Taliban Geistliches Oberhaupt lehnt Auslieferung Bin Ladens ab

Der Uno-Sicherheitsrat hat die radikal-islamischen Taliban in Afghanistan aufgefordert, Osama Bin Laden der amerikanischen Justiz zu überstellen. Die Regierung in Kabul berät unterdessen über eine eventuelle Auslieferung. Das geistliche Oberhaupt sprach sich vehement dagegen aus. Eine Entscheidung wurde allerdings erneut vertagt.

New York/Washington/Berlin - Die afghanische Taliban-Regierung hat nach Berichten der privaten Nachrichtenagentur AIP jedoch klar gemacht, dass sie zu Verhandlungen mit den USA über eine Auslieferung des Islamisten Osama Bin Laden bereit sei. "Wir hatten bereits einige Gespräche mit früheren Regierungen der USA und auch mit der aktuellen. Wir sind zu (weiteren) Gesprächen bereit", sagte das geistliche Oberhaupt der Taliban, Mullah Mohammad Omar, der Agentur zufolge am Mittwoch vor dem islamischen Gelehrtenrat der Taliban in Kabul. Der Rat, der über das Schicksal Bin Ladens beraten soll, werde vermutlich am Donnerstag eine endgültige Entscheidung treffen, meldete AIP weiter.

Zuvor hatte Omar die Forderung nach einer Auslieferung des Islamisten Osama Bin Laden als Vorwand für die Zerstörung der Taliban bezeichnet. Einen entsprechenden Redetext ließ Omar vor der Versammlung der Taliban-Geistlichen in Kabul verlesen. Nach Aussage eines afghanischen Regierungsbeamten der Taliban sind mehrere hundert islamische Geistliche in Kabul eingetroffen, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden.

Sicherheitsrat fordert Auslieferung

Der Uno-Sicherheitsrat forderte die Taliban erneut auf, Bin Laden auszuhändigen. Die Auslieferung habe "sofort und bedingungslos" zu erfolgen, heißt es in der am Sitz der Uno in New York am Dienstag verteilten Mitteilung. Das Gremium bezog sich dabei auf die Uno-Resolution 1333 vom Dezember vergangenen Jahres. Darin forderte der Sicherheitsrat die Taliban auf, Bin Laden an die Justiz derjenigen Länder auszuliefern, die ihn mehrerer Verbrechen beschuldigen. Die USA beschuldigen Bin Laden, Drahtzieher und Rädelsführer der verheerenden Terroranschläge auf New York und Washington am 11. September zu sein.

Die oppositionelle Nordallianz, die rund fünf Prozent des Territoriums kontrolliert, bot den USA Unterstützung gegen Bin Laden an. Der Uno-Botschafter der gestürzten Regierung von Burhanuddin Rabbani, Ravan Farhadi, sagte, die Opposition stelle dafür 15.000 Kämpfer bereit.

Taliban: Bin Laden könnte es gewesen sein

Ein Taliban-Minister hatte am Dienstag erstmals von der Möglichkeit gesprochen, Osama Bin Laden könne für die Terroranschläge verantwortlich sein. Aber für eine Auslieferung seien Beweise nötig, sagte Informationsminister Qudrutullah Jama. "Wer auch immer für diese Angriffe verantwortlich ist, Osama oder nicht, wir werden nicht seine Partei ergreifen", sagte Jamal. Diese Einschätzung habe er auch den nach Pakistan zurückgekehrten Delegierten mitgeteilt.

Die Taliban-Regierung dementierte Berichte, wonach die Taliban einen "Heiligen Krieg" gegen die USA ausgerufen hätten, berichtete die private afghanische Nachrichtenagentur AIP. Nur wenn die USA Afghanistan angreifen sollten, würden die Afghanen einen "Heiligen Krieg" wie seinerzeit gegen die Sowjetunion führen, so die Regierung.

Fernsehberichten zufolge begannen unterdessen Hunderte von Flüchtlingen, aus der Stadt Kandahar zu fliehen. Am Montag hatten bereits Tausende Kabul verlassen. Pakistan reagierte inzwischen auf den Flüchtlingsstrom und schloss seine Grenzen zu Afghanistan, wie zuvor schon der Iran. Pufferzonen sind eingerichtet, wo die Flüchtlinge aufgefangen werden sollen und die sie nicht verlassen dürfen. Nur dort soll ihnen Nothilfe gewährt werden.

Am Montag hatte der iranische Außenminister Kamal Charrasi mit Uno-Generalsekretär Kofi Annan telefoniert und ihn vor einer humanitären Katastrophe gewarnt, sollten die USA überstürzt militärisch agieren. Iran beherbergt bereits über zwei Millionen afghanische Flüchtlinge.

Uno hofft auf Vereinbarung für Flüchtlinge

Vor einem möglichen Militärschlag auf Afghanistan hofft das Uno-Flüchtlingskommissariat, Vereinbarungen mit den Nachbarländern treffen zu können. Der Uno-Hochkommissar für Flüchtlinge, Ruud Lubbers, berichtete am Montag in New York von Bemühungen, den Iran und Pakistan zur Aufnahme afghanischer Flüchtlinge zu gewinnen.

Käme es zu einem Abkommen, müsste die internationale Gemeinschaft zumindest die finanzielle Last mit den beiden Gastgeberländern teilen, sagte Lubbers nach einer Unterredung mit Uno-Generalsekretär Kofi Annan. Anschließend wollte er zu Gesprächen mit der amerikanischen Regierung nach Washington weiter reisen. Schon jetzt hielten sich knapp vier Millionen Afghanen außerhalb ihres Landes auf.

Der US-Fernsehsender CNN ist unterdessen von den Taliban aufgefordert worden, das Land zu verlassen. CNN-Reporter Nic Robertson ist einer der letzten westlichen Journalisten. Er berichtet aus dem Taliban-Hauptquartier in Kandahar.

Truppenverstärkung

Das Taliban-Regime in Afghanistan hat nach Angaben des pakistanischen Militärs am Montag 20.000 bis 25.000 Soldaten am Khyber-Pass nahe der Grenze zu Pakistan stationiert. Russische Raketen von Typ Scud und weitere schwere Waffen seien in Stellung gebracht worden.

Wie ein Armeeoffizier am Montag im Militärstützpunkt am Khyber-Pass 200 Kilometer westlich der pakistanischen Hauptstadt Islamabad weiter mitteilte, habe auch Pakistan seine Truppen an der 1400 Kilometer langen Grenze zu Afghanistan verstärkt. Bislang habe es keine Feuergefechte gegeben, fügte er hinzu.

Die radikal-islamische Taliban-Regierung in Afghanistan soll dem aus Saudi-Arabien stammenden Islamisten Bin Laden Unterschlupf gewähren. Die USA haben Vergeltung gegen jeden angekündigt, der Terrorgruppen unterstützt. Afghanistan gilt daher aus Sicht der USA als Hauptangriffsziel. Pakistan sagte den USA inzwischen Unterstützung bei einem Militärschlag zu.

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