Taliban in Nord-Afghanistan "Wundert euch nicht, wenn wir jetzt Schulmädchen töten"

Nach Drohungen der Taliban wurden rund um das afghanische Kunduz mindestens zehn Mädchenschulen geschlossen. Die Reise zu einer der Bildungsstätten führt in ein dunkles Reich, in dem die Islamisten ganz offen schalten und walten - keine Stunde entfernt vom Feldlager der Bundeswehr.
Von Matthias Gebauer und Shoib Najafizada

Wenn der stellvertretende Schulleiter der Aqtasch High School von der Regierung spricht, meint er weder die Zentralregierung Hamid Karzais in Kabul noch die Provinzverwaltung von Kunduz. "Die Taliban sind unsere Regierung", sagt Bashir, "sie haben unsere Region übernommen, ihre Kommandeure geben hier die Befehle."

Bashir steht in einem verstaubten Klassenraum im Erdgeschoss seiner modernen Schule, rund eine halbe Autostunde von Kunduz entfernt. Noch vor einem Monat, sagt der bärtige Mann, lernten hier in drei Schichten pro Tag rund 400 Mädchen lesen, schreiben und rechnen. Zahlenreihen und Formeln an der Tafel erinnern an diese Zeit.

Nun sind die Klassenräume der Mädchen verwaist. Ordentlich aufgereiht sind die leeren Schulbänke, Bashir steht ratlos am Ende des staubigen Raums. "Die Eltern in Aqtasch", sagt er, "trauen sich nach Todesdrohungen der Taliban nicht mehr, ihre Mädchen zu uns zu schicken." Der Schuldirektor spricht sehr leise, vorsichtig. Er hat Angst. Mehrere seiner Lehrer seien Informanten der Taliban. Dass Reporter zu der Schule in Aqtasch kommen, meint er, würde den bärtigen Steinzeitkämpfern sicher gar nicht gefallen. "Gehen sie lieber schnell, wenn sie lebend wieder aus Aqtasch heraus kommen wollen", flüstert er.

Bashirs Warnungen sind nicht übertrieben. Keine halbe Stunde nach Ankunft in Aqtasch, etwa 15 Kilometer nordöstlich von Kunduz-Stadt und nur fünf Minuten weg von der Hauptstraße gen Norden, haben sich vor dem blauen Eingangsbogen der Schule gut ein Dutzend Taliban mit AK-47-Sturmgewehren um die Schulter postiert. "Was wollt ihr hier", ruft einer der Kämpfer, "das hier ist unsere Region, hier ist das Islamische Emirat von Nordafghanistan."

Die Reise zur Schule von Aqtasch, sie führt mitten in das Reich der Steinzeitkrieger, die rund um Kunduz-Stadt ganze Landstriche kontrollieren. Es dauert eine Weile, bis die Taliban den Weg freigeben.

Der Weg zurück aus Aqtasch ist nicht weniger bedrohlich und gibt doch ein Bild über die Lage nur rund 15 Kilometer vom deutschen Feldlager in Kunduz entfernt. Überall an den Straßen lungern Posten der Taliban herum, die Autos anhalten, offen ihre Waffen und ihre Macht präsentieren. Kommandeur in diesem Landstrich ist ein Taliban mit dem Namen Chalid Salim. Er ist jung und für seine Brutalität bekannt. Salim gehört zu den zehn meistgesuchten Islamisten im Raum Kunduz. "Wer für die Regierung oder für die westlichen Soldaten arbeitet", sagt einer seiner Männer an einem Check-Point, "wird von uns sofort gefangen genommen oder getötet."

Die Schule von Aqtasch, die noch vor einem Jahr dank mehrerer zehntausend Euro aus deutschen Entwicklungshilfetöpfen ein neues Dach bekam, ist kein Einzelfall. Mindestens zehn Mädchenabteilungen von Schulen rund um Kunduz wurden in den vergangenen drei Wochen nach massiven Drohungen der Taliban geschlossen, da die Eltern ihre Kinder nicht mehr zur Schule schickten. Die Schließungswelle betrifft keineswegs nur die als Taliban-Hochburg bekannte Region Charreh Darreh im Südwesten von Kunduz. Auch in drei weiteren Bezirken wurden Schulen bedroht, Eltern eingeschüchtert, der Unterricht schließlich eingestellt.

Die Nachricht über die Schließung der Mädchenschulen von Kunduz erreichte recht schnell höchste Regierungskreise in Kabul und Berlin. Das Einknicken vor den Taliban-Drohungen hat Symbolwert: Zum einen zeigt es, wie Taliban in der nächsten Umgebung des Bundeswehrcamps in Kunduz ungehindert mehr und mehr die Kontrolle übernehmen. Weder Bundeswehr noch die lokale Polizei können gegen die Islamisten wirksam vorgehen. Maximal temporär können Operationen der Deutschen und der Afghanen die paschtunischen Kämpfer vertreiben, doch diese terrorisieren dann Gebiete, in denen keine Soldaten sind.

Vor allem aber bedrohen die Schließungen einen der wenigen - und umso häufiger zitierten - Erfolge des deutschen Engagements am Hindukusch. Kein deutscher Spitzenpolitiker kam in den vergangenen Jahren ohne blumige Beschreibungen aus, wie ermutigend der Besuch einer Mädchenschule doch gewesen sei. Ähnlich wie im Süden Afghanistans, wo Säureanschläge auf Schulmädchen in den vergangenen Monaten für Schlagzeilen im Westen sorgten, benutzen die Taliban die Drohungen gegen die Mädchenschulen auch deshalb gezielt für ihre Propaganda. Westliche Truppen, so die Nachricht, können gegen die marodierenden Krieger nichts ausrichten.

