Tadschikistan Der Aufklärer kehrt zurück

Er wurde verfolgt, verjagt, verhaftet und mit dem Tode bedroht. Jetzt, nach zwölf Jahren, kehrt der tadschikische Journalist Dodojon Atovulloev nach einer Amnestie in seine Heimat zurück, um seine regierungskritische Zeitung herauszubringen. Die Organisation Reporter ohne Grenzen begleitete den Mann auf seiner gefährlichen Mission.

Aus Duschanbe berichtet Marcus Bensmann


Heimgekehrt nach zwölf Jahren: Dodojon Atovulloev auf dem Flughafen von Duschanbe
Marcus Bensmann

Heimgekehrt nach zwölf Jahren: Dodojon Atovulloev auf dem Flughafen von Duschanbe

Duschanbe - Tief inhaliert der tadschikische Journalist Atovulloev den süßlichen Geruch der Honigmelone auf dem Basar in Duschanbe. "So riechen sie nur in Tadschikistan, ich bin wieder daheim", sagt er mit flackernden Augen. In der überdachten Markthalle kommt ein Mann mittleren Alters auf ihn zu, legt seine Hand aufs Herz und verbeugt sich nach östlicher Sitte: "Schön, dass sie wieder da sind."

Am Samstagmorgen landete der Journalist mit einer Tupolew der tadschikischen Fluglinie in der Hauptstadt des zentralasiatischen Landes. "Ich bin zurückgekommen, um hier wieder meine Zeitung herauszugeben", sagt der Journalist am Flughafen in Duschanbe zu einer Handvoll Getreuer. "Ihr habt mit eurem Kommen bewiesen, dass ihr wahre Freunde seit", begrüßt er die Wartenden.

Der 49-jährige Journalist kehrte in einen Staat zurück, dessen Machthaber ihn im Dezember 1992 zur Flucht aus seiner Heimat erst ins Moskauer und dann ins deutsche Exil zwangen. Im Juni 2001 verhaftete ihn die russische Polizei bei einem Zwischenaufenthalt in Moskau während eines Transitflugs von Hamburg nach Usbekistan. Die tadschikische Staatsanwaltschaft forderte wegen Präsidentenbeleidigung die sofortige Auslieferung. "Dank einer internationalen Pressekampagne und der direkten Intervention des deutschen Außenministers Joschka Fischer kam ich jedoch frei", erinnert sich Atovulloev, "eine Auslieferung hätte für mich damals den Tod bedeutet."

"Sie wollten nicht mal meinen Pass anschauen"

Als Journalist und Herausgeber der Zeitung "Tscharogi Ruz" schreibt Atovulloev beharrlich über Korruption, die Drogenmafia und Verstöße gegen die Menschenrechte in Tadschikistan und überzieht den tadschikischen Präsidenten Emomali Rachmonow mit ätzender Kritik. Gründe genug für einen Journalisten aus Tadschikistan, um sein Leben zu fürchten.

Bisher haben die tadschikischen Behörden die Ankunft des unliebsamen Journalisten in Duschanbe ignoriert. Ohne Probleme passiert Atovulloev in Begleitung des ARD-Teams die Passkontrolle am Flughafen in Duschanbe. "Sie wollten nicht mal meinen Pass anschauen", erzählt er. In der grünen Stofftasche, die er mit sich herumträgt, steckt eine Kopie seiner Amnestie. Die tadschikische Staatsanwaltschaft hatte im Mai 2002 die Verfahrenseinstellung gegen den Journalisten wegen Präsidentenbeleidigung und Aufrufs zum Staatsstreich verfügt. "Jetzt werden wir sehen, was dieses Stück Papier für eine Bedeutung hat." Die Kopie der Amnestie und das ARD-Kamerateam wären im Falle einer Verhaftung jedoch sein einziger Schutz. Im Vorfeld erklärte die Deutsche Botschaft in Duschanbe, dass sie die Rückkehr Atovulloevs nicht als ihre Angelegenheit betrachten würde.

Der Tag der Rückkehr des Journalisten fällt mit dem siebten Jahrestag des Friedens zusammen, der den fünfjährigen Bürgerkrieg von 1992 bis 1997 in Tadschikistan beendete. Der tadschikische Präsident Rachmonow gibt an diesem Tage in dem in klassizistischem Stil erbauten Opernhaus in Duschanbe eine Friedensgala. "Dazu bin ich wohl kaum eingeladen", spottet Atovulloev.

Bei der Pressekonferenz klagt Atovulloev schon wieder an

Auf dem Flughafen warten ein schwarzer Mercedes und ein japanischer Jeep auf den heimkehrenden Journalisten. Die Fahrzeuge gehören dem ehemaligen Feldkommandanten der Opposition, Machmadrusi Iskander. Im Bürgerkrieg befehligte er eine Mudschahidin-Einheit in den unzugänglichen östlichen Gebirgsprovinzen des Landes. Nach dem Friedensschluss kehrte er nach Duschanbe als Vorsitzender der Demokratischen Partei Tadschikistans zurück. Sein Kampfanzug und seinen Bart hat Iskandr abgelegt. Jetzt trägt er italienische Anzüge zu spitz zulaufenden Lederschuhen. "Wir werden schon dafür sorgen, dass Dodojon nichts passiert", sagt Iskandr gelassen.

In einer spontan einberufenen Pressekonferenz in der Parteizentrale der Demokratischen Partei Tadschikistans erklärt Atovulloev, dass es von seiner Seite keinerlei Zugeständnisse geben werde. "Die neue Nummer der Zeitung ist fertig und ich will sehen, ob ich sie hier drucken kann." Atovulloev greift wie gewohnt den Präsidenten an: "Die beiden Wahlen 1994 und 1998 waren ein Witz, der Präsident hat bisher keine demokratische Wahl gewonnen." Ein junger tadschikischer Journalist stöhnt: "Allein dieser Satz reicht aus, um gegen ihn wieder ein Verfahren zu eröffnen."

Das gehetzte Leben des quirligen Atovulloev ist eng mit der blutigen Geschichte des zentralasiatischen Staates an der afghanischen Grenze verknüpft. Noch zu Sowjetzeiten gründete er 1990 die erste unabhängige Wochenzeitung in Tadschikistan "Tscharogi Ruz", die sich schnell zur populärsten Gazette etablierte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Unabhängigkeit Tadschikistans schlitterte der zentralasiatische Staat in einen blutigen Bürgerkrieg, in dem mehr als 100.000 Menschen starben.

Clans und Parteien kämpften um die Pfründe in dem neuen Staat. Von Moskau gestützte Freischärler stürzten im Dezember 1992 die von der islamischen Partei der Wiedergeburt dominierte Koalitionsregierung in Duschanbe und etablierten Rachmonow als neuen Präsidenten Tadschikistans.



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