Tag 5 Sushi am Montag

Von Henryk M. Broder


Wenn man mitten in der Stadt mühelos parken kann und auf der Bank nicht warten muss, dann läuft irgendwas schief. Jerusalem war im Januar noch nie eine touristische Mega-Attraktion, aber so leer wie in diesen Tagen war die Stadt lange nicht mehr. Die Jerusalemer bleiben weitgehend unter sich, man erkennt sie daran, dass sie dicke Winterjacken und Mützen tragen, weil sie damit rechnen, dass es jeden Moment zu schneien anfängt.

Die wenigen Besucher fallen vor allem dadurch auf, dass sie vollkommen falsch angezogen sind - als wären sie in der Sommerfrische am Meer und nicht auf fast 1000 Meter Höhe. Also bleiben sie in der Hotel-Lobby sitzen und freuen sich über den Service: Auf jeden Gast kommt ein Kellner.

Das Jerusalem Hilton, Ende 1997 eröffnet, liegt genau gegenüber der Altstadt, ein Protzbau mit 384 Zimmern, wie ihn die Amerikaner lieben: außen Las Vegas, innen Kuweit. Bis zum Herbst lag die Auslastung bei 70 bis 90 Prozent, seit Beginn der Unruhen sind es 20 bis 40 Prozent.

Um Gäste anzulocken, gibt es jeden Montag ein Sushi-Büfett, jeden Dienstag ein brasilianisches Menü und jeden Donnerstag eine Wein- und Käse-Tafel. "Wir beten, dass es bald besser wird", sagt die PR-Frau. Denn in Jerusalem sind Unterhaltungen mit Gott Ortsgespräche, aber oft kommt keine Verbindung zu Stande.

Nebenan im King David Hotel - die gleiche Situation, wenn nicht noch ärger. Das King David ist mit seinen 240 Zimmern und Suiten noch immer das edelste Hotel der Stadt; als es 1931 von einer jüdisch-ägyptischen Bankier-Familie erbaut wurde, hat man die Lebensmittel noch mit dem Zug von Kairo nach Jerusalem gebracht. Alle amerikanischen Präsidenten haben hier logiert, auch Georgiens Eduard Schewardnadse, Argentiniens Carlos Menem und Österreichs Wolfgang Schüssel waren mal da.

Jetzt wäre man über eine Gruppe von Neckermann-Touristen auch schon froh. Die Lobby ist leer, im Café mit dem Panorama-Blick auf die Altstadt laufen nur die Kuchen-Hostessen auf und ab.

Gegenüber dem King David steht seit 1933 das Haus des YMCA, sein phallischer, 50 Meter hoher Turm war bis in die siebziger Jahre das höchste Gebäude der Stadt. Letztes Jahr lag die Auslastung bei etwas mehr als 50 Prozent, im Dezember 2000 waren es gerade 20 Prozent, "und im Januar wird es noch weniger werden", sagt der Direktor, ein christlicher Araber aus Ost-Jerusalem. Deswegen hat man die Preise halbiert, ein Einzelzimmer kostet nur noch 60 Dollar, ein Doppelzimmer 75 Dollar, Frühstück und Blick vom Turm inklusive. Man bekommt die Schlüssel an der Rezeption und kann sich eines der 56 Zimmer aussuchen. Das YMCA ist für alle da, aber nur wenige Freiwillige melden sich.



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