Tag 13 Der Löwe kämpft und der Geier wartet ab

Von Henryk M. Broder


Wenn die Teletubbies mal erwachsen sind, werden sie so aussehen wie Arik Scharon. Oder andersrum: Arik Scharon, inzwischen 73, ist der Urvater aller Teletubbies: Er bewegt sich wie sie, er spricht wie sie, er guckt wie sie. Dabei ist er nicht mal unsympathisch. Er lispelt beim Sprechen und wenn er einen direkt fixiert, dann schaut das rechte Auge nach rechts und das linke nach links, als wollte er einen mit dem Blick umarmen.

Für sein Alter und sein Gewicht ist er in keiner schlechten Verfassung, beim Zuhören wirkt er konzentriert, nur wenn er spricht, merkt man, dass er Mühe hat, mehr als zwei kurze Gedanken miteinander zu verknüpfen. Das soll der gefährlichste, unberechenbarste, brutalste Politiker des Landes sein? Der Mann, der im Sommer 1982 in den Libanon einmarschierte und im Februar 1983 als Verteidigungsminister abgesetzt wurde, nachdem eine Kommission festgestellt hatte, er sei mitverantwortlich für die Ermordnung von über 800 Palästinensern in den Lagern Sabra und Schattila durch christliche Phalangisten, damals die Verbündeten der Israelis?

In ganz Israel gibt es keine Kreide mehr zu kaufen, Arik Sharon hat alle Vorräte aufgefressen. Er spricht von Frieden und von Sicherheit, von Sicherheit und von Frieden, und dass er als Ministerpräsident das eine wie das andere garantieren werde. Und der Likud, tönt wie der politische Arm der Heilsarme: "Nur Scharon bringt uns den Frieden!" oder "Arik Scharon, der Führer zum Frieden!", was im Hebräischen noch schöner klingt, weil es sich reimt: "Arik Scharon / manchig l schalom!"

Arik kommt von Ariel, und Ariel bedeutet Löwe. Israelis halten viel von Symbolen. Wenn Scharons Vorname Hase wäre, hätte er als Politiker keine Chance. "Arik wird der König von Israel!", schreit ein zahnloser Mann auf der Straße, als Scharon den Bürgermeister der Stadt Nahariya an der Grenze zum Libanon besucht. "Wir begrüßen den Ministerpräsidenten von Israel!", ruft der Vorsitzende der Likud-Ortsgruppe ein wenig später bei einem Treffen im Hotel Carlton, in dem es so aussieht und riecht wie früher in einem Interhotel in Magdeburg. Und dann spricht der Löwe wieder von Frieden und Sicherheit, Sicherheit und Frieden. Und dass er den Israelis die Selbstachtung wiedergeben wird, die Ehud Barak verspielt hat.

Zur Zeit führt Scharon vor Barak mit 40 zu 20 Prozent. 24 Prozent sind noch unentschieden, 16 Prozent wollen nicht wählen gehen. Die Wahl des Ministerpräsidenten scheint klar. Es sei denn, die Arbeitspartei tauscht im letzten Moment ihren Kandidaten aus. Schimon Peres führt in den Umfragen gegen Arik Scharon mit 39 zu 37 Prozent. Er hat zwar noch nie eine Wahl gewonnen, aber diesmal hätte er vielleicht eine Chance. Immerhin ist auch er schon 77 und trägt einen Namen aus der Welt der großen Tiere: Peres - der Geier.



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