Tag 17 Mit dem Rücken zur Wand und dem ABC-Set im Schrank

Von Henryk M. Broder


Jetzt wird's ernst! Vorgestern hat der Wahlkampf in Israel richtig begonnen. Barak und Scharon zeigen ihre Werbespots im Fernsehen, um 19.35 Uhr im zweiten (kommerziellen) und um 21.35 Uhr im ersten (öffentlich-rechtlichen) Programm.

Dies ist normalerweise der witzigste Teil in jedem Wahlkampf, wenn drei bis vier Dutzend Parteien an den Start gehen und jede Interessengruppe - die Rentner, die Autofahrer und die Veteranen - sich als politische Partei präsentiert. Doch diesmal wird nicht das Parlament gewählt, sondern nur der Ministerpräsident.

Scharon tritt gegen Barak an, es ist ein Zweikampf wie in einem Western. Der Gute gegen den Bösen. Leider gibt Scharon, im Vertrauen auf ein kurzes Gedächtnis der Wähler, den Guten, während Barak in der Ecke des Schurken steht, der um sein Überleben kämpft.

Scharon spielt die Rolle seines Lebens: Er ist das militärische Genie, der tüchtige Farmer und der gute Opa, der seine Enkel liebt. Er werde, verspricht er, "den Frieden bringen", leider sagt er nicht, wie er es anstellen wird. Dazu dudelt eine Ohrwurm-Melodie ("Arik Scharon - der Führer zum Frieden!") und dynamische junge Menschen erklären, warum sie einen 73-jährigen Pensionär wählen werden.

Barak dagegen agiert nach dem Motto von Herbert Achternbusch: Du hast keine Chance, aber nutze sie. Er kämpft mit dem Rücken zur Wand. Wenn er in den vergangenen anderthalb Jahren so aufgetreten wäre, gäbe es jetzt keine Neuwahlen. Er redet Tacheles, was er getan und was er versäumt hat. Er habe viel dazu gelernt, es sei ein Fehler gewesen, mit der orthodoxen Schas-Partei zu koalieren; er würde auch lieber mit Schweden oder Norwegern statt mit Arafat verhandeln, aber "wir leben nun mal hier und können uns unsere Gegner nicht aussuchen".

Und dann tritt Schimon Peres auf und sagt, warum er Barak unterstützt. Er tut es aber mit einem Gesicht, als habe man ihn vor die Kamera geprügelt. Denn eigentlich würde Peres gern selber kandidieren. Barak wird nicht nur gegen Scharon, sondern auch gegen seine eigene Partei verlieren. In der ganzen Aufregung wäre beinah vergessen worden, dass vor genau zehn Jahren der Golf-Krieg begann, mit einem Angriff der Alliierten auf Bagdad, worauf dann irakische Scud-Raketen in Tel Aviv einschlugen. Allah sei Dank haben wenigstens die Palästinenser daran gedacht und in Gaza mal wieder für Saddam Hussein demonstriert. Weil sie sonst keine anderen Sorgen haben und die Israelis ärgern wollen. Bravo!

Und wie es der Zufall will, habe ich beim Aufräumen einen Brief gefunden, den ich Ende März 1998 (!) von der deutschen Botschaft in Tel Aviv bekommen habe. Darin heißt es, die Lage in der Region habe sich "glücklicherweise wieder entspannt, wir bitten Sie daher, die im Rahmen der Krisenvorsorge ausgegebenen ABC-Schutzmasken-Sets in der Botschaft zurückzugeben". Die Bitte ist mit dem Hinweis verbunden, "dass im Falle der Nicht-Rückgabe Kosten in Höhe des Wiederbeschaffungswertes eingefordert werden müssen". - Bis jetzt hab ich weder das ABC-Set zurückgegeben noch eine Rechnung bekommen. Ich vermute, die deutsche Botschaft wartet ab, wie sich die Lage in der Region entwickelt.



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