Tag 12 Mit Clara nach Kuala Lumpur

Von Henryk M. Broder


Der einfachste Weg, das Land zu verlassen, ohne weit fahren zu müssen, sagen die Jerusalemer, ist eine Fahrt nach Tel Aviv. Die "heilige Stadt" ist das Reich Gottes auf Erden, die Menschen leben zwischen Kirchen, Moscheen und Synagogen; Tel Aviv dagegen ist eine weltliche Metropole, deren Bürger sich in die Geschäfte des Herren nicht einmischen.

Dabei liegen zwischen den beiden Städten nur 60 Kilometer. Man fährt eine knappe Stunde und ist in einer anderen Welt. Doch manchen Jerusalemern ist das nicht genug. Clara, eine französische Jornalistin und mit einem Israeli verheiratet, lebt seit 30 Jahren in Jerusalem und muss "immer wieder raus, um nicht zu ersticken". Denn natürlich nimmt sie der Nahostkonflikt ganz furchtbar mit. Jeden Tag schreibt sie über Palästinenser, die israelische Stellungen angreifen und Israelis, die auf palästinensische Demonstranten schießen.

Und das ist nicht nur eine schlimme Strapaze, sondern auch eine psychische Belastung. Wer ist im Recht, wer ist im Unrecht? Wie könnte man den Konflikt lösen? Sie würde die Wirklichkeit lieber verändern, statt sie nur zu beschreiben. Aber das geht nicht. Und deswegen muss sie eben "immer wieder raus", weiter weg als nur nach Tel Aviv. Letzten Herbst war Clara drei Wochen in der Karibik, auf Aruba; in der Dominikanischen Republik, auf Kuba, Curacao, den Bahamas, Sri Lanka, Trinidad und Tobago war sie auch schon. Als sie Mitte November wieder kam, ging es ihr "richtig gut", aber nur "drei, vier Wochen"; seit Mitte Dezember denkt sie wieder darüber nach, wohin sie als nächstes fahren könnte.

Jetzt hat sie einen Flug nach Kuala Lumpur gebucht, die Hauptstadt Malaysias. "Sind da nicht die Wallerts neulich entführt worden?", frage ich. "Nein, das war viel weiter östlich, auf den Philippinen", in Malaysia würde so etwas nicht passieren, außerdem reise sie mit einem französischen Pass. Der Flug kostet nur 700 Dollar, mit der Royal Jordanian, direkt von Amman nach Kuala Lumpur.

"Und wie kommst du nach Amman?" Auch mit der Royal Jordanian, von Tel Aviv nach Amman in nur 20 Minuten. So hat der Nahostkonflikt auch seine schönen Seiten. Als Israeli kann man nicht gefahrlos von Jerusalem nach Jericho und als Palästinenser nicht ungehindert von Betlehem nach Jenin reisen, aber mit dem richtigen Pass gibt es eine prima Verbindung bis nach Kuala Lumpur. Lästig ist nur, dass man von Jerusalem erstmal nach Tel Aviv muss, denn Jerusalem hat auch einen Flughafen, er liegt auf halbem Wege nach Ramallah, mitten in der Kampfzone also, und da kommt man derzeit viel schwerer hin als von Tel Aviv über Amman nach Kuala Lumpur.



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