Tag 1 Mauer statt Arafat

Von Henryk M. Broder


Wo der grüne Schützenpanzer des Bundesgrenzschutzes (BGS) steht, da geht es auch nach Israel, Halle C am Flughafen Schönefeld. Bald kann der BGS abrücken, denn El Al stellt die Direktflüge von Berlin nach Tel Aviv erst mal ein. Wer will schon freiwillig in ein Gebiet reisen, in dem die Krise der Normalzustand und der Krieg die Steigerung der Krise ist?

An Bord des El-Al-Fluges 352 sind fast nur Israelis, die nach Hause wollen, wie Ilya, 29, der vor zwölf Jahren mit seinen Eltern aus Lemberg nach Israel eingewandert ist. Er war drei Monate in Berlin, hat russische Freunde besucht und sich nach Jobs umgesehen. Denn Ilya ist, wie viele junge Russen in Israel, ein Computer- und Software-Spezialist. Es gibt genug Arbeit in Israel, aber in jedem anderen Land würde er nicht nur mehr verdienen, sondern auch ruhiger leben, ohne die Aussicht, eines Tages vom Reservedienst nicht heimzukommen. Dabei hat er nichts gegen die Palästinenser. Israel, meint er, sollte die besetzten Gebiete räumen und dann "eine Mauer entlang der Grenze bauen, statt mit Arafat zu verhandeln".

"Maariv", die zweitgrößte Zeitung Israels, hat eine ähnliche Idee. In einer ganzseitigen Anzeige lässt sie Arafat fragen: "Glaubt Ihr noch immer, dass es möglich ist, mit mir Frieden zu schließen?" Die Leser werden aufgefordert, die Homepage von "Maariv" anzuwählen und dann Ja oder Nein anzuklicken. Über zwei Drittel entscheiden sich für Nein.

Über Tel Aviv scheint die Sonne, vom Flughafen kann man mit bloßem Auge die judäischen Berge sehen. Eine liebliche Landschaft, geladen mit palästinensischen Dörfern und israelischen Siedlungen. Ein Glück, dass man die Schüsse, die an diesem Tag abgefeuert wurden, am Airport nicht hören kann. Hier gibt es auch Erfreuliches. Zum Beispiel eine Öko-Anlage auf dem Herrenklo vor der Passkontrolle. "Sie benutzen ein wasserloses Urinal. Dieses Urinal spart 100.000 Liter Wasser pro Jahr." Kleine Schilder in vier Sprachen - Hebräisch, Englisch, Russisch und Arabisch - klären den Benutzer über die High-Tech-Installation auf.

Hinter der Passkontrolle wartet Natan. "Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht", ruft er von weitem. "Zuerst die gute: Das Benzin wird billiger. Und die schlechte: Es gibt bald keines mehr. Die Tankwagenfahrer streiken."



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