Taliban in Kunduz Bundeswehr rechnet mit langem Kampf

Regierungstruppen und Taliban bekämpfen sich, die Islamisten rücken immer wieder auf das Zentrum von Kunduz vor. Die Bundeswehr hat ein kleines Team vor Ort, die Soldaten zeichnen ein düsteres Bild.

Bundeswehrsoldat in Kunduz: Die Kämpfe halten unvermindert an
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Bundeswehrsoldat in Kunduz: Die Kämpfe halten unvermindert an

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Die Bundeswehr rechnet nicht mit schnellen Erfolgen der afghanischen Regierungstruppen im Kampf gegen die Taliban in Kunduz. "Derzeit ist nicht absehbar, wann es den ANSF gelingen wird, die vollständige Kontrolle über die Stadt Kunduz zurückzugewinnen", heißt es in einer aktuellen Lageanalyse der Truppe, die der Vize-Generalinspekteur Markus Kneip am Dienstag an den Verteidigungsausschuss schickte. Mit dem Akronym ANSF bezeichnen die Militärs die afghanische Armee und Polizei.

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In der Beschreibung widerspricht die Bundeswehr recht deutlich den afghanischen Meldungen, man habe die seit rund einer Woche von den Taliban besetzte Stadt zurückerobert. General Kneip, der im Jahr 2011 selbst als Kommandeur der deutschen Truppen in Nordafghanistan im Einsatz war, zeichnet ein anderes Bild: Die afghanische Armee habe gerade einmal den Süden von Kunduz halbwegs unter Kontrolle, halte einen "Korridor bis in die Innenstadt", mehr aber nicht.

Die Aussagen decken sich mit Berichten von Anwohnern, die mit SPIEGEL ONLINE Kontakt halten. "Wir sind immer noch im Kriegsmodus", sagte der Vize-Provinzratschef Amruddin Wali am Dienstag. Demnach seien "Hunderte Taliban" am Nachmittag erneut in die Innenstadt eingefallen, dort hissten sie die weiße Flagge der Bewegung auf einem Verkehrsposten am zentralen Kreisverkehr. "Es gibt schwere Kämpfe", sagte Wali, der sich am sicheren Flughafen aufhält.

Humanitäre Helfer verlassen die Stadt

Wegen der Kämpfe haben sich auch sämtliche humanitären Helfer aus der nordafghanischen Stadt zurückgezogen. Es gebe "keine humanitären Organisationen in Kunduz mehr", teilte das Uno-Büro für die Koordinierung humanitärer Hilfe (Ocha) am Dienstag mit. Alle Hilfsorganisationen wollten aber zurückkehren, sobald es die Situation zulasse.

Am sicheren Flughafen hat sich am Sonntag auch ein Team der Bundeswehr postiert, um ein besseres Lagebild zu bekommen. Seit einem Jahr berät die Truppe die afghanische Armee nur noch. Auch in Kunduz greifen die Deutschen nicht in Kampfhandlungen ein, da dies nicht durch das Bundestagsmandat gedeckt ist, selbst Hilfe bei der Operationsplanung ist Tabu. Trotzdem wollte der Oberst, der seit Monaten einen afghanischen General berät, lieber vor Ort als im fernen Masar-e-Scharif sein.

Der kleine Kunduz-Ausflug erzählt einiges über die deutsche Mission in Afghanistan und die Zusammenarbeit mit den Afghanen. So hatte die Truppe den Beginn der Taliban-Offensive am vorvergangenen Monaten erst aus den Medien mitbekommen, da die Afghanen ihren Beratern keinerlei Warnmeldungen geschickt hatten. Nach einigen Kurzbesuchen entschied man sich deshalb, zumindest am Rand der Kampfzone Informationen zu sammeln, um halbwegs auf Stand zu sein.

Die Taliban setzen auf blitzartige Überfälle

Was die Bundeswehr nach Berlin meldet, klingt düster. Die Taliban halten die Stadt nunmehr seit mehr als einer Woche unter ihrer Kontrolle. Zwar marschiert die Armee immer wieder mit großem Kräfteeinsatz ein paar Straßenzüge weiter vor, zieht sich aber auch wieder zurück. Die Taliban hingegen setzen auf blitzartige Überfälle, fahren mit Motorrädern auf Checkpoints zu, attackieren die Soldaten. Dann verschwinden sie wieder und verstecken sich oft in Wohnhäusern.

Kneip beschreibt die Lage recht nüchtern. Bisher sei es den Regierungstruppen "noch nicht gelungen, den Widerstand" der Taliban zu brechen. Die Kämpfe "sowohl in der Innenstadt als auch in den Außenbezirken von Kunduz halten unverändert an", so seine Analyse. In Militärjargon spricht er von einer "sehr dynamischen Lageentwicklung". Übersetzt heißt das in etwa, dass selbst die minimalen Erfolge der Regierungstruppen jederzeit wieder zunichte gemacht werden können.

Weit weg von Kunduz übernahm am Dienstag der Chef der US-Truppen in Afghanistan deutlicher als zuvor die Verantwortung für den fatalen Luftangriff auf ein Hospital von Ärzte ohne Grenzen in Kunduz am Sonntag. Der Beschuss der Klinik, in der 22 Menschen getötet worden waren, sei ein Fehler gewesen, sagte General John Campbell vor dem US-Kongress, auch wenn afghanische Soldaten die Attacke angefordert hätten.

Campell übernahm gleichwohl die volle Verantwortung für den Angriff. "Um es ganz klar zu sagen, die Entscheidung zur Luftunterstützung war eine US-Entscheidung, sie wurde innerhalb unserer Kommandokette getroffen", so der General. Das Hospital sei versehentlich getroffen worden. "Wir würden niemals willentlich auf eine geschützte medizinische Einrichtung zielen", sagte Campbell. Er habe eine Überprüfung angeordnet, um solche Fehler in Zukunft zu verhindern.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, die Bundeswehr habe sich zur Beobachtung in der umkämpften Innenstadt aufgehalten. Das ist nicht der Fall, die Soldaten waren am sicheren Flughafen. Wir haben den Redigierfehler korrigiert.

insgesamt 68 Beiträge
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ein-berliner 06.10.2015
1. Wie bitte?
Was haben die Hanseln vom Bund da noch verloren?
Bubi Hönig 06.10.2015
2.
Wenn's knallt, versteckt sich die Bundeswehr ohnehin unterm Tisch.
Germanski99 06.10.2015
3. Weshalb
sind dort Deutsche unterwegs? Was ist mit den hunderttausenden jungen Männern die hier Asyl beantragen?
hugahuga 06.10.2015
4. Danke SPON, dass ein Forum eröffnet wurde -
hätte dieses allerdings erst recht in Sachen US Angriff auf Krankenhaus erwartet. Oder kommt da noch was?
micromiller 06.10.2015
5. Wer in den vergangenen Jahren
aufmerksam die Nachrichten aus Afghanistan wahrgenommen hat ist nicht überrascht, dass sich die mühsam übergezogenen westlichen Werte von demokratischer Vielfalt und Rechtsstaatlichkeit nicht verwirklichen. Solange eine im Mittelalter stehen gebliebene Religion das Wertes
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