Tag 4 Die Pudelmütze mit der Taschenlampe

Von Henryk M. Broder


Wenn es in Jerusalem regnet, ist es so gemütlich wie in Königswinter bei Hochwasser. Sogar die Luft ist klamm, und man hat nur die Wahl zwischen zugigen Imbissständen und total überheizten Cafés, in denen die Luft rationiert wird. Die Stadt wurde für den Sommer gebaut, im Winter macht der liebe Gott Ferien am Roten Meer.

Also auf zu Gad, bei dem es immer schön geheizt ist und ein Topf mit Suppe auf dem Herd steht. Gad wurde 1915 in Rheinsberg geboren, wanderte 1936 nach Palästina aus und lebt seit über 40 Jahren in derselben Wohnung - genau gegenüber der Residenz des Präsidenten. Ich parke mein Auto vor Gads Haus, vom Treppenhaus im ersten Stock sehe ich, wie ein Mann mit einer Pudelmütze auf dem Kopf mit einer Taschenlampe in meinen gemieteten Punto leuchtet. "Suchst du etwas bestimmtes?" Die Pudelmütze macht die Lampe aus und folgt mir ins Haus. "Kann ich deinen Ausweis sehen?" Er sieht sofort, dass es ein deutscher Personalausweis ist, merkt aber nicht, dass der schon lange abgelaufen ist.

"Ich wünsche dir einen schönen Abend." Gad kennt den Mann aus der Security-Truppe des Präsidenten. "Mich hat er neulich auch angehalten. Ich hab ihm gesagt: 'Ich weiß, wer du bist. Und du solltest allmählich wissen, wer ich bin. Ich wohne hier schon länger als dein Chef.'" Nach den letzten Anschlägen wären alle "ein wenig nervös". Nur Gad ist die Ruhe selbst, seit er aufgehört hat, Nachrichten zu hören.

Stattdessen schaut er abwechselnd Sat.1 und 3sat und ist böse auf die Jerusalemer Kabelgesellschaft, die letztes Jahr RTL aus dem Angebot genommen hat. Deswegen hat er "Big Brother" nicht mitbekommen und befürchtet, dass Verona Feldbusch geheiratet hat. Die Quiz-Show mit Jörg Pilawa ist derzeit sein Lieblingsprogramm. Als Tanja aus Wilhelmshaven gefragt wird: "In welchem Takt wird der Wiener Walzer getanzt?", schlägt Gad die Hände über dem Kopf zusammen. "Das ist ja wie beim Kindergeburtstag!"

Gads kleine Dachwohnung gegenüber der Residenz des Präsidenten ist nicht nur eine Festung der deutschen Kultur in Jerusalem, sondern auch eine konfliktfreie Zone. Nur gute Witze sind erlaubt. Wie dieser: Treffen sich ein Palästinenser und ein Israeli. Sagt der Palästinenser: "Wir werden bald unseren eigenen Staat haben, mit allem, was dazu gehört: Armee, Polizei, Justiz, Steuereintreibern und korrupten Politikern." - "Damit schlagen wir uns schon seit 50 Jahren herum", seufzt der Israeli. Darauf der Palästinenser: "Ja, aber bei euch ist das Ende immerhin schon absehbar."



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