Kampf um Kunduz "Das ist keine Guerillatruppe mehr, das ist eine Armee"

Die Taliban haben sich in Kunduz eingerichtet: Sie exekutieren Polizisten und verstümmeln Zivilisten. Die Gegenoffensive der afghanischen Armee erlahmt, Nachschub fehlt. Die wenigen Truppen vor Ort geraten selbst unter Feuer.

Aus Kabul berichten und Shoib Najafizada


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die Versuche, die nordafghanische Stadt Kunduz von den Taliban zurückzuerobern, sind vorerst gescheitert. Die angekündigte Großoffensive der Regierung kommt nicht voran, da zusätzliche Truppen auf dem Weg in den Norden feststecken. In der Nacht attackierten die Taliban den Flughafen der Stadt, wo sich die Regierungstruppen im ehemaligen Bundeswehrcamp gesammelt haben. Nur durch US-Luftangriffe konnte der Angriff abgewehrt werden, berichteten lokale Kommandeure SPIEGEL ONLINE per Telefon.

Amruddin Wali, stellvertretender Provinzratschef von Kunduz, erklärte vom Flughafen aus, bisher seien keinerlei zusätzliche Truppen aus anderen Landesteilen eingetroffen. "Seit zwei Tagen bitten wir in Kabul um Hilfe", sagte Wali, "wenn es so weitergeht, werden wir heute hier getötet." Bisher sind nur einige Hundert afghanische Spezialkräfte per Helikopter am Flughafen auf einem Hochplateau rund zehn Kilometer südlich der Stadt angekommen und beraten dort das weitere Vorgehen.

Wali beschrieb die Nacht zum Mittwoch mit dramatischen Worten. "Die Taliban waren bis zum Tor des ehemaligen deutschen Camps vorgerückt, dort wurde heftig gekämpft." Erst zwei Luftangriffe der US-Armee hätten sie wieder etwas zurückgedrängt. Ein lokaler Kommandeur der afghanischen Armee sagte SPIEGEL ONLINE, die Taliban seien mit gepanzerten Fahrzeugen und schweren Waffen vorgerückt, die sie in Kunduz erobert hätten. "Das ist keine Guerillatruppe mehr, das ist eine Armee", so der Offizier, der nicht namentlich genannt werden wollte.

Fotostrecke

8  Bilder
Kampf gegen Taliban: Das Drama von Kunduz
"Viele Beamte und ihre Familien wurden erschossen"

Dass die USA mit Luftschlägen eingreifen, belegt den Ernst der Lage. Die ausländischen Truppen haben seit dem Ende der Nato-Mission Isaf kein Mandat mehr, aktiv in Kampfhandlungen einzugreifen. Am Flughafen allerdings begleiteten amerikanische Berater eine Gruppe von Spezialkräften der Afghanen. Als sie unter Feuer gerieten, entschied man in Kabul sofort, die Taliban zu stoppen. Zweimal warfen US-Jets Bomben ab, die Nato bezeichnete den Angriff später als force protection, also den Schutz von eigenen Soldaten.

Die Taliban hatten die Provinzhauptstadt am Montag in einer Überraschungsoffensive überrannt, die wenigen Regierungstruppen ergriffen die Flucht. Seitdem plünderten die Kämpfer die Zentralen der Uno, vom dem Roten Kreuz, Regierungsgebäude und auch das Büro der deutschen Entwicklungshilfeagentur GIZ. Sie erbeuteten Waffen, gepanzerte Fahrzeuge, mehrere Banken wurden ausgeraubt. In letzter Minute brachten die internationalen Organisationen ihre Mitarbeiter in Sicherheit, auch die letzte deutsche Entwicklungshelferin verließ mit einem Flugzeug am Montag die Stadt. Viele afghanische Mitarbeiter sind allerdings noch in Kunduz eingeschlossen.

Laut Augenzeugen bauen die Taliban in der Stadt ein striktes Regime auf. Anwohner berichteten SPIEGEL ONLINE, die Kämpfer gingen von Haus zu Haus und suchten nach Regierungsbeamten und Angehörigen der afghanischen Sicherheitskräfte. "Viele Beamte und ihre Familien wurden erschossen, die Leichen lassen die Taliban zur Abschreckung auf den Straßen liegen", so ein Einwohner.

Weit mehr als eine lokale Krise

Die Berichte aus Kunduz erinnern an die Schreckensherrschaft der Taliban in den Neunzigerjahren. Am Dienstagabend soll es eine öffentliche Gerichtsverhandlung im Stadtzentrum gegeben haben, nach einem Urteil eines Imam wegen Diebstahls seien mehreren Menschen die Hände abgeschnitten worden, mehrere Männer wurden erschossen. Aus den Außenbezirken berichteten Anwohner, die Taliban würden gnadenlose Jagd auf andere Ethnien wie Tadschiken und Usbeken machen.

In Kabul gibt es nach der Einnahme von Kunduz heftige Vorwürfe gegen die Regierung. Im Parlament warfen Abgeordnete dem Präsidenten Ashraf Ghani vor, nichts für die umkämpfte Stadt zu tun. Der Geheimdienstchef entschuldigte sich für die Untätigkeit seiner Behörde. Allerdings sei ein wichtiger Befehlshaber der Taliban getötet worden, der berüchtigte Mullah Salam hatte schon in der Zeit des Bundeswehreinsatzes das Kommando der Taliban geführt.

Für die afghanische Regierung ist die Einnahme von Kunduz weit mehr als eine lokale Krise. Ein Jahr nach Amtsantritt wirkt die sogenannte Einheitsregierung zerstritten und schwach. In der chaotischen Sitzung des Parlaments forderten Abgeordnete bereits den Rücktritt von Präsident Ghani und des sogenannten CEO Abdullah Abdullah.


Zusammengefasst: Eigentlich wollte Afghanistans Armee die Stadt Kunduz schnell wieder von den Taliban zurückerobern - doch die Gegenoffensive stockt. Truppen und militärisches Gerät kommen nur sehr langsam in den Norden des Landes. In der Nacht gerieten die wenigen Einheiten vor Ort unter Feuer der Radikalislamisten. Diese verbreiten in der Stadt Angst und Schrecken. Die Regierung in Kabul steht wegen der Lage in Kunduz heftig in der Kritik.



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.