"Night Letters" - nächtliche Drohungen der Taliban

Die Taktik der Taliban ist erschreckend einfach. Dutzende sogenannter Night Letters, kritzelig beschriebene Papiere, die nächtlich an den Türen der Schulen angebracht wurden, liegen auf dem riesigen Schreibtisch von Muqim Halimi. Im Büro des Ausbildungsbeauftragten der Provinzverwaltung Kunduz wartet eine Schar von Männern mit diversen Anliegen, die meisten wollen gegen ein bisschen Schmiergeld gute Zeugnisse für ihre Kinder. Als Halimi an diesem Morgen hört, dass es um die geschlossenen Mädchenschulen gehen soll, scheucht er die Bittsteller aus dem Raum. Er will mit dem Besuch aus Deutschland ungestört reden.

Bestürzung und Hilflosigkeit im Camp der Bundeswehr

Endlich allein, bestätigt Halimi die Schließungen. Laut liest er aus den Drohbriefen der Taliban vor. Sie sind so simpel wie eindeutig. "Von heute an", heißt es in einem Schreiben aus Aqtasch, "dürfen Mädchen nicht mehr zur Schule kommen". Gezeichnet ist das Schreiben mit dem Logo des "Islamischen Emirats von Afghanistan", sogar auf Englisch ziert dieses das Formblatt. Es ist ein weiterer Beweis, wie gut organisiert die Taliban im Einsatzgebiet der Bundeswehr mittlerweile sind.

Ein anderer Drohbrief zeigt ein Schulmädchen am Galgen. "Wir haben euch gewarnt", heißt es düster, "wenn wir nun Schulmädchen töten, dürft ihr euch nicht wundern."

Halimi beschreibt offen die prekäre Lage der Schulen. "Es gibt dort keine Polizei, auch die Armee traut sich nicht da hin", sagt er, "was soll ich da als Zivilist gegen die Taliban machen." Alarmiert von den Meldungen hat Innenminister Hanif Atmar mittlerweile seinen Polizeichef in Kunduz telefonisch aus Kabul zurechtgewiesen. Die Schulschließungen seien eine "Schande für Afghanistan". Es müsse was passieren. Polizeichef Abdul Racak aber ist ebenso ratlos. Erst vergangene Woche versuchte er, eine Patrouille nach Aqtasch zu schicken. Kaum von der Hauptstraße abgebogen, wurden sie beschossen. Zwei Polizisten starben bei der Taliban-Attacke.

Auch im deutschen Bundeswehr-Camp reagiert man auf die täglichen Meldungen über Schulschließungen mit einer Mischung aus Bestürzung und Hilflosigkeit. So schlecht ist die Sicherheitslage momentan, dass sich weder Militär noch zivile Helfer ein eigenes Bild vor Ort machen können. Aber realistisch müssen sich Helfer und Soldaten eingestehen, dass sie gegen die Drohungen der Taliban auch nicht viel ausrichten könnten. 650 Schulen gibt es rund um Kunduz, das Einsatzgebiet der Deutschen ist so groß wie Hessen. Mit dem deutschen Kontingent von 667 Soldaten kann man diese nicht schützen, so die nüchterne Analyse.

Die Meldungen von den geschlossenen Mädchenabteilungen passen in eine Entwicklung, die für die Region Kunduz sehr beunruhigend ist. Zeitlich, so die Analyse der Bundeswehr, begannen die massiven Drohungen der Taliban exakt, als auch die Angriffe auf die Deutschen häufiger und besser organisiert wurden. Seit Ende April steht das 19. Einsatzkontingent unter erheblichem Druck, am 29. April wurde ein Deutscher getötet. Im Mai gab es bereits vier, teils militärisch organisierte Attacken auf die Truppe. Jeden Tag rechnen die Soldaten mit neuen Angriffen. Dass die zeitliche Korrelation mit den Drohungen Zufall ist, will da niemand mehr so recht glauben.

Die Reaktion auf die Drohungen ist eine, die man bereits aus den vergangenen Monaten in Sachen Afghanistan kennt: Die Afghanen, so lautet mittlerweile die Standardformel, müssten mit ihrer Armee, die ja inzwischen immer besser aufgestellt sei, in Gebieten wie Aqtasch und den anderen bedrohten Regionen die Sicherheit wiederherstellen. Und so hoffen die Deutschen nach Gesprächen mit den afghanischen Partnern, dass diese schon bald eine größere Operation rund um die Schule von Aqtasch starten könnten. Unterstützung bekommt die afghanische Armee bei solchen Missionen von den Deutschen, doch die Frontarbeit sollen die lokalen Kräfte machen.

Bis dies geschieht, werden wohl weitere Mädchenschulen rund um Kunduz dichtmachen.

Trotzdem sind immer wieder auch positive Nachrichten zu hören: An der Mädchenschule von Quosh Tape nahm der Schulleiter, ein ehemaliger Mudschahidin-Veteran, das Schicksal seine Schule selbst in die Hand. Als die Taliban zum zweiten Mal in seine Klassenräume kamen und ihre Drohungen präsentierten, löste der Schulleiter die Sache auf afghanische Art: Im Kampf auf Leben und Tod, fuhr er die ungewünschten Besucher an, kenne er sich wesentlich besser aus als sie. Man könne dies auch gern gleich ausprobieren.

Die Drohung zeigte Wirkung: Die Mädchen in Quosh Tape jedenfalls gehen weiter zur Schule.

Verwandte Artikel