dschasira berichtete , und die Nachrichtenagentur dpa meldete, dass sich "mehrere Dutzend" Frauen ans Steuer gesetzt hätten. Die saudi-arabische Religions- und Sittenpolizei ist den Berichten zufolge nicht eingeschritten. "Guardian"-Reporter Jason Burke, der sich in Saudi-Arabien aufhält, bestätigte, dass er selbst einige fahrende Frauen gesehen habe. Eine 32-Jährige, die für 15 Minuten herumgefahren war, zitierte er mit den Worten: "Es war sehr aufregend. Das müssen wir wiederholen." Er twittert unter @burke_jason.

Das einzige Land, das Frauen das Autofahren verbietet

Saudi-Arabien ist das einzige Land der Welt, in dem Frauen das Autofahren verwehrt wird. Sie dürfen sich nicht einmal ohne männliche Aufsichtsperson frei bewegen. Der für Freitag ausgerufene "Tag des Autofahrens" stieß deshalb auch auf Gegenwehr - eine Gruppe Männer kündigte gar an, sie würden Auto fahrende Frauen verprügeln. Dazu kam es wohl nicht.

Allerdings häuften sich am frühen Abend erste Berichte, denen zu Folge fahrende Frauen von Polizisten angehalten wurden. Was mit ihnen geschah, ob sie verhaftet wurden oder nur ermahnt, blieb zunächst unklar. Es gibt in Saudi-Arabien zwar kein Gesetz, dass Frauen das Autofahren verbietet, wohl aber religiöse Rechtsgutachten, die es eindeutig verdammen - im saudischen Kontext, in dem Politik und Religion nicht zu trennen sind, kommt das einem Verbot gleich.

Immer wieder, wenn auch vereinzelt, hatten Frauen versucht, die Grenzen des Erlaubten zu dehnen. Die aktuelle Kampagne, für die unter anderem über Facebook Werbung gemacht wurde , nahm Fahrt auf, nachdem Ende Mai die IT-Expertin Manal al-Sharif eine Autofahrt gewagt hatte, diese per Video dokumentierte, anschließend verhaftet wurde und für neun Tage ins Gefängnis kam. Bereits 2008 hatte die Aktivistin Wajeha al-Huwaidar sich selbst beim Fahren gefilmt - jetzt nahm sie die Fahrt von Manal al-Sharif auf.

Der Kampf ums Lenkrad soll weitergehen

Die Aktivistinnen haben nun angekündigt, sie würden die Frauen so lange weiter zum Autofahren auffordern, bis die Monarchie das Verbot aufhebt. Dass sie von den Protestbewegungen in den arabischen Ländern inspiriert wurden, ist deutlich erkennbar. Ob sie eine Massenbewegung ins Leben rufen können, bleibt abzuwarten.

Von den Unruhen im Nahen Osten ist Saudi-Arabien bisher verschont geblieben - was nicht nur an der verhältnismäßig konservativ eingestellten Bevölkerung liegt. Auch sind die Ausgangsbedingungen anders als etwa in Ägypten oder Syrien, obwohl der Monarch quasi absolute Befugnisse hat. Das Land ist reich, die Arbeitslosigkeit im Vergleich gering. Der König hat von sich aus - wenn auch homöopathische - Reformen angestoßen, und viele Saudi-Araber scheinen einen langsamen Wandel raschen Veränderungen vorzuziehen.

Dass nun gerade die Frauen in dieser Situation auf sich aufmerksam machen und gegen das Fahrverbot mobilisieren, liegt wiederum an den Benachteiligungen, denen sie ausgesetzt sind. So haben sie zum Beispiel kein volles Wahlrecht - auch das ein großes Thema für Menschenrechtsaktivisten in dem Land.

Einige Männer, wird über Twitter kolportiert, seien durchaus solidarisch - sie hätten sogar erwogen, sich beim Autofahren als Frauen zu verkleiden, um die Polizei zu verwirren.

mit Material von dpa
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