Chang An-le Taiwans Gangster-Politiker

Er war Anführer des größten Verbrechersyndikats in Taiwan und stand auf der Liste der meistgesuchten Kriminellen. Nun mischt Chang An-le die Politik in seiner Heimat auf. Seine Methoden sind die alten: Einschüchterung und Gewalt.

AFP

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Hamburg/Taipeh - Als Chang An-le am 29. Juni 2013 nach 17 Jahren im Exil nach Taiwan zurückkehrte, kam es am Flughafen zu einem großen Aufmarsch. Der damals 65-jährige Taiwaner ist Gründer und Präsident der "Partei zur Förderung der chinesischen Wiedervereinigung". Mehrere hundert Unterstützer warteten vor dem Songshan Airport in Taipeh; "Willkommen, Präsident" prangte auf den Schildern, die sie in die Luft streckten. Da Chang aber jahrelang die größte taiwanische Triade angeführt und auf der Liste der zehn meistgesuchten Kriminellen Taiwans gestanden hatte, warteten am Flughafen auch 600 Polizisten und eine SEK-Einheit.

Kurz nachdem ihm Polizisten am Flughafen Handschellen angelegt hatten, zückte Chang eine blaue Broschüre, um damit die Fessel vor den Blitzlichtern der Fotografen zu verbergen. "Friedliche Wiedervereinigung" und "Ein Land, zwei Systeme" war auf dem Heftchen zu lesen. Die Vereinigung der Volksrepublik China mit der Republik China, wie Taiwan offiziell heißt, ist der Kern von Changs politischem Programm.

17 Jahre auf der Flucht

Bekannt wurde Chang 1984 als Mitglied der taiwanischen Triade Bamboo Union. Das Verbrechersyndikat erschoss auf Geheiß des taiwanischen Geheimdienstes den in den USA lebenden Publizisten Henry Liu. Dieser hatte eine kritische Biografie des damaligen taiwanischen Präsidenten geschrieben. Da die Attentäter bei ihrer Rückkehr nach Taiwan verhaftet wurden, machte Chang, einer der ranghöchsten Anführer der Triade mit dem Spitznamen "Weißer Wolf", die Absprache des Geheimdienstes mit den Gangstern öffentlich. In der Folge saß Chang, der auch die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, rund zehn Jahre in einem US-Gefängnis. 1995 wurde er nach Taiwan ausgeliefert, bevor er 1996 vor den Behörden nach China floh.

Dort betätigte sich Chang als Geschäftsmann und gründete 2005 aus der Ferne die "Partei zur Förderung der chinesischen Wiedervereinigung". Nach eigenen Angaben kommt die Partei im etwa 23 Millionen Einwohner zählenden Taiwan auf 20.000 Mitglieder und 75 Niederlassungen. Zwar gilt die Mitgliederzahl als frisiert. Doch könnte die Partei, mit der Chang an der nächsten Präsidentschaftswahl teilnehmen möchte, zum Problem für die taiwanische Demokratie werden.

Schont die Justiz den Ex-Gangster?

Wenige Stunden nachdem Chang im Juni 2013 in Taipeh festgenommen worden war, ließen ihn die Behörden gegen die Kautionssumme von einer Million Taiwan-Dollar - rund 24.000 Euro - wieder laufen. In einem Leitartikel warf die "Taipei Times", eine der drei größten englischsprachigen Tageszeitungen des Landes, der Justiz daraufhin vor, den Ex-Gangster mit Samthandschuhen anzufassen. Als freier Mann tingelt Chang seither durch taiwanische Talkshows und beteuert, dass sein Parteiposten ein Ehrenamt sei und er nur das Wohl der nächsten Generation im Sinn habe. Im Oktober schien sich schließlich zu bewahrheiten, was der Leitartikel der "Taipei Times" schon im Juli vorausgesagt hatte: dass mit Chang auch Gewalt in die taiwanische Politik einziehen würde.

