Taliban-Gefangene Geistliche werfen Nordallianz Massaker vor

Bei Gefechten zwischen der Nordallianz und Kriegsgefangenen sind in Nordafghanistan mehrere hundert Taliban ums Leben gekommen. Während Nordallianz und USA von einem Gefängnisaufstand sprechen, werfen pakistanische Geistliche und Regierungskreise der Nordallianz ein gezieltes Massaker vor.


Taliban-Kämpfer vor dem Fall von Kundus: Waffen ins Gefängnis geschmuggelt?
AP

Taliban-Kämpfer vor dem Fall von Kundus: Waffen ins Gefängnis geschmuggelt?

Masar-i-Scharif - Am Montag hielten sich in Masar-i-Scharif offenbar noch mehr als 100 arabische, tschetschenische und pakistanische Taliban-Kämpfer in einem Turm einer Festungsanlage verschanzt. Ein Berater von Allianz-General Raschid Dostum, Alim Rasim, sagte am Montagnachmittag, die Revolte sei doch noch nicht völlig niedergeschlagen. "Auch die, die übrig sind, werden getötet", kündigte der Berater an.

Nachdem den Taliban-Söldnern die Munition für ihre Gewehre ausgegangen sei, setzten sie die ihnen verbliebenen Raketen ein, berichteteten Angehörige der Nordallianz.

"Sie wurden alle getötet"

Über die Zahl der Toten gab es keine Angaben. Die Schätzungen über die Zahl der Gefangenen bewegten sich zwischen 300 und 800. Kaum jemand habe sich noch einmal ergeben, sagte Allianz-Sprecher Sahir Wahadat: "Sie wurden alle getötet und nur sehr wenige wurden verhaftet." Die eigenen Verluste wurden auf 40 Mann beziffert. Am Montag wurde stetig Verstärkung zu der Festung gebracht.

Die Taliban-Söldner hatten sich am Samstag in Kundus ergeben. Ihnen sei es offenbar gelungen, Waffen in die Festung zu schmuggeln und im Kampf mit ihren zahlenmäßig weit unterlegenen Bewachern ein Munitionslager zu erobern, berichteten US-Militärsprecher. Erst nach Stunden seien 500 Allianz-Kämpfer eingetroffen, um die Revolte niederzuschlagen. Ein US-Spezialagent forderte US-Luftunterstützung an. Berichten zufolge wurde ein weiterer US-Agent von den Taliban-Söldnern entwaffnet und getötet. Das Pentagon bestätigte das nicht. Oberstleutnant David Lapan erklärte, kein Mitglied der Streitkräfte sei in dem Aufstand getötet worden. Aus Regierungskreisen verlautete, ein CIA-Agent sei verwundet worden.

Erst Kapitulation, dann Rebellion?

Islamische Geistliche in Pakistan reagierten mit scharfer Kritik auf die Berichte über den Gefangenenaufstand. Der Generalsekretär der fundamentalistischen Partei Jamaat-e-Islami, Munawar-Hasan, bezweifelte, dass es tatsächlich einen Aufstand gegeben habe. "Es macht keinen Sinn, dass Leute, die sich ergeben haben, gegen ihre Bewacher revoltieren", sagte er. "Das ist ein schwacher Vorwand zur Rechtfertigung eines Massakers an unbewaffneten Männern." Seine Organisation rief zum Generalstreik zum Protest gegen einen barbarischen Akt der Amerikaner und der Anti-Taliban-Kräfte auf.

Auch die pakistanische Regierung ließ Zweifel daran erkennen, dass Gefangene einen Tag nach ihrer Kapitulation revoltieren. "Es ist nicht klar, was geschehen ist", sagte der Sprecher der Militärregierung, General Rashid Quereshi. "Wir wollen, dass die UN-Charta zur Behandlung von Kriegsgefangenen beachtet wird."

Der Führer des Afghanischen Verteidigungsrats, Hamid el Hak, sagte, die zu seiner Organisation gehörenden 35 Gruppen hätten in Peshawar das Töten in der Festung verurteilt. "Die Geschichte vom Aufstand ist kaum zu glauben. Es ist eine Lüge. Wir sind schockiert über dieses brutale Töten", sagte er.



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