Taliban-freies Afghanistan Unter Strolchen und Räubern

Nach dem Fall der Taliban soll in Afghanistan die Demokratie Einzug halten. Doch in Wirklichkeit droht das Land in die politische Steinzeit zurückzufallen. An zentralen Machtpositionen sitzen Halunken. Die zweifelhaften Machenschaften mancher Warlords scheinen stärker zu sein als die Ordnungsmacht des Präsidenten.


Polizei in der afghanischen Stadt Kandahar: Sorgen die neuen Machthaber für Ordnung oder blüht die Korruption auf?
AP

Polizei in der afghanischen Stadt Kandahar: Sorgen die neuen Machthaber für Ordnung oder blüht die Korruption auf?

Hamburg - Die Reden bei der Einsetzung der neuen afghanischen Regierung unter Hamid Karzai waren überschwänglich und voller Zuversicht. Der Uno-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Lakhdar Brahimi, der die Demokratie in das Land am Hindukusch bringen soll, sprach vom "Ende einer langen, dunklen Nacht" nach 23 Jahren Krieg. "Wir sehen den Sonnenaufgang wieder", schrieb Karzai die bildreiche Sprache fort. Der Mann, der für sechs Monate eine 29-köpfige Übergangsregierung führen soll, kündigte an, "alles zu tun, damit Frieden und Sicherheit überall im Lande herrschen".

Irans Außenminister Kamal Charrasi sprach in seinem Grußwort die hehren Worte, Afghanistan sei "von heute an frei". Doch bis jetzt ist es eine Freiheit der Beliebigkeit. Eine Freiheit, die in die Anarchie führen könnte. Unzählige Warlords und windige Gestalten nehmen sich die Freiheit, nichts als ihren eigenen Interessen zu folgen. Nachdem der Druck des repressiven Taliban-Regimes weg ist, erheben sich die unterdrückten Machtgelüste regionaler Größen, die keinen Sinn fürs Gemeinwohl haben.

Guerillas, Räuberbanden, Wegelagerer

Die Interessen der selbst ernannten Ordnungsmächte, das sind Guerillagruppen, Räuberbanden, Wegelagerer und Clanchefs, lassen sich meist in Dollar messen. Aus allem wird versucht Geld zu machen. Im Angebot sind nicht nur irgendwelche Gegenstände wie Pässe oder Videoaufnahmen, die aus al-Qaida-Beständen stammen sollen. Auch aus angeblichen Neuigkeiten aus Geheimdienstkreisen, Journalisten angepriesen mit konspirativem Habitus, wird versucht Profit zu schlagen.

Regierungschef Karzai und der stellvertretende Verteidigungsminister Dostam: Wie stark ist die neue Regierung?
REUTERS

Regierungschef Karzai und der stellvertretende Verteidigungsminister Dostam: Wie stark ist die neue Regierung?

Der Zugang zu Nachrichten ist mit einem dicken Geldbeutel erheblich einfacher. Nach Angaben der "New York Times" hat ein Kommandeur aus der Tora-Bora-Region Ende Dezember Kamerateams mitgeteilt, sie könnten verletzte Gefangene interviewen, wenn sie dafür 5000 Dollar hinblätterten. Der Korrespondent von NBC News soll das Angebot abgelehnt haben.

Die Bewegungsfreiheit ist im Land auch dort eingeschränkt, wo die Nordallianz siegreich war. Vergangene Woche verlangten Wegelagerer von Reisenden, die nach Tora Bora wollten, 1000 Dollar, andernfalls gab es kein Durchkommen.

Korruption der neuen Herrschaften

Die Unverschämtheit kennt auch an Orten keine Grenzen, die von der Öffentlichkeit stark frequentiert werden. Aus Dschalalabad berichten westliche Journalisten von verdeckten Drohungen. Neuen Besuchern, die in die ostafghanische Stadt kommen, wird bedeutet, sie hätten in Hotels zu wohnen, die von der östlichen Schura, dem paschtunischen Stammesrat der Region, kontrolliert werden.

Hadschi Hasarat Ali etwa, mächtigster Warlord in Dschalalabad, betreibt das Spin Ghar Hotel. Mit seinen Gästen verfährt er, als ob sie seine Gefangenen wären. Sie dürfen das Hotel nur mit einem von ihm bestimmten Fahrer verlassen. Für den Service verlangt er zwischen 100 und 150 Dollar pro Tag, auch wenn die Fahrt nur 100 Meter lang ist.

Kürzlich verteilte General Ali Zettel an seine Hotelgäste, sie hätten Dolmetscher des Hauses anzuheuern. Ansonsten könne für die Sicherheit der Besucher nicht garantiert werden. Die Preise für die Übersetzer lagen bei 100 bis 250 Dollar pro Tag.

Ali scheut auch vor illegalen Machenschaften gegenüber internationalen Hilfsorganisationen nicht zurück. Dem Roten Halbmond waren jüngst größere Mengen an Reis gestohlen worden. Ali, seines Zeichens Sicherheitskommandeur der Provinz, sagte aus, er wisse von dem Diebstahl nichts. Seltsamerweise wurden die Reissäcke bei seinen eigenen Truppen gefunden. Acht dieser Säcke mit dem Logo der Hilfsorganisation tauchten gar in seinem Hotel auf. Ein Hotel-Angestellter, dem Alis Soldaten befohlen hatten, die großen Säcke in die Küche des Hotels zu schleppen, kommentierte den Vorfall: "Unsere Soldaten sind alle gleich - sie sind Räuber."

Leopardenschädel auf dem Markt

Auf den Märkten der Stadt ist alles zu haben, was in einem einigermaßen funktionierenden Gemeinwesen verboten wäre: Raubkopien von neuesten Hollywood-Streifen wie "Der Herr der Ringe", Päckchen von braunem Haschisch, der Schädel eines weißen Leoparden, eines der am stärksten vom Aussterben bedrohten Tiere der Erde.

Die Banditen haben offenbar leichtes Spiel. Der Paschtune Hamid Karzai, der Hoffnungsträger für geordnete Verhältnisse, ist in vielen Provinzen weitgehend unbekannt. Zudem ist die Regierung in Kabul in sich zerstritten. Der neue Verteidigungsminister Mohammed Fahim erklärte vergangene Woche, die internationale Schutztruppe sei in Afghanistan nicht länger als sechs Monate willkommen. Sein Chef Karzai widersprach, die Friedenstruppe werde bleiben, solange sie gebraucht werde. Sechs Monate sei das Minimum.

Zunächst hatte sich auch Karzai gegen eine internationale Uno-Schutztruppe gewehrt, die höchstens in der Lage sein wird, im Großraum Kabul für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Bei Händlern in Kabul etwa war Karzais Widerstand von Anfang an auf Unverständnis gestoßen. Ihnen war klar, dass eine rein afghanische Ordnungsmacht nicht stark genug wäre, die Willkür der Warlords in den Provinzen einzudämmen und für sichere Handelswege zu sorgen.



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