Tag 6 Wunder der Wirklichkeit

Von Henryk M. Broder


Ben Gurion soll mal gesagt haben: "Wer nicht an Wunder glaubt, der ist kein Realist." Mit Wundern haben die Israelis viel Erfahrung, nur mit der Realität tun sie sich schwer. Golda Meir kannte kein "palästinensisches Volk", unter Begin und Shamir gab es keine "besetzten Gebiete", nur "Judäa, Samaria und Gaza", respektive "die Gebiete".

Dann wurde die sogenannte "jordanische Option" aufgetischt. Es gelang den Israelis, sich selbst davon zu überzeugen, daß König Hussein von Jordanien die "Westbank" wieder übernehmen würde; vielleicht auch Gaza, das bis 1967 von Ägypten verwaltet wurde. Aber König Hussein war nicht interessiert, und auch die Palästinenser wollten von der "jordanischen Option" nichts hören. Unter Jizchak Rabin und Bibi Netanjahu kam es dann endlich zu einem Dialog, aber nicht mit den Palästinensern, sondern über sie. Der Likud und die Arbeitspartei verhandelten miteinander über eine gemeinsame Haltung gegenüber den Palästinensern. Die schauten amüsiert zu und sagten, sie wollten sich nicht in innerisraelische Angelegenheiten einmischen, aber es wäre nicht schlecht, wenn die Israelis erst mal klären würden, was sie möchten, bevor sie den Palästinensern Angebote machten. Die jetzige Situation ist auch das Ergebnis einer beharrlichen Politik der Selbsttäuschung und des Wunschdenkens.

Erst seit 1993, seit dem Abkommen von Oslo, rückt die Wirklichkeit in den Vordergrund. Aber die alten Mechanismen funktionieren noch immer. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Schimon Peres, Minister für regionale Zusammenarbeit und derzeit ziemlich arbeitslos, ist vor kurzem nach Marokko geflogen, um König Mohammed VI zu überreden, er möge Jassir Arafat ermutigen, Bill Clintons Vorschläge anzunehmen. Peres könnte Arafat auch direkt anrufen und ihm sagen: "Jassir, laß den Quatsch, früher oder später werden wir uns ohnehin einigen müssen." Aber das wäre zu einfach.

Es ist wie in dem Witz von dem Rabbi, der einen Sohn bekommt und nicht weiß, ob er dessen Geburt zurückdatieren oder mit der Anmeldung noch ein Jahr warten soll. Er fragt seine Frau, was für das Kind besser wäre. Die sagt: "Melde ihn doch mit dem richtigen Datum an." - "Komisch", sagt der Rabbi, "auf diese Idee bin ich gar nicht gekommen". So funktionieren die Israelis. Leider ticken die Palästinenser genau so. Und deswegen kommen sie so gut miteinander aus.



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