Tag 3 Yoram und die Königin

Von Henryk M. Broder


Deutsche und israelische Intellektuelle haben einiges gemeinsam. Sie werden nicht gehört, versuchen trotzdem immer wieder, sich Gehör zu verschaffen. Dabei sind die Israelis besser dran: Ihnen geht es um Krieg und Frieden, Leben und Überleben, den deutschen Kollegen nur um die Rechtschreibreform und die Kultursubventionen.

Jetzt haben sich wieder 33 israelische Vor- und Nachdenker zusammengetan und einen offenen Brief geschrieben, diesmal nicht an das eigene Volk oder die eigene Regierung, sondern "An die palästinensische Führung". Zu den prominenten Unterzeichnern gehören die Schriftsteller A.B. Yehoshua und Amos Oz, alte "Peace Now"-Aktivisten wie Arie Eliav und Galia Golan, hohe ehemalige Militärs wie Meir Pail und Mordechai Bar-On, die Tochter von Mosche Dajan, Yael Dajan, und ein Mann namens Itzhak Frankenthal, der bei einem Anschlag einen Sohn verloren und die Initiative "Trauernde Eltern für den Frieden" gegründet hat.

Sie alle rufen die palästinensische Führung auf, "in dieser kritischen Stunde die Verhandlungen zu einem positiven Ende zu bringen" und ein Friedensabkommen zu unterzeichnen. Es spricht wenig dafür, dass die Palästinenser sich den Aufruf zu Herzen nehmen. Es handelt sich mal wieder um ein Projekt, das vor allem seinen Urhebern das angenehme Gefühl verschaffen soll, etwas für den Frieden getan zu haben. Und wie immer gibt es einige, die nicht mitmachen durften.

Yoram Kanjuk sitzt in seiner Tel Aviver Wohnung und grollt vor sich hin. "Ich bin nicht einmal gefragt worden." Kanjuk, 1930 in Tel Aviv geboren - der Vater war aus Österreich nach Palästina gekommen, die Mutter aus Russland - hat 20 Bücher ("Bekenntnisse eines guten Arabers", "Adam Hundesohn") geschrieben, die in 22 Sprachen übersetzt wurden; und er hat sich wie kaum ein anderer für ein Ende des Konflikts eingesetzt. Mitte der achtziger Jahre initiierte er einen "Friedensvertrag" zwischen israelischen und palästinensischen Schriftstellern, der feierlich in Ramallah unterschrieben wurde - Jahre vor dem Abkommen von Oslo. "Damals waren wir der Zeit voraus, jetzt laufen wir hinterher."

Kanjuk, der sich als 17-Jähriger freiwillig zur Armee meldete, mag nicht mehr kämpfen, weder gegen die Araber noch für den Frieden. "Ich bin kein Prophet, aber ich habe die Situation kommen sehen. Wir erleben den Moment der Wahrheit, und das ist erst der Anfang." Trotzdem schreibt er weiter, allerdings nicht über Araber, nicht über Juden, sondern über ein wirklich wichtiges Thema: "Meine Beziehung mit Königin Elisabeth." Der Titel des Romans steht schon fest: "The Queen and I".



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