Tag 8 Mokka oder Mekka?

Von Henryk M. Broder


Es sind reizende ältere Damen, die unter anderen Umständen Kleider für bedürftige Kinder sammeln oder Nachbarschaftsfeste organisieren würden. Aber sie haben Wichtigeres zu tun. Sie demonstrieren gegen den Friedensprozess, gegen die drohende Teilung Jerusalems und für eine Politik der starken Hand gegenüber den Palästinensern.

Sie stehen an der Kreuzung King George/Ramban und halten den Autofahrern selbst gemalte Plakate entgegen. "It's not peace, it's piece by piece", "Der Vertrag von Oslo ist tot!", "Der Tempelberg gehört uns!", "Es gibt kein Haus ohne einen Berg!" - Ein Plakat glänzt mit einem Wortspiel: "Jerusalem für die Juden, Mokka für die Araber!" - "Wie meint ihr das", frage ich die Frau, die das Plakat hält, "sollen Araber keinen Tee trinken dürfen?" Sie schaut mich an, als hätte ich sie zu einem Ausflug nach Gaza eingeladen. "Es heißt nicht Mokka, es heißt Mekka!" - Im Hebräischen werden die Vokale nicht ausgeschrieben, das kann zu Missverständnissen führen. Es ist, als ob man im Deutschen Hnd schreiben und es dem Leser überlassen würde, ob es Hand oder Hund bedeuten soll.

Also, die Araber sollen sich nach Mekka verdrücken, die Juden um Jerusalem kümmern. Und deswegen versammeln sich am nächsten Abend vor der Altstadtmauer über 100.000 nationalgesinnte Israelis zu einer Massendemo unter dem Motto: "Jerusalem, ich schwöre..." Es werden patriotische Lieder gespielt, Gruppentänze getanzt und Kampfreden gehalten.

Der Jerusalemer Bürgermeister Ehud Olmert sagt, man werde sich von Präsident Clinton nicht unter Druck setzen lassen. Jerusalem bleibe auf ewig die ungeteilte Hauptstadt Israels und des jüdischen Volkes. Die Demo wurde nicht als politische Kundgebung angemeldet, sie hat was von einem Betriebsausflug an sich, dessen Teilnehmer sich gegenseitig zurufen: "Sind wir heute nicht toll drauf?"

Die Heiterkeit ist zwanghaft, die gute Laune ansteckend wie Schnupfen. Ist es das eigentliche oder das andere Israel, das sich hier selbst feiert? Kurz vor zehn werden die Nationalhymne und das Lied "Jerusalem aus Gold" gesungen. Dann ist die Kundgebung vorbei. Bei Temperaturen um acht Grad erreicht der Patriotismus seine natürliche Schmerzgrenze.

Auch die reizenden alten Damen packen ihre Plakate ein. Morgen werden sie wieder an der Kreuzung King George/Ramban stehen und in Richtung Mekka gucken.



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