Tag 7 Humus bei Abu Shukri in Abu Gosh

Von Henryk M. Broder


Ja, es gibt noch ein Leben neben dem Kampf ums Überleben, der den Alltag der Israelis bestimmt. Gefragt, was denn die größten Tragödien des vergangenen Jahres gewesen wären, antworteten die Leser des Teenie-Magazins der Tageszeitung "Maariv": Der Tod der Sängerin Ofra Haza; das Verhalten des Parlaments und der Regierung; das Ende des Friedensprozesses; die Absage der Reise von Brad Pitt nach Israel.

Die Rangfolge der Tragödien zeugt von großer politischer Reife. Die Israelis sind, wenn man sie lässt, Pragmatiker. Weil es im Land keine Zivilehe gibt, heiraten viele auf Zypern. Und wenn die Sabbat-Ruhe das öffentliche Leben in Jerusalem lahm legt, wenn die Religiösen mit ihren Kinderwagen auf den Straßen flanieren und die Kreuzungen besetzen, dann fahren die normalen Jerusalemer nach Abu Gosh, ein arabisches Dorf zehn Kilometer westlich vom Stadtzentrum an der Autobahn nach Tel Aviv.

Abu Gosh kommt schon bei Mark Twain vor. Er beschreibt die Einwohner als Wegelagerer, die von den Reisenden, die nach Jerusalem wollen, Wegezoll erpressen. Und das tun die Leute aus Abu Gosh noch immer, nur auf eine kluge, freundliche und leckere Art. Sie bewirten ihre Gäste und nehmen dafür Geld. Gleich am Ortseingang im "Lebanese Food Restaurant", etwas weiter bei "Abu Fuad", gegenüber im "Abu Gosh Restaurant" und im "Caravan Inn". Überall gibt es praktisch das gleiche Essen und überall sitzen Israelis und tafeln, als wären sie eben 40 Jahre ohne Essen und Trinken durch die Wüste gelaufen.

Im historischen Ortskern, dem Merkas, gibt es gleich vier Lokalitäten im Umkreis von zwanzig Metern: "Abu Amar", "Abu Shukri", "Naji" und den "Village Sweets Coffee Shop", eine Halle voller Kalorienbomben. Den besten Humus (Kichererbsenbrei) gibt es bei "Abu Shukri". Und weil alle 24 Plätze drinnen besetzt sind, sitzen die Gäste bei 10 Grad Celsius auch draußen an drei Plastiktischen.

Wie viele Menschen leben in Abu Gosh? "Siebentausend", sagt der junge Mann, der den Humus bringt, ein Verwandter des Besitzers. Die meisten sind Moslems, einige sind Christen, alle sind Palästinenser und seit 1948 Bürger Israels. Und am Wochenende kommen Zigtausende von Juden dazu. In Abu Gosh gab es keine Intifada, wurden nie Steine auf vorbeifahrende Autos geworfen. Gutes Essen ist offenbar auch eine gute Basis für friedliche Koexistenz.

In zehn Minuten sind wir wieder zurück in Jerusalem. Vor dem Sitz des Ministerpräsidenten liegen Siedler aus der Westbank im Hungerstreik. Sie sollten besser nach Abu Gosh fahren und Humus bei Abu Shukri bestellen.



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