Krieg in Nordafghanistan Taliban hissen Flagge auf ehemaligem Bundeswehrcamp

Ein Jahr nach dem Abzug der Bundeswehr kehrt der Krieg zurück nach Kunduz. Taliban überrennen ganze Stadtteile, besetzen Polizeiposten. Die afghanische Armee kommt gegen den Ansturm kaum an.
Von Matthias Gebauer und Shoib Najafizada
Krieg in Nordafghanistan: Taliban hissen ihre Flagge auf einem früheren Bundeswehrcamp

Krieg in Nordafghanistan: Taliban hissen ihre Flagge auf einem früheren Bundeswehrcamp

Foto: EASTMEDIA

Kabul/Berlin - Sayed Sarwar Hussaini hat keine Zeit. "In Kunduz herrscht Krieg, die Taliban haben uns in der Zange", schreit er in sein Mobiltelefon. Die Verbindung zum Sprecher der Polizei in der nordafghanischen Metropole ist mäßig, im Hintergrund heulen Polizeisirenen. Hussaini sagt, er müsse sofort los, seine Männer seien unterwegs zu einer Operation in einem Vorort. Eine Polizeiwache soll von Taliban überrannt worden sein.

Stunden später, es ist Abend geworden, berichtet Hussaini etwas ausführlicher über die Lage in Kunduz, wo die Bundeswehr bis Oktober 2013 ihr zweitgrößtes Feldlager in Nordafghanistan hatte, teilweise waren dort mehr als 2000 deutsche Soldaten stationiert. Seit gut zwei Wochen, sagt der Polizist, werde seine Stadt jetzt schon von den Taliban belagert. Über 2000Kämpfer, darunter viele Tschetschenen und Araber, hätten Kunduz umzingelt.

Die Beschreibungen des Polizisten decken sich mit den Aussagen von Bewohnern von Kunduz und Dorfältesten, die SPIEGEL ONLINE in den vergangenen Tagen per Telefon erreichten. Übereinstimmend berichten sie von schweren Kämpfen zwischen den Taliban und von ziemlich überforderten afghanischen Sicherheitskräften. Wo die Islamisten siegreich sind, wie offenbar in einigen Vororten von Kunduz, führen sie umgehend ihr drakonisches Regiment ein.

Die Offensive der Taliban scheint gut organisiert. Zwei ihrer prominentesten Anführer, Mullah Salam und der berüchtigte Kommandeur Shamsuddin, sollen nach Angaben der Polizei aus Pakistan nach Kunduz zurückgekehrt sein. Sie standen früher ganz oben auf der Fahndungsliste der Bundeswehr.

"Schon bald wird Kunduz unter unserer Kontrolle stehen"

Bisher konnten die Afghanen den Vormarsch zumindest abbremsen. Vor den Toren der Stadt, vor allem in der Paschtunen-Hochburg Chahar Darreh, lieferten sich die Armee und auch bewaffnete Einwohner erbitterte Gefechte mit den Taliban. Trotzdem prahlen die Islamisten schon jetzt auf Twitter und am Telefon mit ihren Geländegewinnen. "Schon bald wird Kunduz unter unserer Kontrolle stehen", sagte ein Kommandeur SPIEGEL ONLINE.

Die Berichte entsprechen dem Horrorszenario, das Skeptiker vor dem Abzug der Bundeswehr aus Kunduz zeichneten. Zweifel daran, dass die Afghanen die Sicherheit nicht allein gewährleisten können, scheinen sich in Kunduz zu bestätigen. Symbolisch wirkt vor allem ein Foto vom 13. August. Am frühen Morgen hissten da im Vorort Chahar Darreh Taliban-Kämpfer ihre weiße Fahne auf der Polizeistation. Genau dort hatten bis Herbst 2013 noch Soldaten der Bundeswehr übernachtet.

Offizielle Stellen in Kunduz mühten sich in den letzten Tagen, die Symbolik des Fotos zu relativieren. Ein Kommandeur der Afghan National Army (ANA) berichtete, die Wache sei nur kurz von einer Hand voll Taliban überrannt worden. Nach einigen Stunden habe die ANA wieder die Oberhand gewonnen, ganz ähnlich sei es bei rund zehn anderen Polizeiposten in der Umgebung in den letzten Wochen gewesen.

Die Taliban-Flagge auf einem früheren deutschen Posten - solche Bilder sollte es eigentlich nie geben. Als die Bundeswehr aus Kunduz abzog, versprach sie, man lasse die Afghanen nicht im Stich, im Notfall werde man sofort helfen. Schon damals aber war klar, dass niemals mehr ein deutscher Soldat nach Kunduz kommen würde.

Berlin will die neuen Erfolge der Taliban offenbar nicht wahrhaben: In der als Verschlusssache eingestuften wöchentlichen Unterrichtung für den Bundestag heißt es nur, 1100 afghanische Soldaten seien für eine Routinemission im Vorort Chahar Darreh eingesetzt. Von Gefechten mit den Taliban ist keine Rede. Vielmehr sei die Lage dort "insgesamt ausreichend kontrollierbar aber heterogen".

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