Tag 15 Schlechte Zeiten für gute Geschäfte

Von Henryk M. Broder


Durch das Jaffa-Tor müssen alle durch. Rechts geht es in das armenische und das jüdische Viertel, links in das christliche und geradeaus in das moslemische. Die ganze Altstadt ist einen Quadratkilometer groß - es gibt Parkplätze an amerikanischen Shopping-Malls, die größer sind -, und auf dieser Fläche leben etwa 20.000 Menschen: christliche und moslemische Araber, Armenier und Juden. Zur Zeit schaut alle Welt auf die Altstadt von Jerusalem, weil sie allen heilig ist.

Praktisch bedeutet das: Die Gläubigen kommen zum Beten, die Touristen zum Schauen, und diejenigen, die hier wohnen und ihre Geschäfte haben, kämpfen im Sommer mit der Hitze, im Winter mit der Kälte und das ganze Jahr über mit der Müllabfuhr. Das verbindet, und deswegen gab es in der Altstadt weniger hässliche Vorfälle als anderswo.

Und jetzt gehört die Altstadt ganz ihren Einwohnern. Die Besucher bleiben weg. Am Jaffa-Tor stehen ein paar Russen und trinken sich Mut an, sie sehen wie Gastarbeiter aus, könnten aber auch arglose Touristen sein, die zum Einkaufen nach Israel gekommen sind. Das Abu Saif Restaurant und das Café Lido sind vollkommen leer, das New Imperial Hotel, bei Rucksack-Touristen sehr beliebt, ist geschlossen, das Internet-Café im selben Haus ebenso. Gleich um die Ecke im Nafoura-Restaurant steht ein verzweifelter Besitzer hinter der Theke und zählt seine Gäste. "Heute waren es fünf, gestern kam überhaupt niemand. Das Geschäft ist um über 90 Prozent zurückgegangen." Er hat erst 1999 aufgemacht und mit viel Aufwand einen verwahrlosten Platz an der Innenseite der Altstadtmauer in ein schönes Lokal umgebaut, in dem man gut essen konnte. Hierher kamen alle: Israelis und Palästinenser, Christen, Juden und Moslems. Wie lange ist das her? Keine vier Monate.

Am Aftimos Square, im Zentrum des christlichen Viertels, dasselbe Bild: Leere Cafés und Geschäfte, deren Besitzer vor der Tür sitzen und Wasserpfeife rauchen. "Ich weiß nicht mehr, wann ich zuletzt was verkauft habe", sagt Jaser Barakat. Er bietet in seinem Geschäft alte palästinensische Stickereien, antiken Schmuck und Litographien von David Roberts aus dem 19. Jahrhundert an. "Wir wollen den Frieden", sagt er, "aber wann hat es in Jerusalem schon Frieden gegeben?" Jedenfalls nicht, so lange er sich erinnern kann, und das sind immerhin fast 60 Jahre. Auf dem Rückweg zum Jaffa-Tor kaufe ich mir die letzte Ausgabe der "Jerusalem Times", der einzigen palästinensischen Wochenzeitung in englischer Sprache. Auf Seite 2 sucht die Heinrich-Böll-Stiftung einen Mitarbeiter für ihr Ramallah-Büro, und der British Council in Ost-Jerusalem bietet Arabisch-Kurse an. Daneben steht ein Artikel mit den Ergebnissen einer Umfrage: 72 Prozent der Palästinenser sind für militärische Aktionen gegen Israel, 66 Prozent befürworten den Einsatz von Selbstmordkommandos. Allerdings: Nur 26 Prozent haben Vertrauen zu Jassir Arafat, und 32 Prozent trauen überhaupt keinem palästinensischen Führer. - Sieht aus, als würden die Einwohner der Altstadt noch eine Weile unter sich bleiben.



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