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06. August 2011, 13:59 Uhr

Taliban-Attacke

Hubschrauber-Abschuss erschüttert US-Militär

Von und Shoib Najafizada, Berlin und Kabul

Im Osten Afghanistans ist ein Nato-Hubschrauber abgeschossen worden - durch eine Panzerfaust der Taliban. Der Tod von 31 US-Soldaten ist der schwerste Einzelverlust der ausländischen Truppen seit 2001. Für die Propaganda der radikalen Aufständischen ist es ein enormer Schub.

Berlin/Kabul - Seit Kriegsbeginn sind noch nie so viele US-Amerikaner bei einem einzelnen Zwischenfall in Afghanistan ums Leben gekommen: Während eines heftigen Gefechts mit Aufständischen sind 31 US-Soldaten und sieben afghanische Soldaten getötet worden - sie starben, als Taliban ihren Transporthubschrauber abschossen. Die US-Regierung bestätigte am Samstag den Vorgang des tödlichen Zwischenfalls.

Dem Schuss mit einer Rakete, vermutlich eine Panzerfaust, ging nach Militärangaben ein langes Gefecht von Spezialeinheiten der US-Armee voraus. Demnach hatte eine Gruppe der Kommandosoldaten einen konkreten Tipp bekommen, dass sich in einem Gehöft im Distrikt Saidabad in der Provinz Wardak mehrere ranghohe Taliban-Kommandeure versteckt hielten.

Diese galten den Informationen nach als Logistiker der Aufständischen, die den Nachschub der Taliban in Richtung der Hauptstadt Kabul organisieren.

Nach der Ankunft der ersten Kommandoeinheit kam es jedoch aus dem Gehöft und von anderen Häusern zu heftigen Angriffen auf die US-Soldaten, deswegen wurde der Transporthubschrauber vom Typ "Chinook" mit weiteren Special- Forces-Soldaten angefordert.

Der große Transporthubschrauber, fast so groß wie ein Linienbus, gilt als sehr leicht angreifbar. Zwar kann der CH-47 mit sehr großer Geschwindigkeit fliegen, ist jedoch bei der Landung und beim Start eher behäbig. Zum Transport größerer Kampfeinheiten innerhalb Afghanistans aber ist er für das US-Militär unverzichtbar.

Normalerweise werden die "Chinooks" bei Operationen des Militärs wegen ihrer Behäbigkeit und der schlechten Bewaffnung durch nur einen Bordschützen stets von Kampfhubschraubern eskortiert, die Angreifer mit Panzerfäusten und großkalibrigen Schnellfeuerkanonen recht schnell in die Flucht schlagen können.

Taliban triumphieren

Ob der abgeschossene CH-47 von solchen geschützt wurde, ist bisher noch unklar. Das Militär teilte mit, man müsse die genauen Umstände des Vorfalls noch klären. Die Nato-geführte Isaf gab den Verlust eines Hubschraubers zu und bestätigte, in dem Gebiet habe es "feindliche Aktivitäten" gegeben. Ein Rettungseinsatz laufe, die Absturzursache werde untersucht. Weitere Einzelheiten nannte Sprecher Tim James zunächst nicht.

Die Taliban erklärten im Internet, die Aufständischen hätten den Hubschrauber vom Typ "Chinook" abgeschossen. Bei den Kämpfen seien außerdem acht Taliban-Kämpfer gestorben. Die Mitteilung wurde ungewöhnlich rasch und mit präzisen Angaben veröffentlicht - ein frühes Anzeichen dafür, dass die Taliban wirklich für den Crash verantwortlich waren. Der Taliban-Mitteilung zufolge dauerte das Gefecht zwei Stunden an, bis die Aufständischen den Helikopter mit Truppennachschub schließlich abschossen.

Gerade für die Propaganda der Taliban ist der Abschuss ein enormer Erfolg. Bisher war es den Aufständischen nur sehr selten gelungen, Hubschrauber der internationalen Truppen anzugreifen.

Vermutlich werden die Taliban deswegen den aktuellen Fall groß ausschlachten und auch daran erinnern, dass mit Abschüssen von Hubschraubern auch der Sieg des afghanischen Widerstands gegen die russischen Besatzer in den achtziger Jahren begonnen hatte. Damals hatte der Westen verschiedene Guerilla-Truppen mit Raketen gegen die Russen ausgestattet.

Afghanische Provinzbehörden bestätigten, dass der Helikopter einer Rakete der Taliban zum Opfer fiel: "Er wurde von einer Rakete, die von Aufständischen abgefeuert wurde, getroffen und vollständig zerstört", sagte Schahidullah Schahid, Sprecher der Provinzbehörde von Wardak. In der Region laufe gerade ein Einsatz afghanischer und verbündeter Truppen gegen die Taliban, erklärte der Sprecher weiter. Wardak liegt südöstlich von Kabul und grenzt an die Hauptstadt an.

Staatschef Hamid Karzai brachte in einer öffentlichen Mitteilung sein Bedauern über den Tod der Soldaten zum Ausdruck. "Ich bin bestürzt über den Vorfall und den Verlust so vieler menschlicher Leben", erklärte Karzai. Sein Mitgefühl gelte den Angehörigen der Opfer. Er habe ein Kondolenzschreiben an US-Präsident Barack Obama geschickt, sagte der afghanische Präsident weiter.

Neuer Höhepunkt der Gewalt

Mindestens 17 Hubschrauber und Flugzeuge der einheimischen und der Streitkräfte sind seit Jahresbeginn in Afghanistan abgestürzt, die meisten davon aufgrund von Pilotenfehlern, schlechten Wetterbedingungen oder technischen Problemen. Ende Juli wurde laut Nato mindestens ein "Chinook"-Helikopter von einer Panzerfaust getroffen, dabei wurden zwei Besatzungsmitglieder verletzt.

Von den derzeit rund 140.000 ausländischen Soldaten in Afghanistan gehören etwa 100.000 der US-Armee an. Seit dem Sturz der Taliban-Regierung im Jahr 2001 hat die Gewalt in Afghanistan einen neuen Höhepunkt erreicht. Außer den vielen getöteten ausländischen Soldaten hat die Zahl der zivilen Opfer in den ersten sechs Monaten des Jahres ein Rekordhoch erreicht.

Auch im Norden, dem Einsatzgebiet der Bundeswehr, nahm die Gewalt zuletzt massiv zu. Im Zuge der Übergabe der Sicherheitsverantwortung von der Isaf-Truppe an die afghanischen Streitkräfte kam es zu mehreren Anschlägen.

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