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07. Januar 2016, 14:24 Uhr

Krieg in Afghanistan

Fehler des Westens machen Taliban wieder stark

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Ein Jahr nach dem Ende der Isaf-Mission in Afghanistan scheinen die Taliban so stark wie lange nicht. Die Islamisten profitieren von Fehlern des Westens und dem Versagen der Regierung in Kabul.

"Unsere Kampfmission in Afghanistan endet, der längste Krieg in der amerikanischen Geschichte kommt zu einem vernünftigen Ende": Es ist ziemlich genau ein Jahr her, dass US-Präsident Barack Obama den Afghanistankrieg offiziell für beendet erklärte. Das Land am Hindukusch bleibe ein gefährlicher Ort, räumte er ein, trotzdem verbreitete seine Erklärung vom 29. Dezember 2014 großen Optimismus.

Ein gutes Jahr später müssen die USA nun einräumen: Sie haben die Lage falsch eingeschätzt. Die Taliban haben in den vergangenen zwölf Monaten große Teile Afghanistans unter ihre Kontrolle gebracht. In den südlichen Provinzen Helmand und Kandahar haben sie die staatlichen Sicherheitskräfte aus ganzen Distrikten vertrieben, auch in den nördlichen Provinzen Kunduz und Badakhschan gibt es große Landstriche, in denen die islamistischen Milizionäre sich inzwischen nahezu ungehindert bewegen können.

Im September überrannten die Taliban die Provinzhauptstadt Kunduz, in der die Bundeswehr von 2006 bis 2013 ein Feldlager unterhielt. Erst nach zwei Wochen konnten afghanische Regierungseinheiten die 300.000-Einwohner-Stadt zurückerobern. Die US-Armee unterstützte Kabuls Truppen mit Luftangriffen und bombardierte dabei ein Krankenhaus der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. 30 Menschen wurden dabei getötet.

Der Vormarsch der Taliban ist durch mehrere Faktoren begünstigt worden:

1. Abzug der internationalen Kampftruppen

Obama hatte die Militärpräsenz am Hindukusch nach seinem Amtsantritt drastisch erhöht - von rund 20.000 auf 90.000 Soldaten. Tatsächlich gelang es der internationalen Isaf-Schutztruppe im Laufe des Jahres 2010, die Taliban zurückzudrängen, besonders im Süden. Doch weil der US-Präsident den verstärkten Einsatz von vornherein zeitlich befristet hatte, mussten die Aufständischen einfach nur abwarten.

Mitte 2013 hatten die USA und ihre Verbündeten noch rund 130.000 Soldaten in Afghanistan stationiert. Inzwischen sind nur noch rund 10.000 Soldaten stationiert, ihre wichtigste Aufgabe ist die Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte. Doch diese haben sich in vielen Provinzen als unfähig erwiesen, einmal erobertes Gebiet dauerhaft zu halten.

2. Kampf gegen den "Islamischen Staat" ist wichtiger geworden

Bis vor rund fünf Jahren war Afghanistan der wichtigste Rückzugsort für islamistische Terroristen. Das ist vorbei: Das Qaida-Netzwerk hat seinen gefährlichsten und schlagkräftigsten Stützpunkt inzwischen im Jemen gefunden, doch noch bedrohlicher ist der Aufstieg des "Islamischen Staats" (IS) im Irak und in Syrien.

Nach Afghanistan waren einst ein paar hundert europäische Dschihadisten gezogen, in Syrien und Irak geht ihre Zahl nun in die Zehntausende. Die Attentäter von Paris wurden beim IS ausgebildet und sammelten dort Kampferfahrung, wegen der geografischen Nähe zu Europa konnten sie relativ leicht in ihre Heimatländer zurückreisen. Für den internationalen Kampf gegen den Terror ist Afghanistan immer unwichtiger geworden, das begünstigt das Wiedererstarken der Taliban.

3. Pakistans Militäroffensive in Waziristan

Im Juni 2014 startete die pakistanische Armee eine großangelegte Offensive gegen militante Islamisten im Grenzgebiet zu Afghanistan. Islamabads Truppen gehen mit großer Härte gegen das Stammesgebiet vor, in dem zuvor ausländische Dschihadisten Unterschlupf gefunden hatten. Menschenrechtsgruppen sprechen von bis zu einer Million Flüchtlingen.

Doch militärisch scheint die Operation "Zarb-e Azb" erfolgreich zu sein. Taliban, Qaida-Kämpfer und andere Gruppen sind seit Monaten auf dem Rückzug aus Waziristan. Die meisten von ihnen sind über die Grenze nach Afghanistan geflüchtet und verstärken dort die Reihen der Taliban. Diesen Zustrom machen Bobachter für die Erfolge der Aufständischen im Osten des Landes verantwortlich.

4. Fehler der afghanischen Regierung

Seit dem Sturz der Taliban 2001 ist es keiner Zentralregierung in Kabul gelungen, eine effektive Verwaltung aufzubauen und eine verantwortliche Regierungsführung zu etablieren. Nach der Präsidentenwahl 2014 lähmte ein monatelanger Machtkampf zwischen Ashraf Ghani und seinem Gegenspieler Abdullah Abdullah das Land. Schließlich einigten sie sich auf eine Machtteilung, doch anstatt zu kooperieren, blockieren sich beide Politiker.

Dieses Regierungsversagen setzt sich in den Provinzen fort, Gouverneure besetzten Posten nicht nach Fähigkeiten sondern nach Sympathien und Herkunft. Afghanen beklagen, dass sie von staatlichen Stellen wie Bittsteller behandelt werden, vielerorts herrscht Willkür. Das strenge, aber halbwegs verlässliche Rechts- und Staatssystem der Taliban, das auf ihrer Auslegung der Scharia beruht, erscheint daher vielen als bessere Alternative.

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