Im Herbst 2013 kam es zu Protestaktionen, bei denen Demonstranten den taiwanischen Präsidenten Ma Ying-jeou, der als prochinesisch gilt, mit Schuhen bewarfen. Kurzerhand erklärte Chang, er werde 2000 Parteianhänger damit beauftragen, den Präsidenten zu beschützen. Die Demonstrationen gingen weiter. Im Verlauf der Aktionen zitierte Chang die Protestveranstalter aber mehrmals zu sich. Unklar ist, ob er die Demonstranten einschüchterte und damit Einfluss auf den Protest nahm.

Der von Chang vorgeschlagene Schutztrupp erregte lautstarken politischen Protest. Wenn Gangster dafür eingesetzt würden, die Zivilgesellschaft im Zaum zu halten, sei das eine Schande für die taiwanische Demokratie, schimpfte Gao Jhy-peng von der chinakritischen Demokratischen Fortschrittspartei: "Schuhe auf den Präsidenten zu werfen, ist ein von der Verfassung geschütztes bürgerliches Recht."

Knarren und eine Kriegserklärung

Kurz darauf wurden Changs Methoden augenfälliger. Bei einer Razzia in einem seiner Parteibüros fand die Polizei Schusswaffen. Als im Februar 2014 Aktivisten eine Statue von Sun Yat-sen, dem Gründer der Republik China, zu Fall gebracht hatten, erklärte Chang der World United Formosans for Independence (WUFI) quasi den Krieg. Sun wird sowohl in China als auch auf Taiwan verehrt. Die WUFI ist eine Organisation, die für die Gründung eines Staates mit dem Namen Taiwan eintritt, aber nicht in den Sturz der Sun-Statue verwickelt zu sein scheint.

Aus China hat Chang exzellente politische Kontakte mitgebracht. Wie ein Journalist der "Taipei Times" in einem Feature beschrieb, hängen an den Bürowänden der "Partei zur Förderung der chinesischen Wiedervereinigung" sowohl die Flagge der Volksrepublik China als auch Fotos, die Chang mit Spitzenpolitikern der Kommunistischen Partei Chinas zeigen. Zur Rolle Changs in der taiwanischen Politik notierte der Leitartikel der "Taipei Times" bereits im Juli: "Eigentlich kann Chang als ausländischer Agent betrachtet werden."



insgesamt 13 Beiträge
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weimar 15.03.2014
1. muhahaha
"Schuhe auf den Präsidenten zu werfen, ist ein von der Verfassung geschütztes bürgerliches Recht."
ththt 15.03.2014
2.
Der Typ hatte früher ganz Taipei fest in seiner Hand. Als Jugendlicher lebte ich mit meiner Familie mehrere Jahre dort und bekam mit, wie viele der Schüler für die Triaden als Handlanger arbeiteten. Für den Staat Taiwan kann ich nur hoffen, dass er weiterhin selbstständig bleibt und sich nicht von solchen Verbrechern unterwandern lässt.
Wololooo 16.03.2014
3.
Dass er von der Volksrepublik China untertützt wird ist verständlich, denn dort sitzen ebenfalls nur Verbrecher in der Regierung.
ph.latundan 16.03.2014
4. Schont die Justiz den Ex-Gangster?
davon kann man sicher ausgehen. politiker im fernen osten, nicht nur in taiwan und china, stehen verbrecherorganisationen oft sehr nahe. auf den philippinen z.b. steigen vor den wahlen die zahl der entfuehrungen zwecks gelderpressung rapide an.
wie auch immer 16.03.2014
5. KP Propaganda
Da gibt es noch so eine von der KP China gesponserte "Vereinigung" die in ganz Taiwan mit Lautsprecherwagen umherfaehrt und KP Propoganda Musik abspielt. Ein Ziel von denen auch Falun Gong welche in China Verfolgt werden. Taiwan's Praesident, der in China geboren ist, traeumt immer noch von der Republik China, welches der in der Verfassung verankerte Name ist und sich auf ganz China ausstreckt. Jedoch hat er NICHTS aus der Geschichte gelernt, als sich die KMT schon einmal mit der KP verbündet hat und das Messer in den Rücken gestochen bekam.
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